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Segeberg Schwerkrank, aber voller Hoffnung
Lokales Segeberg Schwerkrank, aber voller Hoffnung
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18:16 31.12.2015
Jolanta Schwarz (36), Ehemann Jan (32) und die Kinder Wiktoria (14, l.), Eric (2) und Damian (3) lassen sich nicht unterkriegen. Von einer Immuntherapie erhoffen sie sich viel, doch die Krankenkasse zahlt das nicht. Quelle: hil

Der Tannenbaum im Wohnzimmer ist goldfarben und schokobraun geschmückt. Über den Lehnen der Essstühle sind überdimensionale Weihnachtsmützen gestülpt, und auf den Fensterbänken leuchten rote Weihnachtssterne. Kurz: Bei Familie Schwarz in Bad Segeberg sieht es derzeit wie in beinahe jedem Zuhause aus. Katze „Diva“ streift um die Beine der 14-jährigen Wiktoria, während der dreijährige Damian sich freut, mit Papa Jan ins Schwimmbad zu gehen. Der zweijährige Eric lutscht gemütlich am Daumen. Eine ganz normale Familienszene zwischen den Feiertagen. Mutter Jolanta erzählt von der festlichen Zusammenkunft zum Heiligen Abend, für die tagelang gekocht wurde. Das sei in Polen, wo sie herkomme, so üblich. „An solchen Tagen liebt und hasst mich mein Mann gleichzeitig“, sagt sie und lacht warmherzig. Sie sei eben katholisch, wenngleich auch nur ein bisschen. Die 36-Jährige steckt voller Lebensmut, obwohl sie schwer krank ist: Krebs.

„Wir haben einfach keine Zeit, uns zu bemitleiden. Das kann schließlich nicht alles gewesen sein!“ Jolanta Schwarz und ihr Mann Jan sehen sich kämpferisch an. Die Schulmedizin gibt ihr keine große Heilungschance. Doch sie gibt nicht auf. Sie war es, die den Krebs-Verdacht früh hatte. Doch zuerst hatten Ärzte eine Entzündung vermutet. Erst später erkannten sie den Tumor als solchen.

„Vor Brustkrebs hatten wir keine Angst, das schaffen wir zusammen“, erinnert sich Jan Schwarz an die Zeit direkt nach der Diagnose. Doch dann kam die Hiobsbotschaft: Metastasen in Leber und Knochen.

„Man weiß ja, was das heißt“, ergänzt er. Und auch die Ärzte gaben der jungen Mutter mit auf den Weg, nun das zu tun, was sie noch erledigen wolle, um schließlich mit einer Chemotherapie zu beginnen.

Stattdessen suchte das Paar eine andere Klinik und legte sofort mit der Behandlung los. Es folgten etliche Chemos mit Haarausfall, Übelkeit und allem, was diese Form der Therapie an Nebenwirkungen mit sich bringen kann. Dann hieß es von Ärzteseite, dass man alles getan habe.

„Wir hatten mit alternativer Medizin nie was am Hut, aber wenn du gesagt bekommst: ,Das war‘s, Ende der Fahnenstange, dann suchst Du jeden Strohhalm.“ Das Paar telefonierte mit Experten, informierte sich umfassend. Die 36-Jährige stellte die Ernährung um. Einmal im Monat wird eine Graviola aus Brasilien geliefert — eine Beerenfrucht, deren Fruchtauszüge in Labortests erfolgreich das Wachstum von bestimmten Brustkrebszellen eindämmen könnten.

Momentan ist der Zustand der Bad Segebergerin stabil, es gehe ihr gut, sagt sie selbst, und auch die Haare sind wieder da. Irgendwann hörte das Paar von der Immuntherapie mit einer körpereigenen Substanz namens GcMAF (siehe Info-Text). In Japan sei das Medikament frei erhältlich, hätten Gespräche mit einer Kollegin ergeben, so Jan Schwarz, der als Qualitätstechniker bei Pumpenhersteller Grundfos arbeitet. In Deutschland nicht. Die 25000 Euro teure Behandlung steht nicht im Leistungskatalog der Krankenkassen. „Wir hätten nach Japan fliegen können, um dort die Therapie zu machen, was wir uns weder leisten können noch organisatorisch hinbekämen.“ Das Paar fand eine Klinik in Erfurt, die Jolanta Schwarz behandeln würde. Gezahlt werden muss aus eigener Tasche.

Einen Bankkredit in dieser Höhe zu wuppen, sei nicht drin, zumal Banken bereits unverblümt deutlich gemacht hätten, dass sie nicht in Kranke investierten. Und so sammelt die Familien nun, um das Geld zusammenzubekommen. Tochter Wiktoria hatte, nach dem Vorbild der „ALS Ice Bucket Challenge“, die Idee zu einer Facebook-Seite, die die Familie wie einen Blog betreibt. Und bei der Raiba Leezen wurde ein Spendenkonto eingerichtet, über das das Geldinstitut die Kontrolle hat.

Nach einem ersten Bericht und nachdem alle Untersuchungsberichte gelesen waren und der Fall besprochen war, gibt es mittlerweile auch Unterstützung von der „Praxis ohne Grenzen“. Sie stellt, sozusagen treuhänderisch, ihr Konto für Spenden zur Verfügung. So gebe es für Zuwendungen Spendenquittungen, das unterstreiche die Glaubwürdigkeit der Aktion, hofft die Familie, die zu allem Überfluss auch noch einen Shitstorm im Internet über sich ergehen lassen musste. Freunde und Helfer gaben alles, um die Anfeindungen im Keim zu ersticken.

Mittlerweile sind bereits 9000 Euro zusammengekommen. „Das ist großartig, wir würden allen so gerne Danke sagen. Wir als Familie arbeiten an einem gemeinsamen Ziel: Behandlung. Auch wenn die Chance nur 30 oder vielleicht zehn Prozent ist. Das ist mehr, als das, was wir jetzt haben“, betont Jan Schwarz und wendet sich ab, um die Tränen zu unterdrücken, die dann doch über seine Wangen kullern:

„Die Schatten auf der Leber und in den Knochen sind da, aber momentan richten sie keinen Schaden an. Jetzt wäre genau der richtige Moment für die Therapie.“

Spendeninfo
Wer etwas spenden möchte, kann dies über die Praxis ohne Grenzen IBAN: DE 612129 00 1600568 000 00 (BIC: GENODEF1NMS) und Verwendungszweck „Spende für Jolanta Schwarz“ oder IBAN DE 65 23061220 00 21686712 (BIC GENODEF1LZN), Jolanta Schwarz. Die Facebook-Seite lautet: „Helft uns unsere Mama zu retten“.
Wissenschaft prüft alternative Immuntherapie
GcMAF (group-specific component macrophage activating factor) ist die Bezeichnung für ein körpereigenes Protein, das bestimmte weiße Blutkörperchen, die sogenannten Makrophagen (auch Fresszellen genannt) aktiviert und so das Abwehrsystem anregen und das Immunsystem stärken soll. Es kommt demzufolge als Immuntherapie in der alternativen Medizin zum Einsatz — vor allem Krebs- und Aidspatienten erhoffen sich durch das im Labor herstellbare GcMAF Unterstützung im Kampf gegen ihre Erkrankung. Die Wirksamkeit von GcMAF ist jedoch wissenschaftlich nicht belegt. Darum ist die Behandlung umstritten. In Amerika laufen derzeit Studien zu GcMAF. hil

Heike Hiltrop

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