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Segeberg Segebergs Handwerk zwischen Tradition und Fachkräftemangel
Lokales Segeberg Segebergs Handwerk zwischen Tradition und Fachkräftemangel
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12:38 24.09.2016
Einziger Fleischer-Azubi im Segebergischen: Corie Gardner (22, l.) mit seinem Ausbilder Thomas Berlin.

Sie seien die „nachwachsende Ressource“ des Handwerks: die Auszubildenden. Um über sechs Prozent ist die Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge in diesem Jahr im Vergleich zu 2015 angestiegen. Und dennoch geht so mancher Ausbildungsbetrieb leer aus. „Gefühlt sind allein bei uns noch bestimmt 40 Ausbildungsplätze frei“, schätzt Mittelholsteins Kreishandwerksmeister Michael Kahl. Rein rechnerisch haben somit gut ein Fünftel der Innungsbetriebe in diesem Jahr noch eine freie Lehrstelle zu vergeben.

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Die Auftragsbücher sind voll, aber vielerorts fehlt es an Handwerkern - Auch beim Nachwuchs werden die Lücken größer, Betriebe suchen händeringend nach Azubis.

Ausbildung in Zahlen

817 Lehrverträge wurden 2016 im Kreis Segeberg und Neumünster abgeschlossen, 4227 waren es im ganzen Kammerbezirk Lübeck.

700 Ausbildungsplätze sind in Schleswig-Holsteins Handwerk etwa noch frei.

120 Lehrberufe (von 133 anerkannten) werden im Land ausgebildet.

Dabei sind die Auftragsbücher voll. Das Handwerk sei einer der bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren in Deutschland. Die Lage sei gut bis sehr gut, so Kahl, und Lübecks Handwerkskammerpräsident Günther Stapelfeld stimmt ihm zu. Aber schon die Einhaltung von Terminen etwa im Baugewerbe gestalte sich wegen des Fachkräftemangels nicht immer leicht. „Es fehlt definitiv an Personal. Es gibt keine Arbeitslosen in diesen Gewerken. Der Markt ist leergefegt“, so Stapelfeldt. „Jeder versucht, seine Leute zu halten“, ergänzt Kahl.

Auch beim Nachwuchs werden die Lücken größer. Ein Beispiel: das Fleischerhandwerk. „Vor zehn Jahren hatte ich 40 Bewerbungen auf dem Tisch liegen. Dieses Jahr keine einzige“, sagt Fleischermeister Thomas Berlin. „Den typischen 16-jährigen Schulabgänger, den gibt es kaum noch“, so Berlin, der dennoch jemanden fand. Viele dränge es an höhere Schulen, ins Studium, in Jobs am Computer, im Büro, in der Werbung. Dazu komme, dass immer weniger Betriebe seines Standes durch die wachsende Fleischindustrie überlebten.

Während so mancher Handwerksberuf, etwa der des Tischlers oder einer im Elektronikbereich, beliebtes Sprungbrett für ein späteres Studium seien, gebe es andererseits auch Berufe, die aus seiner Sicht zu wenig Wertschätzung erführen, so Stapelfeldt. Unbeliebte Arbeitszeiten, einseitige Belastung, die Aussicht auf nur niedrigen Lohn bereiteten manchem Gewerk Probleme, etwa den Bäckern oder Friseuren. Der demografische Wandel erkläre nicht alles: „Die Bezahlung ist ein Problem. Manchmal gibt der Markt jedoch mehr nicht her, auch hier muss ein Umdenken stattfinden.“ Handwerk werde in vielen Bereichen nicht so wertgeschätzt, wie es das verdient habe.

„Der Studiengang ist oft das Maß der Dinge“, bedauert Stapelfeldt. „Erst wer merkt, dass er das nicht leistet, kommt zu uns. Das ist der falsche Weg. Unser Ausbildungsniveau, vor allem im dualen System, ist weltweit führend. Es wird nur verkannt.“ Mit verschiedenen Projekten bemüht sich das Handwerk um seinen Nachwuchs. Es gibt Assistenz-Angebote für schwache Berufseinsteiger und viele andere Möglichkeiten, unterstreicht Günther Stapelfeldt, und Kreishandwerksmeister Michael Kahl motiviert Azubis: „Mit einer handwerklichen Lehre werden Sie überall auf der Welt Arbeit finden.“ Ein gutes Beispiel dafür ist Daniel Lorenzen, Bäcker aus Nordfriesland. Ihn hat es auf seiner über dreijährigen Walz einmal um die ganze Welt geführt. Mit seinen kurzweiligen Erzählungen aus dieser Zeit spannt er wieder den Bogen zur Tradition, die nicht altbacken ist, sondern mit Leben gefüllt wird, wenn man seinen Beruf mit Liebe, Neugierde und Leidenschaft ausübe.

Feierlich im Handwerk begrüßt

Nun gehören sie zur großen Handwerksfamilie: die Berufseinsteiger vom Bau, die neuen Lehrlinge aus den Holzgewerken, die Friseur-Azubis, der Malernachwuchs, die künftigen Raumausstatter, Metaller, Klima- und Kältetechniker. Mit der großen, traditionellen Einschreibungsfeier in der Kreissporthalle wurden sie am Donnerstagabend im Berufsleben begrüßt.

Eltern und neue Kollegen waren dabei, als sich für diesen besonderen Moment die kunstvoll verzierten Innungsladen öffneten und sich in jedem Gewerk symbolisch einige von den „Neuen“ in die Handwerksrolle einschrieben.

Die jungen Männer und Frauen trugen teilweise Kluft – schwarz für die Holzgewerke, beige für die aus dem Mineralienbereich (Maurer etwa) oder Pepita-Karo für das Lebensmittelhandwerk. Einer von ihnen ist Corie Gardner, auch wenn seine Kluft gestreift war. Wurst herstellen, Fleisch zerlegen, das gehört unter anderem nun zu seinem Arbeitsalltag. Der 22-Jährige wird Fleischer – der einzige Azubi seiner Zunft auf der Veranstaltung. Und er kommt ganz aus dem US-amerikanischen Minnesota. Ein freiwilliges ökologisches Jahr brachte ihn nach Rickling zum Landeverein für Innere Mission. Nun hat er in der dortigen Fleischerei seine Ausbildung angefangen, wird in den nächsten drei Jahren im Kreis Segeberg zu Hause sein. „Klar ist das für meine Eltern nicht so ganz leicht, dass ich weit weg bin. Im Urlaub werde ich sie besuchen.“ Dass seine Wahl auf einen guten Ausbildungsbetrieb gefallen ist, zeigt Kollege Jannek Kopp, der am Mittwoch als Jahrgangsbester beim Landesentscheid der Fleischer in Hamburg dabei ist.

 Hil Heike Hiltrop

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