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Segeberg Saisonstart im Museum: Viel Neues zum alten Kurhaus
Lokales Segeberg Saisonstart im Museum: Viel Neues zum alten Kurhaus
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16:17 02.04.2016
Jürgen Kuntze (l.) aus Schleswig baute das Modell des 1968 abgerissenen Bad Segeberger Kurhauses. Im damals sehr renommierten Kurhotel hatte Geert Lewering (r.) noch bis 1964 als Oberkellner gearbeitet. Quelle: Fotos: Kullack

Eine besondere Spezialität morgen als Sonntagsmenü gefällig? Wie wäre es mit frischer junger Saatkrähe in Orangen-Honigsoße? Ist aber noch etwas früh im Jahr, die Jungkrähen sind noch nicht einmal geschlüpft. Was hier vielleicht ein wenig abenteuerlich klingt, war im alten Segeberger Kurhotel noch in den 1960ern geübte Praxis: „Junge Saatkrähe“ stand da durchaus auf der Speisekarte. Das 1885 erbaute und 1968 abgerissene Kurhaus steht im Mittelpunkt der Neuerungen im Alt-Segeberger Bürgerhaus, Lübecker Straße 15. Das Museum hat gestern die Saison eröffnet.

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Alt-Segeberger Bürgerhaus ist wieder geöffnet — Abgerissener Prachtbau steht im Fokus.

Die Trümmer des im Zuckerbäckerstil mit Türmchen und Erkern erbauten Kurhauses liegen seit 1968 unter der Backofenwiese, und Museumsleiter Nils Hinrichsen ist sich sicher: „Hätte man sich zehn Jahre später darüber unterhalten, wäre das Haus nicht abgerissen worden.“ Die Anlage wird nicht ohne Grund mit dem nur um zwei Jahrzehnte älteren Casino von Monte Carlo verglichen, wie man sich seit gestern am neu geschaffenen Modell im Bürgerhaus überzeugen kann.

Dabei hatte Modellbauer Jürgen Kuntze (49) aus Schleswig es nicht leicht — die Stadtväter der 60er hatten ganze Arbeit geleistet und nicht nur das wunderschöne alte Kurhaus, sondern auch die Baupläne vernichtet. „Kuntze ist einer der wenigen Modellbauer, der ohne Pläne allein nach Fotos arbeiten kann“, lobt Hinrichsen.

Das umfangreiche Fotoarchiv von Heimatforscher Hans-Werner Baurycza lieferte die Grundlage. Dann folgten ungezählte Telefongespräche zwischen Kuntze und Hinrichsen zu jedem Foto — und nach etwa 150 Arbeitsstunden war das Modell fertig.

Der Metallbaumeister, der solche historischen Bauten allein in seiner Freizeit nachbaut, hat bereits das Modell der Siegesburg gefertigt, die übrigens seit gestern mit rotem Licht beflammt werden kann, um ihre Brandschatzung durch die Schweden 1644 anzudeuten. Das Geschehen um Burg und Berg ist seit gestern auch auf einer Medienbox in einem von Simon Deggim (Hamburger Hafencity-Uni) gestalteten Kurzfilm zu verfolgen. Noch eine Neuerung, geschaffen und gesponsert vom Segeberger Metallbauer Uwe Warzecha: eine Rekonstruktion der zweiten Feuerstelle.

Den Kaminzug erhielt das Bürgerhaus erst 1814 — zuvor hatten die Bewohner den Rauch schlucken müssen.

Über allem aber steht die Rekonstruktion des Kurhauses. Kein Wunder, dass das Modell beinahe einen ganzen Raum einnimmt — nur so ließ sich die Größe der Anlage andeuten, die mit 72,9 mal 58,2 Metern vom Badehaus an der Kurhausstraße bis zur Aussichtsplattform vor dem Hoteleingang am Großen Segeberger See reichte.

Und was ist nun mit Corvus frugilegus, der gemeinen Saatkrähe? Heute nervt sie Bewohner und Gäste am Kurpark, darf nicht bejagt, sondern lediglich „vergrämt“ werden. Noch in den 60ern aber, so erinnert sich Geert Lewering (79), überboten sich ein Segeberger Jäger und ein Hotelier darin, im Park die Jungvögel abzuschießen.

Die landeten dann, delikat zubereitet, auf den Tischen im Hotelrestaurant. Geert Lewering war damals zwar erst 23 Jahre jung, wegen seiner guten Ausbildung im Travemünder Casino aber bereits Oberkellner im Bad Segeberger Kurhotel. Im Badehaus, so eine andere seiner wunderbaren Anekdoten, tummelten sich die Ratten. Deswegen lag dort immer ein Luftgewehr bereit: „Ich habe den Lehrjungen für jede tote Ratte eine Cola versprochen. Das musste ich aber bald aufgeben — so viel Cola konnte ich nicht bezahlen“, erzählt er.

Kleidung aus der Empire-Zeit

Maren Jöns heißt die Bad Segeberger Gewandmeisterin, die im Alt-Segeberger Bürgerhaus unter dem Titel „Kleider mach(t)en Bürgersleut‘“ selbst gestaltete Rekonstruktionen von Kleidern ausstellt, wie Frauen aus dem Bürgertum sie zur Empire-Zeit trugen. Die Ausstellung ist bis zum 30. Juni zu sehen und bekommt im Mai noch eine eigene Eröffnungsveranstaltung.

Bürgermuseum: dienstags bis sonntags 12-17 Uhr; Eintritt zwei, Kinder einen, Familien vier Euro. Führungen auf Anfrage unter ☎ 04551/ 964204.

Von Lothar Hermann Kullack

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