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Segeberg Verteidiger schürt Zweifel: Ist „G. B.“ der wahre Täter?
Lokales Segeberg Verteidiger schürt Zweifel: Ist „G. B.“ der wahre Täter?
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08:41 27.10.2018
Der 48 Jahre alte Angeklagte (vorn) sitzt beim Auftakt des Mordprozesses im Schwurgerichtssaal neben seinem Anwalt Jonas Hennig. Quelle: dpa
Kiel,

Ist dieser Mann ein kaltblütiger Mörder? Schwer atmend, den Blick zu Boden gerichtet, wurde Volker L. gestern in Handschellen in den Saal 232 des Kieler Landgerichts geführt, empfangen von einem Blitzlichtgewitter der Fotografen und den Linsen der Kamerateams. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 48-Jährigen vor, seine 14 Jahre jüngere Frau Nadine am 1. November während eines Spaziergangs in der Feldmark an der A21 in Schackendorf erschlagen und ihr mit einem scharfen Gegenstand den Hals aufgeschlitzt zu haben. Hintergrund dafür sollen laut Staatsanwaltschaft andauernde Eheprobleme gewesen sein. L. habe seine Frau verdächtigt, ihn mit ihrem Sporttrainer zu betrügen, sie habe auch mit Trennung gedroht.

Eine Reise in den Harz, von dem das Paar am Tag der Ermordung der 34-jährigen Krankenschwester zurückgekehrt war, sollte die Beziehung wieder kitten. Stattdessen wurde der Urlaub vorzeitig abgebrochen. Während des Spaziergangs habe L. dann nach Vorhaltungen vor ihr die Beherrschung verloren, seine Frau getötet. Um einen Sexualmord vorzutäuschen, soll er anschließend ihren Unterleib entkleidet haben. Soweit die Version der Staatsanwaltschaft.

L.’s Verteidiger, der Lüneburger Rechtsanwalt Jonas Hennig, bestreitet das vehement. Bereits im Vorwege der Verhandlung hatte er nicht weniger angekündigt, als das „Indiziengebäude der Staatsanwaltschaft“ zum Einsturz zu bringen, denn Volker L. sei aus seiner Sicht ein unschuldiger Mann. Ob ihm das gelingen wird, muss der weitere Prozess zeigen. In jedem Fall konnte Hennig in einem Eröffnungs-Statement am Freitag erhebliche Zweifel an der Darstellung der Anklage schüren.

Denn nach Hennigs Schilderung war das Paar zwar gemeinsam mit dem dreijährigen Sohn und dem Hund zu dem Spaziergang aufgebrochen, wobei in der Tat Spannungen zwischen den beiden bestanden hätten. Als der Familienhund weggelaufen sei, habe sich Nadine L. deshalb allein auf die Suche nach dem Tier gemacht, während der Angeklagte gemeinsam mit seinem Sohn nach Hause zurückgekehrt sei, wo er auf ihre Rückkehr gewartet habe.

Schackendorf am 2. November 2017: Eine Hunderschaft der Polizei sucht in der Nähe des Fundorts der Leiche nach Spuren. Quelle: SGB

„Es hat dann für ihn eine verzweifelte Nacht begonnen“, führte Hennig aus. L. sei auf der Suche nach ihr mit dem Pkw herumgefahren, habe später die Polizei kontaktiert. Das erste Mal um drei Uhr morgens, ein weiteres Mal um fünf Uhr morgens. Gegen acht Uhr habe er schließlich einen Bekannten gefragt, ihm bei der Suche zu helfen. Beide seien wenig später auf den blutüberströmten Körper gestoßen. „Der Zeuge hat berichtet, dass Volker L. mit tiefer Verzweiflung reagiert und den Leichnam seiner Frau umarmt hat“, schilderte Rechtsanwalt Hennig, um dann mit der aus seiner Sicht schlampigen Polizeiarbeit ins Gericht zu gehen. Die sei von der „Tatortweisheit“ ausgegangen, wonach der Ehemann auch der Täter sein müsse.

Dabei gebe es aus Hennigs Sicht keinen Beweis für die Schuld von Volker L., im Gegenteil sprächen die Indizien sogar für ihn. So trage der schwerkranke L., er leidet unter anderem an Morbus Crohn, einen implantierten Defibrillator. Die später daraus ausgelesenen Werte hätten für den Tatzeitraum zwar auf eine besondere emotionale Anspannung schließen lassen, die für Hennig mit der Sorge um die vermisste Frau leicht zu erklären sei. Es gebe aber keine Anzeichen auf hohe körperliche Anstrengungen, die ein derartiger Mord mit sich gebracht hätte. Hinzu komme, dass es Volker L. in seinem gebrechlichen Zustand gar nicht seiner Frau hätte aufnehmen können, die als außerordentlich fit und durchtrainiert galt.

Auch gebe die Spurenlage einen Beweis nicht her. Der „scharfe Gegenstand“, mit dem der Hals des Opfers verletzt wurde, sei bis heute nicht gefunden worden. An dem anderem Teil der Mordwaffe, dem abgebrochenen Pfahl aus recyceltem Altplastik, gebe es keine DNA-Spuren, die L. zugeordnet werden können. Stattdessen – und damit schockierte Jonas Hennig die Anwesenden im Gerichtssaal – seien Spuren von einem bei der Polizei wegen Körperverletzungs- und Betrugsdelikten bekannten polnischen Staatsbürger gefunden worden, den Hennig nur mit den Initialen „G. B.“ benannte. „Und da stellt sich doch die Frage, wie dessen DNA an einen Zaunpfahl mitten im Nirgendwo kommt“, so Hennig.

Unterm Strich habe die Staatsanwaltschaft als vermeintlich objektivste Behörde in Deutschland komplett versagt, schloss Hennig sein Statement. Sie habe eine „entfesselte Polizei“ ermitteln lassen, die sich zahlreicher „Schandtaten“ schuldig gemacht habe. So sei L. von der Polizei vernommen worden, obwohl er nachweislich 24 Stunden nicht geschlafen habe. Auch ein Anwalt sei erst mit mindestens drei Stunden Verzögerung kontaktiert worden, nachdem L. das erste Mal nach einem verlangt hatte. Hennig: „Ist klar: Der hätte bei den Vernehmungen auch nur gestört.“

Der Prozess wird am 6. November fortgesetzt.

Oliver Vogt

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