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Segeberg Retter bezwingen die Urgewalten
Lokales Segeberg Retter bezwingen die Urgewalten
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22:22 21.06.2013
Einsatz im überfluteten Keller der Schule Warderfelde. Quelle: Foto: Glombik

Es war die Nacht der Feuerwehren, des Ehrenamtes, der Hilfe: Manche Helfer waren in der Unwetternacht und am folgenden Donnerstag zwölf Stunden und länger auf den Beinen, pumpten am Fließband Keller leer, zersägten umgefallene Bäume. 70 Wehren von 117 im Kreis mussten ausrücken.

In Kaltenkirchen hatten acht Feuerwehrmänner großes Glück. Sie überlebten, wie berichtet, einen Blitzschlag, konnten inzwischen das Krankenhaus verlassen. „Ein Kamerad muss noch zur Nachkontrolle“, sagte der stellvertretende Wehrführer in Kaltenkirchen, Volker Mohr. Er stand etwa 200 Meter entfernt, als es einschlug. „Dann kam auch gleich die Funkmeldung, dass mehrere Kameraden getroffen waren.“ Kribbeln in den Beinen, Pulsrasen, ein Schock wurde festgestellt. Drei Meter von den pumpenden Feuerwehrleuten entfernt war der Blitz in einen Laternenmast gefahren. Die Männer standen dabei im Wasser, waren durchnässt. Mit Notarzt und Rettungswagen ging es ins Krankenhaus. „Wir können uns bei derartigen Einsätzen nicht vom Blitz verstecken, wir müssen helfen“, betonte Mohr.

In zweieinhalb Stunden registrierte die Rettungsleitstelle Holstein in Norderstedt 350 Einsätze. Kreiswehrführer Rolf Gloyer: „So etwas hat es noch nie gegeben, an diese Einsatzhäufigkeit kann ich mich nicht erinnern.“ Hätte das Unwetter tagsüber gewütet, es wäre schwieriger gewesen, genügend Kräfte aufzubieten. „Nachts sind wir hingegen sehr gut aufgestellt“, betonte Gloyer. Für ihn sei dieser Großeinsatz auch ein wichtiger Fingerzeig, „sich weiterhin um intensive Nachwuchsförderung bei den Wehren zu kümmern“.

Von allen Seiten wurde auch die Leitstelle gelobt, die die Masse an Notrufen abarbeiten musste. Zuständig für die Rettungsleitstelle Holstein ist der Norderstedter Amtsleiter Joachim Seyferth. „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir hier so etwas schon erlebt haben.“ Alle sieben Plätze waren besetzt, als es richtig haarig wurde. Mit einem speziellen Programm konnten in der Zentrale die genauen Prognosen des deutschen Wetterdienstes verfolgt werden. Wo würde sich die schlimmste Gewitterfront aufbauen? Seyferth: „Um 22.15 Uhr war klar, dass das eine harte Nacht werden würde.“ Eine viertel Stunde später brach das Unwetter los. Der Funkverkehr war teilweise durch den permanenten Blitzschlag gestört. Mehr noch hatte aber der zeitweise Ausfall des Handynetzes die Einsatzkräfte behindert.

Großes Lob von Seyferth an die Feuerwehren: „Die waren sehr diszipliniert, haben ihre Wagen ein paar Meter bewegt bis sie wieder Funkkontakt hatten.“ Bei den größeren Wachen in Bad Segeberg und Wahlstedt wurden die Einsatzmeldungen schon wegen des überlasteten Funknetzes per Fax verschickt. Das habe sich bewährt, sagte Kreispressewart Dennis Oldenburg. Gegen so extreme Wetterlagen könne man sich nicht komplett schützen. Bürger sollten ihre Wasserabläufe frei halten. Manchmal riefen Leute schon an, wenn sie drei Zentimeter Wasser im Keller hätten, bemerkte Seyferth. Spät in der Unwetternacht habe sich ein erschöpftes älteres Ehepaar in der Leitstelle gemeldet. Ob denn jetzt alles vorbei wäre und sie zu Bett gehen könnten? Sie hatten alleine 80 Zentimeter hochstehendes Wasser aus ihrem Keller geschafft. Seyferth: „Es gibt eine Generation, die packt an, wenn andere sofort um Hilfe schreien.“

Bad Segeberger Klärwerk lief voll
Gibt es zu wenig Gullys in der Fußgängerzone? Warum werden die Gassen und Twieten der Innenstadt bei starkem Regen zu wilden Gebirgsbächen? Ist die Kanalisation zu klein bemessen? Wie kann es angehen, dass sich zum Beispiel bei der Autovermietung Tohde ganze Wassermassen von der öffentlichen Ziegelstraße über die Einfahrt auf das private Grundstück ergießen?

Fragen an Bad Segebergs Bauamtsleiterin Antje Langethal. Sie betonte gestern, dass Unwetterlagen wie in der Nacht zu Donnerstag Ausnahmen seien. Die Rohre seien normgerecht. „Wenn wir uns auf derartige extreme Wetterlagen einstellen wollten, müssten wir überall die Kanalisation massiv ausbauen. Da kommen wir an die Grenzen“ Positiv bewerte sie, dass die Regenrückhaltebecken in der Stadt alle gehalten haben. Aber auf der Klärwerkanlage war der Ausgleichsbehälter voll und es mussten stark verdünnte Abwässer direkt in die Trave geleitet werden. Das sei aber „extrem“ durch Wasser verdünnt gewesen, betonte sie. Es gebe sicher in jeder Kanalisation Schwachstellen, wichtig sei auch, dass die Hauseigentümer ihre Rückschlagventile funktionsfähig halten. Eine Voraussetzung, damit nicht sofort der Keller volllaufe. Im Falle der Autovermietung Tohde werde die Stadt dieses Einzelproblem prüfen, sagte sie zu. Aber grundsätzlich komme es auch zu Überschwemmungen auf privaten Grundstücken, wenn die ganze Straße überflutet sei und das Wasser nicht anders abfließen könne. Ein Zusatzproblem bei dem Unwetter war der kräftige Sturm. Laub wehte herunter, dicke Blattschichten verstopften die Gullys. So habe das Wasser besonders lange auf den Straßen gestanden, erklärte Antje Langethal.

wgl Wolfgang Glombik

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