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Prozess um totes Baby: Mutter wohl vermindert schuldfähig

Kiel/Sülfeld Prozess um totes Baby: Mutter wohl vermindert schuldfähig

Im Fall der an der B 432 in Sülfeld gefundenen Babyleiche (LN berichteten) hat am Freitag der Psychiater sein Gutachten vorgelegt. Die angeklagte Mutter des Kindes sei demnach offenbar nur vermindert schuldfähig.

Die Angeklagte Rozina G. liegt im Gerichtssaal im Arm ihrer Verteidigerin Nicole Buchert. 

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Kiel/Sülfeld. Die Angeklagte im Prozess um das getötete Baby von Sülfeld ist offenbar nur vermindert schuldfähig. Zu diesem Ergebnis kommt der Psychiater Thomas Bachmann in seinem Schlussgutachten, das er am Freitag vor dem Kieler Landgericht vorstellte.

Nach seiner Analyse leide Rozina G. sowohl unter einer schweren Depression als auch unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) infolge der Ereignisse auf ihrer Flucht von Eritrea nach Deutschland. Die 23-Jährige wurde dort nach eigenen Angaben über Wochen von muslimischen Milizionären vergewaltigt. Dass sie verfälschte Erinnerungen an die Geburt ihres Kindes und dessen mögliche Tötung habe – die Frau hatte am ersten Prozesstag vorgegeben, „kein Kind gesehen“ zu haben – sei vor diesem Hintergrund zumindest plausibel, so der Psychiater.

Vorab hatte er ausführlich von einem Gespräch mit Rozina G. berichtet. Anders als während des Prozesses habe sie ihre Schwangerschaft und die Geburt damals keineswegs abgestritten. Tatsächlich habe sie nach ihren Schilderungen aber versucht, das Thema zu verdrängen. In den Momenten, wo es hingegen doch in ihr Bewusstsein rückte, sei sie in Furcht gewesen vor „einem Leben mit einem Kind, das keinen Vater hat“. Während dieser Reflexionen habe sie zudem unter Flashbacks der Vergewaltigungen gelitten oder sei „hingefallen“, wie sie sich ausgedrückt habe, also bewusstlos geworden. Auch das passe nach Bachmanns Einschätzung zur PTBS-Diagnose.
„Man hat auch gemerkt, dass eine Bindung zu dem Kind nicht besteht“, sagte Bachmann. G. habe ihm gegenüber eingeräumt, keinerlei Muttergefühle dafür zu besitzen. „Es hat keine Schuld, es muss geboren werden“, sei eine der wenigen persönlichen Äußerungen, die sie zu dem Kind gemacht habe.

Die Geburt der Tochter, von der Kirchengemeinde Sülfeld postum auf den Namen Teresa getauft, habe Rozina G. aber offenbar bewusster erlebt, als von ihr vor Gericht behauptet. Dem Psychiater gegenüber habe sie erklärt, dass das Kind tot war, als es auf die Welt kam. „Gott hat es zu sich geholt.“ So habe es die Angeklagte beschrieben. Auf die Frage, was sie danach getan habe, habe sie nur gesagt: „Dagelassen“.

Gefunden worden war die Leiche allerdings in einer gelben Plastiktüte zusammen mit Kleidungsstücken. Die zuständige Rechtsmedizinerin geht überdies davon aus, dass das kleine Mädchen nach der Geburt definitiv gelebt hat. Eine bewusste Tötung des Kindes streitet Rozina G. jedoch vehement ab. Auch Schuldgefühle habe sie nicht, da sie nach ihrer Auffassung kein Verbrechen begangen habe.
Dass die Geschichte der Vergewaltigung durch die Milizen nur eine Schutzbehauptung ist, schließt Psychiater Bachmann aus. Wenn das Gespräch auf dieses Thema kam, habe sie mit großer Verstörung und Verzweiflung reagiert. Das sei keinesfalls gespielt gewesen. Alles in allem sei deshalb davon auszugehen, dass die Steuerungsfähigkeit von Rozina G. bei der Geburt der Tochter ganz erheblich eingeschränkt war, bilanzierte Bachmann.

Der Prozess wird am 2. Oktober mit den Plädoyers fortgesetzt.

Oliver Vogt

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