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Segeberg Schüler halten die Erinnerung wach
Lokales Segeberg Schüler halten die Erinnerung wach
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08:04 12.10.2018
KZ Gedenkstätte Springhirsch Kaltenkirchen Schüler helfen bei der Pflege Neues Besucherkonzept KZ-Gedenkstätte Springhirsch Quelle: Hans Werner Berens, Trägerverein
Kaltenkirchen

560 KZ-Häftlinge, von denen mindestens 200 starben, mussten hier während des letzten Kriegsjahres unter Zwang und unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Doch an der KZ-Gedenkstätte Springhirsch in Nützen bei Kaltenkirchen, eine der ersten Erinnerungsorte dieser Art in Schleswig-Holstein, ist von diesem Schrecken kaum noch etwas zu sehen. Die Behelfsbaracken sind längst abgerissen. Nur die alte Latrine ist noch zum Teil erhalten.

Doch wie hält man dann die Erinnerung an einen solchen Ort des NS-Terrors wach, fragten sich die Macher des Trägervereins und kamen auf die Idee, Führungen von Schülern für Schüler ausarbeiten zu lassen.

Der Erfolg dieses neuen Konzeptes des „Lernens auf Augenhöhe“ gibt ihnen Recht. Die Besucherzahlen haben sich seitdem auf etwa 4500 im Jahr mehr als verdoppelt, berichtet Vorsitzender Uwe Czerwonka. 50 Schulklassen waren allein voriges Jahr und 30 bereits in diesem Jahr an der Gedenkstätte, die etwas unscheinbar an der Bundesstraße 4 zwischen Kaltenkirchen und Alveslohe liegt.

Seit 18 Jahren Gedenkstätte

Die KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen in Springhirsch, einem Ortsteil der Gemeinde Nützen, besteht seit dem Jahr 2000 und liegt an der Bundesstraße 4 zwischen Lentföhrden und Alveslohe. Das Außengelände kann jederzeit besucht werden. Das Museum ist im Sommerhalbjahr dienstags von sonnabends von 10 bis 18 Uhr, im Winter bis 16 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Einer ihrer Schüler aus Kaltenkirchen hatte dazu den Anstoß gegeben, erinnert sich Lehrerin Indre Schmalfeld, die dem Vorstand des Fördervereins angehört. „Da kann ich mich ja gleich auf einen Acker stellen“, habe der sich darüber gewundert, dass auf dem Gelände der Gedenkstätte kaum noch etwas Authentisches zu sehen ist. „Die Schüler dachten, sie würden so etwas wie Auschwitz hier vorfinden“, erklärt Uta Körby vom Vereinsvorstand. „Doch hier war regelrecht Gras über die Sache gewachsen.“

So kam die Diskussion ins Rollen und das Schüler-lernen-von-Schülern-Modell wurde auf den Weg gebracht. Schüler des zwölften Jahrgangs bekommen jetzt jedes Jahr die Aufgabe und ein halbes Jahr Zeit, Führungen für Mitschüler des neunten Jahrgangs auszuarbeiten. Dabei können sie sich mit dem Informationsmaterial der Gedenkstätte vertraut machen und diese natürlich auch besuchen, erklärt Hans-Werner Berens, Ansprechpartner für die Schulen.

An Projekttagen entdecken Schüler das ehemalige Lagergelände, das ihnen von älteren Mitschülern gezeigt und erklärt wird. Quelle: Berens

Es gibt inzwischen zahlreiche Dokumente, Aufsätze, Hörspiele, Interviews und sogar Filme, die die Schüler dazu gemacht haben. Mit der Universität Flensburg hat sich eine wissenschaftliche Kooperation entwickelt. Und da man die Gedenkstätte ohne Auto kaum erreichen kann, und sich die Schüler meist von ihren Eltern dorthin haben fahren lassen, „ist das Thema auch als Gespräch in die Familien getragen worden“, freut sich Uta Körby. „Die Erinnerungskultur an die NS-Zeit ist inzwischen mitten in der Gesellschaft angekommen.“

Das war vor fast 20 Jahren noch ganz anders, als der Regionalhistoriker Gerhard Hoch aus Alveslohe anfing zu erforschen, was hier auf dem Gelände des früheren Militärflugplatzes Kaltenkirchen passierte. „Er hat das ehemalige Lagergelände buchstäblich dem Vergessen entrissen“, würdigt Indre Schmalfeld die Arbeit des verstorbenen Hochs.

