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Segeberg Sie retten Segebergs Stadttauben
Lokales Segeberg Sie retten Segebergs Stadttauben
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20:42 11.11.2017
Sie kümmern sich um verletzte, kranke und bedürftige Tauben, die in Bad Segeberg gequält wurden: Maria Praetorius (li.), Janine Kaiser, Marion Wolf (hinten rechts) und die Kinder (von links) Pia, Lionel und Vitus. Ihr Ziel ist ein Taubenschlag für die Innenstadt. Quelle: Fotos: Glombik
Bad Segeberg

In Traventhal bei Hundefrisörin Maria Praetorius wurde die Tierschutz-Bewegung gegründet. Die Arbeitsgruppe ist ein Ableger von Stadttauben Lübeck, einem Verein, der in der Hansestadt für die Sache der Tauben kämpft. Zum „harten Kern“ der Bad Segeberger Gruppe gehören Janine Kaiser und Marion Wolf. Sie päppeln verletzte und kranke Stadttauben wieder auf, ziehen die Vögel teilweise sogar in der eigenen Wohnung auf, bis sie ausgewildert werden können. Ihr Ziel ist ein großer Taubenschlag nahe der Fußgängerzone, auch damit eine Geburtenkontrolle bei den Stadttauben möglich ist und die Tiere nicht mehr unter Hunger leiden müssen.

Es gibt sie: Die Fans und Retter der Bad Segeberger Stadttauben. Vor einem Jahr machten Geschäftsleute und Hausbesitzer in der Innenstadt gegen eine „Taubenplage“ mobil, forderten die Stadt dazu auf, Tiere mit Zyankali zu vergiften. Dagegen bildete sich die Stadttaubenhilfe.

Es geschah vor wenigen Wochen. Asylbewerber Murat konnte nicht einfach gleichgültig an einer apathisch wirkenden Taube vorbeigehen, die einen Flügel hängen ließ. Der Kurde griff sie sich, wärmte sie im Mantel und nahm sie mit nach Hause, um sie zu füttern. Tauben haben in seinem Kulturkreis eine besondere Bedeutung. Dort lebt ihr Urahn, die Felsentaube. Man lässt die Vögel nicht einfach draußen sterben. Doch auf Dauer ging das nicht – in der kleinen Wohnung mit Frau, Kind und einer freilaufenden Taube. Murat machte über das Tierheim die Stadttaubenhilfe ausfindig. Unter der Tauben-Notrufnummer 0174/5182555 meldete sich Maria Praetorius. Nun sitzt „Mira“, wie Murat die Taube nannte, quicklebendig mit „Tinker Bell“ zusammen im Wohnzimmer von Maria Praetorius.

Nur das Fliegen klappt noch nicht. Tinker Bell sei getreten worden, „da war der ganze Schwanz ab“, erzählt Maria Praetorius. „Es war Kartoffelfest in Bad Segeberg, alle sind vorbeigelaufen.“ Eine Frau habe sich erbarmt, das verletzte Tier aufgesammelt.

Die Stadttauben sind nicht wohlgelitten, sie gelten als Träger von Krankheitserregern, ihr Kot verschandele Dächer und Wände, heißt es. Im Mai wurden 28 tote Tauben in der Nähe der Discothek „Que“ in Bad Segeberg gefunden. Gift konnte nicht mehr festgestellt werden, die Tierkadaver seien schon zu verwest gewesen, berichten die Frauen. Sie sind dennoch überzeugt, dass Gift die Todesursache war. Tauben würden teilweise gequält, mit Füßen getreten, wenn sie sich zutraulich an Menschen heranwagen. Taubenzüchter schickten ihre Brieftauben los, Tiere, die den Weg nicht schaffen, strandeten in den Städten und vermehrten sich dort, obwohl sie kaum etwas zu Fressen fänden. Marion Wolf: „Das ist ein Problem, das die Menschen selbst gemacht haben. Die Tiere sind daraufhin gezüchtet worden, viele Eier zu legen, möglichst über das ganze Jahr.“ Die verwilderten Nachkommen von Haustauben seien sehr zutraulich – was ihnen zum Verhängnis werden kann. Janine Kaiser ist überzeugt: „Die Tiere gehen auch deshalb so nah an die Menschen heran, weil sie so hungrig sind.“ Tatsächlich soll die Sterblichkeit der Jungtiere bei 90 Prozent liegen. Die Tiere brüteten aber eher noch mehr, wenn sie hungrig seien. Der Kot der Hungerleider werde flüssig. Nur deshalb könnten Taubengegner schimpfen, dass Dächer mit Taubenkot beschmutzt seien.

„Mit einem Taubenschlag könnten wir das Problem erheblich reduzieren“, argumentiert Marion Wolf. Dort würden die Vögel gefüttert und bekämen Wasser. Außerdem soll ein Taubenschlag der Geburtenkontrolle dienen. Taubeneier würden dort gegen Gipseier ausgetauscht. Die Tieren brüteten erfolglos weiter. Durch Fütterung müssten die Tiere nicht mehr durch die Stadt „rennen“, sie hielten sich rund 70 Prozent des Tages in ihrem geschützten Schlag auf, argumentieren die Taubenfreunde.

Kürzlich besichtigten sie einen Taubenschlag am Hamburger Hauptbahnhof. Ob Bad Segeberg dazu bereit ist? Ende November soll es dazu Gespräche mit der Stadt geben. Vielleicht könnte man einen alten Container als Taubenschlag nutzen. Schul- oder Kindergartenprojekte: Ihnen gehen viele Ideen durch den Kopf, wie man den Stadttauben zu einem besseren Image verhelfen könnte.

Im Wohnzimmer von Maria Praetorius pickt indes „Mira“. Auch wenn sie nicht mehr fliegen kann und Dauer-Fußgänger sein wird. Es gibt einen „Gnadenhof“, wo selbst Tauben mit Handicap unterkommen. In einem Behindertenschlag wird „Mira“ weiterleben.

Kein Gift

Vor einem Jahr sorgten die Tauben in Bad Segebergs Innenstadt für heftige Diskussionen, auch die LN berichteten ausführlich (Foto). Das Ganze gipfelte darin, dass einzelne Hausbesitzer sogar den Einsatz von Zyankali gegen die vermeintliche Taubenplage forderten. Die Stadt lehnte das aber strikt ab, brachte vielmehr ein Vergrämen der Tiere ins Spiel.

Ein Video zu den Stadttauben sehen Sie auf LN-Online.de/videos

 Wolfgang Glombik

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