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Segeberg Praxis ohne Grenzen: Kein Ende in Sicht für das „Provisorium“
Lokales Segeberg Praxis ohne Grenzen: Kein Ende in Sicht für das „Provisorium“
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20:13 29.12.2017
Bad Segeberg

„Leider!“, sagt Dr. Uwe Denker. Eigentlich war seine Praxis ohne Grenzen am Kirchplatz 2 in Bad Segeberg als „provisorische Zwischenlösung“ gedacht, bis die Politik die Lücken in der Krankenversorgung schließt für Menschen, die durch das soziale Netz fallen. Oft unverschuldet, wie Denker betont. Bedroht sei etwa der selbstständige Mittelständler, bei dem die Geschäfte gerade nicht gut laufen.

Selbstständige aus dem Mittelstand, die ihre Privatversicherung nicht mehr zahlen können, sind die Hauptklientel von Dr. Uwe Denker und seinem Team. Der 79-Jährige gründete vor acht Jahren die Praxis ohne Grenzen. *FOTO: MW

„Die Beiträge für die Private Krankenversicherung aber richten sich nicht nach dem Einkommen.“ Auch nicht für die freiwillig gesetzlich Versicherten, die den Arbeitgeberanteil selbst tragen müssen.

„Da haben es Angestellte besser“, betont Denker. Dazu kommen Rentner, deren private Krankenkassenbeiträge die Rente auffressen oder gar übersteigen und deshalb in einen Nottarif abrutschen.

„Rausgeworfen werden können sie nicht. Das heißt aber, dass die Betroffenen einen Arzt finden müssen, der für diesen Tarif behandelt. Denn es gibt keine Vereinbarung zwischen Ärzten und Privatkrankenversicherung, dass sie zu niedrigem Tarif behandeln müssen.“

Besonders am Herzen liegen Denker die Kinder, die dann ebenfalls nicht mitversichert sind, wenn ihre Eltern ihre Versicherung nicht mehr zahlen können. „Die bekommen keine Impfungen, keine Vorsorge“, verdeutlicht Denker. „Deshalb ist eine unserer Forderungen auch eine kostenlose Krankenversicherung für Kinder unter 18 Jahren.“

Wie viele Menschen tatsächlich ohne Krankenversicherung sind lasse sich kaum beziffern, sagt Denker. Einen Anhaltspunkt liefere die Zahl der Nichtzahler, die ihre Beiträge nicht bedienen. „Das sind bei den gesetzlichen Krankenkassen 450000 Menschen und um die 115000 bei den privaten“, sagt Denker. „Über 500000 Leute sind also Nichtzahler, weil sie es nicht können.“ Nur ein ganz geringer Teil zahle seine Beiträge bewusst nicht.

„Zu uns kommen Menschen aus der ganzen Republik, teilweise auch aus dem Ausland“, sagt Denker. Etwa 200 Patienten im Jahr. Das seien keine Erkältungspatienten. „Die kommen mit lebensbedrohlichen Erkrankungen.“ Mit Zuckerwerten, die völlig aus dem Ruder gelaufen seien, mit Herzproblemen, mit Krebs im fortgeschrittenen Stadium. „Manchen können wir auch nicht mehr helfen“, sagt Denker. Die Praxis ohne Grenzen zahlt Medikamente, Krankenhausaufenthalte, Operationen. Jüngst etwa einen Herzschrittmacher für 15000 Euro – finanziert durch Spenden.

„Wir ernähren uns ausschließlich von Spenden“, sagt Denker. „Wir machen auch keinen Gewinn.“ Deshalb sei es für ihn und vier weitere Ärzte sowie jeweils zwei Arzthelfer, die die wöchentlichen Sprechstunden anbieten, irrelevant, ob ein Patient erscheine oder zehn. „Gestern hatte ich Dienst zum Beispiel, da kam ein Patient. Aber mir ist das egal. Wenn einem geholfen wird, ist das für uns genug. Wir machen das aus Nächstenliebe.“ Ein „Lohnt sich nicht“ gebe es nicht.

Für Patienten von weiter weg verweisen die Segeberger Ärzte aber auf ein Hilfsnetzwerk in Wohnortnähe. „Das kann man im Internet heraussuchen unter Gesundheit-ein-Menschenrecht.de“, sagt Denker. Bei der einfachen Suche im Netz tauche die Segeberger Praxis aber als erste auf, weil sie immer noch die bekannteste ist, ein Vorreitermodell.

Dass die Neustädter Praxis nun geschlossen hat, bedauert Denker. Er vermutet, dass die Praxis zu wenig bekannt gewesen ist. Sie war auch nur einmal in 14 Tagen geöffnet. „Dann suchen sich die Menschen andere Anlaufpunkte“, vermutet Denker. Trotzdem ist es eine Praxis weniger im Netz. In Schleswig-Holstein verbleiben nun noch sechs Standorte.

Kostenlose Arztpraxen in Schleswig-Holstein

Sechs Standorte der Praxis ohne Grenzen gibt es in Schleswig- Holstein:

Bad Segeberg: Kirchplatz 2; Sprechzeiten

jeden Mittwoch von

15 bis 17 Uhr.

Stockelsdorf: Marienburgstraße 5, mittwochs 15 bis 17 Uhr.

Preetz: Am alten Amtsgericht 5; mittwochs

15 bis 17 Uhr.

Husum: Markt 10-12; mittwochs 15 bis 17 Uhr.

Rendsburg: Moltkestraße 1; mittwochs 16 bis 17 Uhr, donnerstags 10 bis 11 Uhr.

Flensburg: Norderstraße 58-60 (Gesundheitshaus); mittwochs

15 bis 17 Uhr.

Nadine Materne

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