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Segeberg Seeadler fliegt nach Bleivergiftung in die Freiheit
Lokales Segeberg Seeadler fliegt nach Bleivergiftung in die Freiheit
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20:52 09.02.2018
Flügelspannweite von bis zu 2,40 Metern: Seeadler sind die größten Greifvögel Westeuropas. Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa
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„Der Adler hat wirklich Glück gehabt“, sagt Tierärztin Elvira Freifrau von Schenck. Er hatte eine kleien Bleikugel im Magen. „Blei ist ein Nervengift, dass so lose in der Umwelt nicht zu finden ist.“ Es müsse Munition gewesen sein, erklärt Günter Kalin von der Projektgruppe Seeadlerschutz in Schleswig-Holstein. Denn mit Bleischrot dürfe im Land noch geschossen werden. Werden Wildtiere damit erlegt, gelangen die Kugeln in den Lebenskreislauf der Tiere. Ist ein Tier erst derart verletzt, kommt es auf jeden Tag an: „Die wenigsten Seeadler mit Bleivergiftung können ausgewildert werden“, erklärt Elvira von Schenck. Leber und Niere werden angegriffen, es kommt zu Krämpfen und Lähmungen. „Bald darauf funktioniert die Atmung nicht mehr richtig. Der Vogel wäre ohne Behandlung an Organversagen gestorben.“

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Klicken Sie hier, um weitere Eindrücke von der Auswilderung des Seeadlers im Wildpark Eekholt zu sehen!

Doch diesmal ist es eine Erfolgsgeschichte: Passanten hatten den verletzten Seeadler vor vier Wochen auf einem Feld bei Bad Schwartau entdeckt. Dann wurde er zunächst in den Vogelpark Niendorf gebracht. „Dabei ging wichtige Zeit verloren. Das Blei ist nicht gleich erkannt worden und wurde so noch eine Woche vom Körper aufgenommen“, bedauert Günter Kalin. Erst dann wurden die Seeadlerschützer informiert, das Tier geröntgt und die Kugel bemerkt. Die Blutuntersuchung bestätigte den Verdacht: Der Bleiwert lag ein Vielfaches über dem Normalwert. „Es ist eine Glanzleistung: Die Fachtierärztin für Vogelmedizin aus Wahlstedt, Petra Zsivanovits, hat es geschafft, das Blei mit Hilfe eines Endoskopes herauszubekommen ohne den Magen aufzuschneiden“, erzählt von Schenck. Mit Medikamenten, die toxische Schwermetalle binden, und Fütterung wurde das Tier stabilisiert.

Nur ein- bis zweimal im Jahr gibt es so eine Auswilderung. Und üblicherweise auch nicht direkt am Wildpark Eekholt. So verfolgten auch viele der Parkmitarbeiter das seltene Schauspiel. „Wir haben extra ein neutrales Gebiet gewählt, ein Revier ohne Konkurrenz“, sagt der Wildpark-Geschäftsführer Wolf-Gunthram Freiherr von Schenck. So werde der Vogel nicht gleich in Revierkämpfe verstrickt.

Vor dem großen Moment hatte seine Frau den Seeadler noch einmal untersucht und gefüttert, damit er gestärkt losfliegen konnte. Und das tat er dann auch. Er ließ keine Zeit verstreichen: Nachdem die Transportbox geöffnet war, brachten ihn nur wenige Flügelschläge in die Lüfte. Vor 15 Jahren war das Tier beringt worden, ist also im besten Durchschnittsalter. „Er ist erfahren und kräftig. Er schafft das locker, sein Revier in kurzer Zeit wiederzufinden“, so der Geschäftsführer. „Er könnte schon morgen wieder in Bad Schwartau sein.“

Die Wildpark-Mitarbeiter nutzen die Gelegenheit und appellieren an die Politik, Blei zu verbieten. Zwar dürfe seit 2016 in Schleswig-Holstein nicht mehr mit bleihaltiger Büchsenmunition geschossen werden. „Leider ist die Verwendung von Bleischroten auf Niederwild im Binnenland immer noch erlaubt. Das wird den Adlern nach wie vor zum Verhängnis, wie man in diesem Fall gut sehen kann“, sagt Elvira von Schenck. „Wir appellieren deshalb, bleihaltige Jagdmunition komplett zu verbieten. Blei ist ein Nervengift und gehört nicht offen in die Landschaft.“

Die Vogelschützer betonen außerdem: Wer einen Wildvogel findet, sollte sich sofort bei der Projektgruppe Seeadlerschutz oder im Wildpark melden. „Hier gibt es ein hohes Maß an Wissen. Die Tiere sind oft schwer verletzt, das kann eine tierärztliche Behandlung anderswo nicht bieten“, sagt Günter Kalin. Außerdem gebe es im Park eine Auswilderungsvoliere. Es hilft den Vogelschützern aber auch, neue Erkenntnisse durch sorgfältig geführte Statistiken zu bekommen: In 18 Jahren wurden 55 Seeadler in die Eekholter Tierpflegestation eingeliefert. 15 Prozent davon waren bleivergiftet. Zwei Drittel der verletzten Tiere kamen durch vom Menschen verursachte Handlungen zu Schaden.

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