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Segeberg Reinhard Kraft: Er lebte für die Firma
Lokales Segeberg Reinhard Kraft: Er lebte für die Firma
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20:30 31.03.2018
Reinhard Kraft, dessen Ehefrau Helga bereits 2010 verstorben war, hinterlässt vier Kinder und ein Enkelkind. Quelle: LN
Bad Segeberg

Für die Bad Segeberger und selbst für Mitarbeiter des Möbelhauses blieb der scheue Unternehmer lange Zeit ein Mysterium. Am gesellschaftlichen Leben in der Stadt nahm er nicht teil, persönlich kannten ihn die wenigsten. Mit Ausnahme seines Büros im dritten Stock des inzwischen abgerissenen Kraft-Verwaltungsgebäudes, das selbst an Sonntagen bis tief in die Nacht erleuchtet war, blieb er weitgehend unsichtbar.

Seit 2010 Witwer

Reinhard Kraft wurde am 27. September 1948 in Bad Segeberg geboren. Am 1. April 1966 begann er seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann und trat anschließend als Junior-Chef in das Unternehmen ein. Hier lernte er auch seine Ehefrau Helga kennen, die er 1974 heiratete. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. Helga verstarb 2010 nach schwerer Krankheit im Alter von nur 59 Jahren. Ihr Verlust machte Reinhard Kraft schwer zu schaffen.

Die Trauerfeier für Reinhard Kraft findet am kommenden Freitag, 6. April, um 13 Uhr in der Marienkirche statt.

Gemeinsam mit seinem Bruder Gerhard baute er auf dem Fundament, das Vater Artur 1954 mit dem Neubau des markanten rot-weißen Möbelhauses an der Ziegelstraße legte, ein florierendes und weit über Norddeutschland bekanntes Unternehmen auf. Lange bevor Ikea ein ernstzunehmender Akteur wurde, standen Sofas und Schränke aus Bad Segeberg in etlichen Wohnungen der Republik. Als nach der Wende auch die Ostdeutschen an die Ziegelstraße strömten, trat Möbel Kraft in eine goldene Ära ein. Auf dem Zenit in den 90er Jahren waren fast 3000 Menschen bei Kraft beschäftigt – und alle verdienten deutlich mehr, als in der Branche üblich war.

Im andauernden Höhenflug war es aber auch Reinhard Kraft, der es versäumt hatte, notwendige Weichen zu stellen. Während Möbelhäuser anderer Ketten in den 90er Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen und aggressives Marketing betrieben, verließen er und sein Bruder sich zu lange auf den exzellenten Ruf des Stammhauses. Versuche, Anfang der 2000er mit der Eröffnung des Einrichtungshauses Buchholz und dem Kauf zweier Unger-Filialen das Ruder herumzureißen, kamen zu spät, die Umsätze brachen ein.

Um trotz drohender Insolvenz den Schein des unangefochtenen Platzhirsches zu wahren, wurden überzählige Mitarbeiter gegen hohe Abfindungen freigestellt und zum Stillschweigen verpflichtet. Lange ging das nicht gut. Es war der Tiefpunkt der mehr als 100-jährigen Unternehmensgeschichte und – abgesehen vom Tod seiner Ehefrau Helga 2010 – auch der Tiefpunkt im Leben von Reinhard Kraft. „Sein ganzes Streben und Handeln hat immer nur dem Wohlergehen des Unternehmens gegolten“, sagt Möbel-Kraft-Vorstand Günter Loose.

Das Lebenswerk vor dem Ruin zu sehen, dürfte für ihn die Hölle gewesen sein.

Die Rettung kam 2004 in Gestalt des Möbelunternehmers Kurt Krieger, der mit frischem Geld bei Möbel Kraft einstieg und das Unternehmen einem radikalen Umbau unterzog. Hunderte Stellen wurden abgebaut, die Gehälter um 30 bis 40 Prozent eingedampft.

Im Gegensatz zu seinem Bruder blieb Reinhard Kraft auch nach der Krise als Miteigentümer und Teil der Geschäftsführung im Unternehmen verhaftet. Als die Häuser in Bad Segeberg und Buchholz 2010 in die Möbel Kraft AG umgewandelt wurden, gehörte Reinhard Kraft als 25-prozentiger Anteilseigner dem Vorstand an, vor allem als graue Eminenz im Hintergrund und als Berater. „Er hat wichtige Denkanstöße für die Weiterentwicklung des Unternehmens geleistet“, sagt Loose. Ans Kürzertreten sei für ihn nie zu denken gewesen, auch im Rentenalter saß er noch täglich in seinem Büro. In seinen letzten Lebensjahren war Reinhard Kraft auch in der Öffentlichkeit häufiger zu sehen. Seine Scheu hatte er abgelegt, trat auch als Redner bei öffentlichen Terminen in Erscheinung.

Sein Tod kam unerwartet. Nach einem leichten Eingriff hatte er sich bereits auf dem Wege der Genesung befunden. Nur zur Kontrolle sollte er das Wochenende in der Herzklinik in Bad Segeberg verbringen. Dort schlief er dann am Sonntag für immer ein. Am Freitag davor hatte er Günter Loose noch in seinem Büro besucht, „und sich sein geliebtes altes Nokia-Handy wiedergeben lassen. Von Smartphones hat er nichts gehalten“, erinnert sich der Vorstandschef. Und auch wenn sein Unternehmen nicht ganz den Kurs genommen hat, den sich Reinhard Kraft gewünscht hatte: „Zuletzt ist er mit sich im Reinen gewesen.“

Oliver Vogt

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