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Segeberg Schüler ohne Chance gegen behinderte Top-Sportler
Lokales Segeberg Schüler ohne Chance gegen behinderte Top-Sportler
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21:15 25.05.2016
Achtklässler Tom Zimmermann ist ein guter Tischtennisspieler. Charly Weber, Paralympics-Sieger von 1992, im Rollstuhl gewinnt trotzdem.

„Kannst du auch schneller?“, fordert Charly Weber seinen Kontrahenten auf der anderen Seite der Tischtennisplatte heraus. Der Achtklässler Tom Zimmermann spielt selbst Tischtennis im Verein und soll sich nicht zurückhalten – nur weil Weber auf der anderen Seite im Rollstuhl sitzt. Immerhin hat der 56-Jährige 1992 in Barcelona paralympisches Gold im Rollstuhl-Tischtennis gewonnen. Zu den Inklusionswochen der HSV-Stiftung „Der Hamburger Weg“ besuchten gestern behinderte Leistungssportler die Bad Segeberger Schule am Burgfeld, um mit ihnen Rollstuhl-Tischtennis und Blinden-Fußball zu spielen – Sportarten, von denen die meisten Schüler noch nie etwas gehört oder gesehen hatten.

Inklusionswoche der HSV-Stiftung „Der Hamburger Weg“: Burgfeld-Schüler spielen Rollstuhl-Tischtennis und Blindenfußball mit echten Profis und Paralympics-Siegern.

Jens Pleier verbleiben nur noch fünf Prozent Sehkraft auf dem rechten Auge. Trotzdem bewegt sich der 31-Jährige völlig sicher auf dem Spielfeld. Den rasselnden Fußball pendelt er zwischen seinen Füßen hin und her – immer der Stimme des sogenannten Torguides folgend. „Hier, hier, hier“, ruft Andreas Pauls, Projektleiter der Hamburger-Weg-Inklusionswochen, zu Pleiers Orientierung. Dann der Schuss und Tor. Pleier spielt in der Blindenfußball-Bundesliga.

Dann sind die Schüler dran. Mit Kopfschutz und abgedunkelter Brille tasten sie sich vor mit dem klingelnden Ball. „Mit der Brille sieht man tatsächlich gar nichts“, erklärt Sportlehrer Thomas Schwerin am Spielfeldrand. Geht der Ball verloren – was häufig passiert – drehen sich die Jugendlichen orientierungslos im Kreis. Bis der sehbehinderte Jens Pleier zu Hilfe kommt, den Ball zum Klingeln bringt. Beim Abschluss treten viele beim ersten Versuch daneben. „Man fühlt sich orientierungslos unter der Maske“, sagt Noah Moussad hinterher. „Echt stark, wie Jens das macht.“

Auf dem Nachbarfeld in der Sporthalle wird Rollstuhl-Tischtennis gespielt. Neben Paralympics-Sieger Charly Weber ist auch der amtierende Titelträger da: Holger Nikelis. Eigentlich bereitet sich der 38-Jährige auf die Spiele in Rio vor, doch für die Inklusionswochen hat er eine Pause eingelegt, um den Schülern den Behindertensport näherzubringen und über Inklusion zu sprechen, Barrieren im Kopf abzubauen, Bewusstsein zu schaffen. „Wer von euch würde spontan mit einem Rollstuhl in seine Wohnung kommen?“ Nur drei Schüler melden sich. „Wärt ihr mit dem Rollstuhl in die Sporthalle gekommen?“

Die Treppenstufe vor der Eingangstür hat kaum jemand hier bewusst wahrgenommen.

„Die Jugendlichen sind der Schlüssel, um in der Gesellschaft etwas zu ändern“, ist Nikelis überzeugt. Sie seien ungezwungener, sähen den Rollstuhl eher als Sportgerät denn als Fortbewegungsmittel für Behinderte, ergänzt Trainer Weber. Tatsächlich erleben die Jugendlichen den Slalomkurs im Rollstuhl unter Anleitung des paralympischen Monoskifahrers Reini Sampl als Gaudi. „Das ist witzig“, sagt Arne Lösing (13) im Rollstuhl an der Tischtennisplatte und vollführt eine Drehung. „Aber mein ganzes Leben würde ich natürlich nicht im Rollstuhl sitzen wollen.“

Etwas, das sich die Sportler nicht aussuchen können. Nikelis ist seit einem Badeunfall als 17-Jähriger gelähmt. Damit er Tischtennis spielen kann, muss er sich den Schläger an die Hand binden. Sampl hatte einen Skiunfall, bei Weber führte eine Kontrastmittelunverträglichkeit zur Lähmung.

Im Tischtennis-Match gegen Tom zeigt Weber aber, dass er trotzdem ziemlich mobil ist, auch harte, schnelle Bälle des Schülers zurückbringt. Gegen Webers angeschnittene Aufschläge hat Tom keine Chance. „Da kann man echt was lernen“, ist der Jugendliche hinterher schwer beeindruckt – und verlässt erst die Halle, nachdem er ein Erinnerungsfoto von sich und dem Tischtennisspieler hat.

Sportfest zum Finale

Blindenfußball, Rollstuhl-Basketball und -Tischtennis: Bei den Inklusionswochen der HSV-Stiftung „Der Hamburger Weg“, die am 29. Mai enden, erhalten 15 Schulen im Raum Hamburg Einblick in den Blindensport. In Doppelsportstunden begeistern Profi-Sportler mit Handicap mit ihren Fähigkeiten und erzählen den Schülern aus ihrem Alltag, um ein Bewusstsein für Menschen mit Behinderungen zu schaffen.

Abschluss des Schulprojekts ist das Inklusive Sportfest „SPINK“ am 1. und 2. Juni, jeweils 10 bis 18 Uhr im Hamburger Volkspark mit verschiedenen Sportaktionen und Musik.

Nadine Materne

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