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Segeberg Prozess um Millionenbetrug - Freispruch für Angeklagten
Lokales Segeberg Prozess um Millionenbetrug - Freispruch für Angeklagten
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17:04 08.02.2018
Das Kieler Landgericht. Quelle: Carsten Rehder/dpa
Kiel/Norderstedt

Das Urteil kam nicht sehr überraschend. Bereits im Dezember hatte das Gericht unter Vorsitz von Michael Scheck angeordnet, den Angeklagten Günter T. (Name geändert) nach fünf Monaten aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Denn seit Prozesseröffnung im Oktober hatte die Beweisaufnahme keine Hinweise darauf ergeben, „dass der Angeklagte auch nur einen Cent von dem Betrag erhalten hat“, so Richter Scheck gestern in seiner Begründung. Vielmehr sei der Angeklagte, wie auch die Investoren, davon ausgegangen, dass das „fantastische Erbe“ existiert und irgendwann beim Angeklagten ankommen würde.

Ein im wahrsten Sinne des Wortes fantastisches Erbe

Fantastisch ist das richtige Wort. 12,5 Millionen Euro sollte T. erben, hieß es in einem Schreiben von einer vermeintlichen Kanzlei in England im Jahr 2005. Das Geld sollte von einem Londoner Geschäftsmann stammen, den T. in den 90ern kennengelernt hatte. Allerdings: Für die Auszahlung des Erbes seien Vorausleistungen nötig. Erbschaftssteuer, Strafzahlungen. Zunächst 400 000 Euro. „Der Angeklagte ging davon aus, dass das Erbe echt ist und überwies selbst 50 000 Euro“, fasste Richter Scheck zusammen. Ein Beweis dafür, dass T. mit dem Erbe rechnete. Doch diese 50 000 Euro reichten nicht aus. 2006 lernte T. eine Finanzbuchhalterin kennen und erzählte ihr von seinem Millionenerbe. Auch sie glaubte die Geschichte und wollte helfen. Über 350 000 Euro überwies auch sie ins Ausland. Als Investment: Dafür sollte sie später 15 Prozent der Erbschaft erhalten, 1,9 Millionen Euro. Doch stetig traten neue Hindernisse auf, das Verfahren zog sich in die Länge. Zudem sollte zwischenzeitlich auch die Ehefrau des Londoner Geschäftsmannes gestorben sein und die Erbsumme auf 22 Millionen US-Dollar steigen. Immer neue Zahlungen wurden fällig. Eine Anwältin aus Norderstedt schaltete sich ein, wollte T. helfen, zu seinem Recht zu kommen. Sie investierte 180 000 Euro, für die sie später 900 000 Euro bekommen sollte. Scheck: „400 Prozent Gewinn.“ Die Anwältin brachte weitere Geldgeber mit ein. Insgesamt wurden 3,4 Millionen Euro auf Auslandskonten überwiesen. Einer der Investoren habe selbst ausgesagt: „Gier frisst Verstand.“

Bis heute ist unklar, was aus den Millionen geworden ist. Hinweise darauf, dass der Angeklagte Zugriff auf jene Konten oder Kontakt zu den unbekannten Hintermännern hatte, gibt es laut Gericht keine. Da T. selbst fest davon ausging, Millionenerbe zu werden, liege kein Täuschungsversuch vor. Damit sei er freizusprechen und für die Zeit in der U-Haft zu entschädigen.

Erleichtert nahm T. nach der Verhandlung seine Töchter in die Arme. Sein Verteidiger ist zufrieden. „Er war gutgläubig und hat diese Gutgläubigkeit an die Geschädigten weitergegeben“, sagt Anwalt Peter Meyer-Grage. Enttäuscht sei er aber, dass nicht ermittelt werden konnte, was aus den Zielkonten zumindest in Europa geworden ist.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob sie in Revision geht. Sie hatte zwei Jahre Haft auf Bewährung gefordert wegen gewerbsmäßigen Betruges: 110 000 Euro hatte T. direkt von den Investoren für seinen Lebensunterhalt erhalten.

Nadine Materne

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