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Segeberg Die ersten Therapeuten, die gratis lernen
Lokales Segeberg Die ersten Therapeuten, die gratis lernen
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07:16 01.01.2019
Manon Malassa ist in der Ausbildung zur Ergotherapeutin in Bad Segeberg. Quelle: Irene Burow
Bad Segeberg

Angehende Ergotherapeuten in Bad Segeberg jubeln: Ab dem 1. Januar 2019 müssen sie für ihre Ausbildung kein Schulgeld mehr bezahlen. Das Land übernimmt die Kosten. „Das ist ganz toll und irre für die Schüler“, sagt Udo Nickel, Inhaber und Ausbildungsleiter der Ergon-Schule in Bad Segeberg. Es ist die einzige Lehr-Einrichtung im Kreis, die profitiert. „Es war ein schreiendes Unrecht, dass man für eine qualifizierte Ausbildung noch bezahlen muss“, so Nickel. Die neue Regelung gilt genauso für angehende Physiotherapeuten, Logopäden, Fußpfleger und Diätassistenten. Im Land betrifft das mehrere Schulen.

Schleswig-Holstein macht’s vor

Schleswig-Holstein ist Vorreiter in Deutschland: Bayern will das Schulgeld ab dem zweiten Schulhalbjahr 2018/19 abschaffen, Bremen tat dies in diesem Jahr für die ersten beiden Jahre. Andere Länder bezuschussen die Ausbildung bereits, wie seit Herbst 2018 Nordrhein-Westfalen mit 70 Prozent. In Hamburg formiert sich derzeit der Protest. Ziel ist es, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Die Zahl der Azubis in den Gesundheitsberufen soll in Schleswig-Holstein schrittweise von jetzt 670 auf 900 erhöht werden.

Für seine Schüler bedeutet das konkret, dass sie pro Monat keine 400 Euro mehr aufbringen müssen. Insgesamt hatte sich das Schulgeld für drei Ausbildungsjahre bisher auf 14500 Euro summiert. „Ich finde die Änderung gerecht. Es ist eigentlich aber auch nichts besonderes, dass Schüler in der Ausbildung unterstützt werden“, sagt Manon Malassa. Die 19-Jährige aus Wahlstedt will Ergotherapeutin werden. Die Eltern der jungen Frau müssen nun nicht mehr so tief in die Tasche greifen. „Unser Beruf ist gesucht und gefragt“, sagt sie. Und genau das trifft den Kern: Gesundheitsfachkräfte werden händeringend gesucht, doch die Schülerzahlen sanken stetig – wegen der hohen Kosten. Das Land will gegensteuern.

Patienten warten auf Therapeuten

Noch mehr dürften sich die Eltern von Jacky und Josy Bornmüller (19) aus Bargteheide freuen. Die Zwillinge lernen ebenfalls an der Ergon-Schule in der Marienstraße. Für diese Familie entfallen durch die neue Regelung 800 Euro pro Monat an Schulgeld. „Wir hatten deswegen schon ein schlechtes Gewissen unseren Eltern gegenüber“, sagt Jacky. „Es sollte selbstverständlich sein“, meint Schüler Philipp Borgolte (18), der aus Berlin zu Ausbildung nach Segeberg gekommen ist. „Das sind Jobs, die wir brauchen. Es gibt so viele Menschen mit Schlaganfall oder Burnout, die lange auf einen Therapeuten warten müssen.“ Mit den Ressourcen, sprich: dem Nachwuchs, müsse man richtig umgehen.

Jacky Bornmüller (19) aus Bargteheide und Philipp Borgolte (18) aus Berlin profitieren von der Gesetzesänderung. Quelle: Irene Burow

Große Nachfrage erwartet

Schulleiter Udo Nickel rechnet jetzt mit einem großen Run auf die Berufsfelder, vor allem aus Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Hamburg. Denn Schleswig-Holstein ist das erste Bundesland, in dem nun gratis ausgebildet wird. In seinem Haus wird es ab Herbst 2019 statt 60 dann 80 Schüler geben – eine Klasse mehr. Den Schulen wird vom Land zugewiesen, wie viele Schüler sie ausbilden dürfen. Ein Problem wird das nicht: „Unsere Klassen waren immer voll. Ich musste nie viel Werbung machen“, erklärt er. Mehr noch – die Pinnwand sei voll mit Jobangeboten. „Unsere Leute sind alle in Arbeit. Wir haben keine arbeitslosen Schüler, seit Jahren nicht.“

Leiter der Ergon-Schule in Bad Segeberg, Udo Nickel. Quelle: Irene Burow

Fachkräftemangel hausgemacht

Er glaubt, in vielen Schulen ist noch Luft nach oben. Denn die Zahl der Interessenten ist in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Das Schulgeld hat einen Gesundheitsjob für junge Menschen unattraktiv gemacht. Eine andere Ursache ist ein Umbruch 2005: Seitdem werden Kosten für eine Umschulung nicht mehr vom Arbeitsamt getragen. „In vielen Schulen hat sich die Zahl der Schüler halbiert“, sagt er. In seiner eigenen gab es davor schon mal über 100 Azubis. „Danach fehlten die klassischen Umschüler“, erklärt er. „Der Fachkräftemangel ist hausgemacht.“ Jetzt sieht er eine Chance für alle, die Ergotherapeut werden wollen. Also auch jene, die es sich bisher nicht leisten konnten. „Und das wollen wir ja auch. Ältere haben zum Beispiel die Chance, auch später im Leben damit durchzustarten. Alle profitieren davon.“

Seit Anfang 2018 machen Betroffene in der Gesundheitsbranche offensiv auf die prekäre Lage in der Branche aufmerksam. Im Koalitionsvertrag auf Bundesebene wurde festgelegt, die Schulen zu unterstützen. Eine Demo Anfang November mit rund 600 Betroffenen vor dem Kieler Landeshaus war wohl mit dafür verantwortlich, dass auf Landesebene so schnell zugunsten der Therapeuten entschieden wurde. Segeberger Schüler waren reich vertreten.

Mehr Infos: www.therapeuten-am-limit.de

Irene Burow

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