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Segeberg Parkinson: Spielkonsole bringt Patienten in Bewegung
Lokales Segeberg Parkinson: Spielkonsole bringt Patienten in Bewegung
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Manouchehr Shamsrizi von der Firma Retro-Brain erklärt Prof. Dr. Björn Hauptmann, Chefarzt Parkinson und Bewegungsstörungen, und Physiotherapeutin Christiane Sawatzki die Steuerung des Spiels mittels Körperbewegungen. Quelle: hfr

Physiotherapeutin Christiane Sawatzki läuft auf der Stelle. Der Radfahrer vor ihr auf dem TV-Bildschirm tritt in die Pedale. Je schneller sie läuft, desto schneller fährt ihr Avatar. Die Zeit läuft. Das Spiel ist gestengesteuert. Mit Bewegungen des Oberkörpers lenkt der Spieler seine Figur bis endlich der Briefkasten am Straßenrand auftaucht und mit einer Armbewegung die Sendung eingeworfen werden kann. Das Videospiel soll jedoch kein Vergnügen für die Mitarbeiter des Neurologischen Zentrums in Bad Segeberg sein. Spiele wie dieses sollen als neue Therapieform eingesetzt werden, um die Beweglichkeit von Parkinsonpatienten zu verbessern.

Dafür haben die Segeberger Kliniken, zu denen das Neurologische Zentrum gehört, ein Projekt mit der Firma Retro-Brain beschlossen, einem Spieleentwickler für präventive und gesundheitsfördernde Videogames aus Hamburg. „Parkinsonpatienten leiden im Verlauf ihrer Erkrankung zunehmend an körperlicher Bewegungseinschränkung. Mit speziell auf diese Bedürfnisse zugeschnittenen Videospielen werden Beweglichkeit und geistige Fähigkeiten der Patienten trainiert“, erläutert Chefarzt Professor Björn Hauptmann.

Pünktlich zum 20. Weltparkinsontag am 11. April wurden in der Klinik die ersten beiden Memore- Boxen installiert. Auf den ersten Blick scheinen sich die Videospiele der Konsole kaum von denen anderer Hersteller zu unterscheiden. Allerdings erfolgt hier die Steuerung rein gestenbasiert und ohne Controller. Der Patient steuert die auf einem Fernseher angezeigten Spiele komplett durch Körperbewegungen – und führt damit therapeutische Übungen aus. „Videospiele können Parkinson-Patienten helfen, sicherer zu gehen oder Bewegungsabläufe wieder neu zu erlernen. Viele kommerzielle Spiele, bei denen alte Menschen oder Patienten mit Parkinson schnelle Entscheidungen treffen und komplexe Bewegungen ausführen müssen, um Hindernisse zu umgehen, sind zu risikoreich und vor allem demotivierend“, erklärt Manouchehr Shamsrizi von der Firma RetroBrain.

Im Mittelpunkt steht die Ausübung von weitreichenden Bewegungen, um Balance- und Reaktionsfähigkeit zu verbessern. So kann mit Hilfe von ausladenden Körperbewegungen etwa ein Motorrad gesteuert werden oder eben mit Armbewegungen von einem Fahrrad aus Briefe verteilt werden.

Die Patienten über die virtuelle Spielwelt zu speziellen Bewegungen zu motivieren und kognitiv zu aktivieren, ist ein wesentlicher Effekt dieser Therapieform. „Bislang wurden die Spiele in Senioreneinrichtungen, unter anderem auch bei Demenzpatienten, eingesetzt. Im Rahmen des Projekts werden wir zusammen mit den Entwicklern die Spiele an die spezifischen Bedürfnisse von Parkinsonpatienten anpassen“, erläutert Hauptmann. „Mit der Memore-Box haben wir therapeutisch die Möglichkeit, Bewegungen gezielt zu erfassen und zu korrigieren sowie die Patienten zu mehr Bewegung auch außerhalb der Therapiesitzungen zu motivieren. Darüber hinaus erzeugt der Prozess auch ein gemeinschaftliches Erlebnis mit viel Spaß für die Teilnehmer.“ Die Spieler sammeln Punkte, können gegeneinander antreten und sich anspornen.

Retro-Brain ist ein eHealth- und Gamification- Startup, das ein interdisziplinäres Gründerteam mit Unterstützung des Bundeswirtschaftsministeriums an der Humboldt-Universität zu Berlin initiiert hat. „Mit neuen, innovativen Behandlungskonzepten wollen wir unsere Angebote für Patienten erweitern und ein Alleinstellungsmerkmal für unsere Klinik erreichen“, erklärt Segeberger-Kliniken-Geschäftsführer Axel Post die neue Zusammenarbeit.

LN

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