Zwangsarbeiter des KZ Neuengamme bei Hamburg sollten von August 1944 bis Kriegsende die Start- und Landebahn für den neuen düsengetriebenen Jagdbomber ME 262 der Wehrmacht ausbauen. Historiker Hoch erforschte die Geschichte, unterstützt vom Förderverein, der sich 1999 gegründet und im Jahr darauf die KZ-Gedenkstätte Springhirsch eröffnet hat.

Der Vorstand des Trägervereins besteht vorwiegend aus ehemaligen und aktiven Lehrern: Hans-Werner Berens (v.l.), Uwe Czerwonka, Uta Körby und Indre Schmalfeld. Quelle: FUCHS

Anfangs hielt sich die Unterstützung aus Politik und Bevölkerung in Grenzen, die sich nicht gern an diese schrecklichen Ereignisse in ihrer Nähe erinnern mochten. Doch auch das sei längst vorbei. Der Trägerverein ist 2016 in die Bürgerrolle für besonders vorbildliches ehrenamtliches Engagement des Kreises Segeberg aufgenommen und für seine Verdienste gewürdigt worden, betont Uta Körby. Sie leitet auch die Landesarbeitsgemeinschaft der 14 Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Schleswig-Holstein, die sich 2012 gebildet hat.

Der enge Draht zu den Schulen ist auch dadurch gewährleistet, dass fast der gesamte Vorstand des Trägervereins – jedenfalls Czerwonka, Berens, Körby und Schmalfeld – ehemalige oder noch aktive Lehrkräfte an Schulen sind oder waren. „Wir haben von Anfang an versucht, alle Schularten in diese Arbeit einzubinden“, erklärt die frühere Sonderpädagogin Körby. Förderschüler befreiten das Gelände vom Unterholz und markierten es mit weißen Holzlatten. Hauptschüler fertigten ein Modell des Lagers an. Gymnasiasten arbeiteten, wie beschrieben, neue Denkansätze für ihre Mitschüler aus. Studenten erstellten Hinweistafeln über die Biografien der einstigen Insassen und versuchten ihren unmenschlichen Arbeitsalltag szenisch nachzuzeichnen.

Studenten der Uni Flensburg haben die Namen und Biografien der Häftlinge auf Erinnerungssteinen festgehalten. Quelle: FUCHS

Längst platzt die Gedenkstätte mit ihrem aus fünf Containern bestehenden Museum aus allen Nähten. Ein Anbau sei geplant und bereits architektonisch erarbeitet, der aber gut 300 000 Euro kosten würde, erklärt Vereinschef Czerwonka. Das sei mit den bis zu 35 000 Euro, die die Gedenkstätte vom Land und aus Spenden erhalte, nicht zu realisieren. Auch wenn Bildungsministerin Karin Prien (CDU) gerade die finanzielle Förderung für alle 13 KZ-Gedenkstätten über die Bürgerstiftung von 300 000 auf 375 000 Euro im Jahr erhöht habe.

Auch personell müsse sich etwas ändern, fordert Uta Körby eine hauptamtliche Unterstützung für die vielen Stunden Ehrenamtsarbeit, zusätzlich zum einzigen Mitarbeiter Thomas Saretzki, der hier jeden Tag die Stellung hält. Eine Busverbindung, die es nicht gibt, und eine bessere Beschilderung an der B 4 wären ebenfalls wünschenswert. Und über ein Tempolimit sollten die Verantwortlichen nachdenken, damit die Besucher unfallfrei auf das Gelände und wieder herunterfahren könnten, fordert der Vereinsvorstand der einzigen KZ-Gedenkstätte im Kreis Segeberg.

Burkhard Fuchs

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