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Rotmilan von Windkraftanlage getötet

Groß Niendorf Rotmilan von Windkraftanlage getötet

Am Wochenende wurde bereits der vierte Rotmilan ein Opfer der Anlagen im Tralauer Windpark. Die Vögel stehen unter Naturschutz - in Stormarn und Segeberg leben insgesamt nur circa 35 Brutpaare. Und es sollen weitere Windräder gebaut werden.

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Ein Jammer: Dieser Rotmilan, den Hans Wirth hier in den Händen hält, wurde von der Windkraftanlage im Hintergrund förmlich enthauptet.

Quelle: hfr

Groß Niendorf. Ein außergewöhnliches Naturschauspiel war am Wochenende über der Feldmark zwischen Groß Niendorf und Tralau zu beobachten. Am Freitag suchten 18 wohl überwiegend auf dem Durchzug befindliche Rotmilane in diesem Bereich nach Nahrung. Dort stehen vier Windkraftanlagen, die von den seltenen Vögeln regelmäßig passiert oder überflogen wurden. Einer der Rotmilane ist am Wochenende offenbar von einem der Windräder geköpft worden.

Wie der Greifvogelexperte des Naturschutzbundes (Nabu), Dr. Hans Wirth, den LN sagte, hatte ein Anwohner am Sonnabend den Vogel am Fuße eines der Türme gefunden. Dieser Vorfall dürfte die Diskussion um die geplanten Windräder in Groß Niendorf neu anfachen (siehe untenstehenden Text).

Wirth wurde informiert und machte sich ein Bild vor Ort: „Bei der Kollision waren dem Milan der Kopf und ein Teil des linken Flügels abgetrennt worden, aus den Wunden trat noch Körperflüssigkeit aus. Obwohl der Vogel frischtot war, konnten die fehlenden Körperteile trotz intensiver Suche nicht gefunden werden.“ Wahrscheinlich seien diese schon von anderen sich dort aufhaltenden Greifvögeln gefressen worden. Als Wirth an der Stelle war, hätten sich dort vier Rotmilane und vier Mäusebussarde aufgehalten.

„Der Rotmilan ist sehr lange in der Luft und kommt häufiger als andere Vogelarten an Windrädern zu Schaden.“
Dr. Hans Wirth, Vogelexperte des Naturschutzbundes

 Bei dem Rotmilan — eine streng geschützte Vogelart — handelte es sich nach Wirths Untersuchung um einen männlichen Altvogel, der seine Mauser fast abgeschlossen hatte. Die Schwanzfedern des frischen Gefieders seien in dieser Jahreszeit besonders intensiv rot gefärbt. Der Vogel hatte eine stattliche Spannweite von 1,58 Meter.

Wirth: „Nach 2009 ist dieses bereits der zweite Rotmilan, der an der Windkraftanlage mit der Kennung V 14081 zu Tode gekommen ist. 2012 waren bei der Ernte zudem bereits stark mumifizierte Reste von zwei weiteren Rotmilanen in diesem Windpark gefunden worden. Insgesamt sind bisher also mindestens vier Rotmilane an den Windkraftanlagen in Tralau umgekommen.“ Wie berichtet, sollen in der Nähe, auf Groß Niendorfer Gemeindegebiet, drei weitere Windräder gebaut werden, gegen die eine Bürgerinitiative zu Felde zieht.

Nach dem Mäusebussard gilt der Rotmilan als jene Greifvogelart, die am häufigsten an Windkraftanlagen zu Tode kommt. Wirth: „Der Rotmilan ist ein Segelflieger. Und als Geier des Nordens“, der totes und lebendes Fleisch frisst, „ist er ständig im Gleitflug und schaut nach unten nach Beute. Der Rotmilan ist also sehr lange in der Luft und kommt daher häufiger als andere Vogelarten an Windrädern zu Schaden.“ Man müsse wissen, dass die Außenspitze eines Rotorblattes sich mit weit über 100 km/h bewege.

Bisher seien in Deutschland 193 Todesfälle von Rotmilanen (auch Gabelweihen genannt) an Windkraftanlagen dokumentiert. Aus Schleswig-Holstein waren bisher lediglich drei Kollisionsopfer gemeldet worden. Da es sich in Regel um Zufallsfunde handelt, sei von erheblich mehr Todesopfern auszugehen, so Wirth. Der Rotmilan ist ein seltener Brutvogel. Die landesweite Bestandsaufnahme 2011/ 2012 ergab eine Anzahl von 130 bis 150 Brutpaaren, davon circa 15 in Stormarn und circa 20 in Segeberg.

Bei einer weiteren Kontrolle am Sonntagnachmittag stellte Wirth in dem Gebiet dann mindestens 63 dieser Vögel fest. „So viele Rotmilane habe ich noch nie gesehen“, sagte der Experte in Sachen Rotmilan. Es sei „vermutlich die größte bisher festgestellte Ansammlung dieser Art in der schleswig-holsteinischen Kulturlandschaft gewesen“. Über die Herkunft der Vögel könne nur spekuliert werden.

Wirth geht davon aus, dass die Vögel vor allem aus Schweden und Dänemark, aber durchaus auch aus Schleswig-Holstein kamen und auf dem Flug ins Winterquartier, vermutlich Spanien, waren. Bei der erneuten Kontrolle der Windkraftanlagen wurde glücklicherweise kein weiteres Todesopfer gefunden.

Kurios: Die massenhafte Zusammenkunft der Rotmilane sei genau dort gewesen, wo die neuen Windkraftanlagen in Groß Niendorf geplant werden. Wirth: „Als wenn sie jemand bestellt hätte.“

Windräder: Investor muss nachsitzen
Im Bereich der geplanten Windkraftanlagen auf Groß Niendorfer Gebiet haben sowohl ein Seeadler-Paar als auch ein Rotmilan-Paar einen Horst. Außerdem ist dort eine nicht unwesentliche Fledermaus-Population festgestellt worden. Die Streitfrage zwischen Befürwortern und Gegnern der neuen Windräder ist: Werden die Tiere durch die Windräder gefährdet? Fest steht nach Angaben von Dr. Hans Wirth, dass vor drei Jahren dort ein toter Seeadler gefunden wurde — und jetzt ein toter Rotmilan. Er sehe das Bauvorhaben „sehr kritisch“.

„Streitschlichter“ in dieser Frage ist in solchen Fällen das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume (LLUR). Die Zentrale in Flintbek klopft das Bauvorhaben unter artenschutzrechtlichen Aspekten ab. Dazu muss die Untere Naturschutzbehörde (UNB) des Kreises Segeberg eine ergänzende Stellungnahme abgeben. Auf dieser Grundlage entscheidet das zuständige LLUR in Lübeck.

Das LLUR kam nach LN-Informationen zu dem Ergebnis, dass die Untersuchungen der Investoren „nicht ausreichend“ seien, um beurteilen zu können, wie die Windanlagen auf die Vögel wirken werden. Die Firma müsse noch diverse Nacharbeiten ausführen, um auszuschließen, dass Seeadler, Rotmilan, Schwarzstorch und Fledermaus von den Windrädern beeinträchtigt werden. Problematisch könnte für sie sein, dass einige der Auflagen nicht mehr in diesem Jahr abgearbeitet werden können und womöglich nicht einmal im nächsten Jahr. Das LLUR fordert prüffähige Daten, die geliefert werden müssen — sonst gibt es keine Genehmigung. spr

Christian Spreer

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