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Segeberg Schwierige Suche nach Hausärzten
Lokales Segeberg Schwierige Suche nach Hausärzten
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20:19 05.08.2017

Hausärztemangel: Das ist ein Problem ländlicher Regionen mit schwacher Infrastruktur. So die landläufige Meinung. Doch der Mangel kündigt sich längst auch in Städten der Hamburger Metropolregion an. Wahlstedt ist so eine Kommune, in der es bald eng werden kann. Drei von sechs ansässigen Hausärzten sind über 63 Jahre alt und wollen in den Ruhestand gehen.

Allgemeinmediziner Dr. Rolf Scheuer (64) betreut etwa 900 Patienten und sucht seit zwei Jahren Nachfolger. Auch die niedergelassenen praktischen Ärzte Michael Orlowski (66) und Holger Damaschke (68), die in ihrer Gemeinschaftspraxis weit über 2500 Patienten betreuen, haben bisher noch niemanden gefunden, der Patienten, Praxis, fünf Mitarbeiter und drei Auszubildende übernimmt. Wenn diese Praxen schließen würden, kämen auf die verbleibenden Hausärzte in der Stadt über 3400 neue Patienten zu, umreißt Orlowski die Situation. Das hieße rein rechnerisch: Etwa ein Drittel der Wahlstedter müssten sich auf die Suche nach einem neuen Hausarzt machen.

Die Mediziner praktizieren seit über 30 Jahren in der Stadt, begleiten ganze Generationen. Keine langen Wege, Schulen, Theater, Bus und Bahn, kurz: Die Infrastruktur in Wahlstedt ist gut. Und dank des gut funktionierenden Notdienstes über die Hotline 116117 habe sich die Belastung im Vergleich zu früheren Jahren reduziert, sagen die Ärzte. Dennoch: „Über eigene Anzeigen und über die Kassenärztliche Vereinigung suche ich bisher vergeblich. Ein Interessent wollte eine Zweigpraxis einrichten, sucht aber seit Langem selbst Assistenzärzte und findet keine. Ein anderer sagte ganz lapidar: Hier könne man nicht reich werden. Einem dritten Arzt war die Praxis zu klein“, beschreibt Rolf Scheuer seine Erfahrungen.

Die Gründe für die Probleme sind vielfältig. Da sei das wirtschaftliche Risiko, das junge Ärzte nicht tragen wollten und ein Angestelltenverhältnis in Teamstrukturen bevorzugten, nannte Bianca Hartz von der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) unlängst vor dem Wahlstedter Sozialausschuss einen Grund. Zudem würden Spezialisierungen auf anderen Fachgebieten als der Allgemeinmedizin bevorzugt. Und: Junge Ärzte legten Wert auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeits- und Familienzeit, suchten Teilzeitmöglichkeiten. Mit verschiedenen Modellen versuchen Kommunen und KVSH, dem andernorts Rechnung zu tragen. Doch bei Scheuer haben sich erst gar keine Interessenten für mögliche Alternativen gemeldet: „Meine Praxis wäre für zwei Ärztinnen, die sich die Arbeit teilen, ideal“, sagt Rolf Scheuer.

In Wahlstedt biete die soziale Struktur kein großes Potenzial an Privatpatienten, was durchaus für junge Kollegen zu Überlegungen führe, ob sich die Niederlassung lohne, ist sich Michael Orlowski sicher. Ein weiterer Aspekt, der junge Kollegen abschrecke, sei aus seiner Sicht die Furcht vor Regressforderungen bei Überschreitung von Behandlungskosten. Auch seine Bemühungen um die Nachfolge waren bisher nicht von Erfolg gekrönt. „Der erste Interessent, ein junger Kollege, ein Kinderarzt, hätte gut hierher gepasst. Er hätte im Jobsharing eine halbe oder dreiviertel Stelle gemacht und mich eingestellt. Doch das funktionierte aus formalen Gründen nicht, da keine Kinderarzt-, sondern eine allgemeinmedizinische Stelle zu besetzen ist“, bedauert Orlowski. Er gibt dem unflexiblen System mit engen Fachgebieten eine Mitschuld. Ein weiterer Interessent habe aus der Gemeinschaftspraxis eine Zweigstelle machen wollen, um die Patienten später in seine Hauptstelle zu überführen, die weit weg liege. Keine Option für Orlowski: „Wir müssen dafür sorgen, dass unser Arztsitz in Wahlstedt bleibt.“

Bianca Hartz führte in Wahlstedt aus, dass die Versorgung in und um die Kreisstadt mit 28 Hausärzten gut sei. „Das Bild ist schief“, widerspricht Orlowski mit Blick auf die große Mehrheit, die in Bad Segeberg praktiziert. Während Kreis und KVSH die Erreichbarkeit der Praxen als gut einschätzen, wie aus seinem Perspektivenpapier der hausärztlichen Lage hervorgeht, sind sich Wahlstedts Hausärzte einig, dass vor allem ältere Patienten das Nachsehen haben könnten. Deren Anzahl steigt stetig, während immer mehr Hausärzte selbst das Rentenalter erreichen und nur wenige nachrücken.

„Ich bin der Meinung, dass die Kassenärztliche Vereinigung das Problem verkennt“, sagt Rolf Scheuer, der weiter nach einem Nachfolger sucht. Ende 2019 soll Klarheit herrschen, so sein Ziel. „Ich hoffe nicht, dass ich eines Tages zu meinen Patienten sagen muss, dass ich niemanden gefunden habe und sie sich einen neuen Hausarzt suchen müssen.“ Michael Orlowski wünscht sich einen gleitenden Übergang, sucht nun auch über Anzeigen: „Ich denke nicht, dass ich bis 70 weiterarbeite.“

Heike Hiltrop

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