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Segeberg „So betrunken war ich noch nie!“
Lokales Segeberg „So betrunken war ich noch nie!“
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21:49 16.05.2018
Melina Berndt (18) konzentriert sich im Fahrsimulator. Für sie optimal: Sie macht gerade ihren Führerschein. Quelle: Fotos: Irene Burow
Bad Segeberg

„So betrunken war ich noch nie!“, sagt Melina Bock (19), die schon seit zwei Jahren Auto fährt, lachend. Sie wankt langsam durch einen Parcours. Mit der Promillebrille kann sie viel schlechter sehen – 1,3 Promille hat sie damit intus. Die sieben Hütchen erscheinen weit auseinander oder eng zusammen, einen Ball aufzuheben ist mühsam. Die Schüler greifen daneben, das Fangen klappt oft erst beim zweiten Mal. „Es zeigt kunstvoll, wie schnell man die Kontrolle verlieren kann“, sagt Melina. Die meisten Azubis sind froh, als sie die Brille wieder abnehmen können. „Ich habe ein Kind überfahren“, sagt Melina Berndt (18) mit einem Augenzwinkern. Am Ende ihrer Testfahrt ist zu lesen: Drei Unfälle, ein Verkehrsteilnehmer wurde gefährdet, die falsche Straßenseite benutzt und zudem ist sie mehrfach viel schneller gefahren, als erlaubt. „Es war sehr schwer“, sagt sie nach den drei Minuten. Man komme schnell in den Gegenverkehr und das Bremsen dauere lange.

Angefahrene Personen, gerammte Fahrzeuge im Gegenverkehr und Fahren auf dem Bordstein: So viele Unfälle hat es am Berufsbildungszentrum (BBZ) in Bad Segeberg noch nie gegeben. Gott sei Dank: Es ist alles nur fiktiv – die Fahranfänger haben den Fahrsimulator ausprobiert.

Am computergesteuerten Fahrsimulator der Kampagne „Don’t Drink and Drive“ kommt neue Virtual-Reality-Technik zum Einsatz. Durch eine Brille werden die Einschränkungen der Fahrtüchtigkeit bei etwa 0,8 Promille deutlich: Das Sehfeld ist eingeschränkt, man sieht doppelt; Koordinationsschwierigkeiten beim Lenken sowie verzögerte Reaktionen machen die Alkoholfahrt zum eindrucksvollen Erlebnis für die Fahranfänger.

Und so soll es ja auch sein: „Die Schüler sollen sich nicht wohlfühlen“, sagt Kampagnenleiter Jens Strieder. Sie sollen es schwer haben. Er sagt sogar: „Es soll so verstörend wie möglich sein.“ Denn Betrunkene überschätzen sich oft. „Die Bedingungen hier kommen den Jugendlichen krass vor, aber diese Störungen sind absolut realistisch.“ Am BBZ werde genau die richtige Zielgruppe erreicht. „Die 18- bis 24-Jährigen bauen die meisten Unfälle unter Alkoholeinfluss“, so Strieder. Die Präventionsbeauftragte am BBZ, Christa Schröder, kann das nur bestätigen. „Trunkenheitsfahrten nehmen zu, eindeutig. Es ist genau die Altersklasse, die viel ausprobiert.“ Sie freut sich, die Kampagne zum ersten Mal am Bildungszentrum zu haben. „Es ist so sinnvoll.“

Auch bei anderen Reaktionsspielen konnten die Schüler gestern nachvollziehen, wie sich Alkohol auswirkt. Mit Promillebrille auf einem Seil balancieren zum Beispiel. Lukas Schritt (18) wagte sich sogar mit dem Fahrrad um die Hütchen. Das wurde den Standbetreuern dann aber doch zu bunt – viel zu gefährlich. Manch einem Schüler wurde sogar etwas übel. Das sei aber normal. „Verkehrsminister Bernd Buchholz hat das nach einer Testfahrt auch gesagt“, verrät Strieder.

Selbst wenn der Fahrer vorbildlich nüchtern ist, kann er ein Problem bekommen. „Betrunkene Beifahrer sind genauso gefährlich“, sagt Standbetreuerin Laura Vassilaki. „Sie greifen ins Lenkrad oder reißen die Tür auf, wenn sie sich übergeben müssen. Und dann steht man da auf offener Straße...“ Man solle sich deshalb genauso gut überlegen, „ob man Leute im Vollsuff mitnimmt“.

180 Schüler aus acht Klassen haben gestern an diesem „Promillerausch“ teilgenommen. „Don’t Drink and Drive“ ist eine Kampagne der Spitzenverbände aus den Branchen Bier, Wein, Sekt und Spirituosen.

Sie besteht seit 1993, ist damit bundesweit die älteste fortlaufende Verkehrssicherheitskampagne. Unterwegs ist sie an Schulen, bei Gastronomie-Betrieben und Party-Veranstaltern. Mit Plakaten, Aufklebern und Bierdeckeln wird das Motto „Wer fährt, bleibt nüchtern!“ in Diskotheken, auf Festen und Konzerten präsent.

Teurer Spaß

0,8 Promille sind erreicht, wenn eine ungefähr 80 Kilo schwere Person sechs mal 0,3 Liter Bier trinkt.

Für Fahranfänger sind die Strafen in der zweijährigen Probezeit besonders empfindlich: Laut Bußgeldkatalog sind bis 0,5 Promille 250 Euro zu zahlen (ein Punkt), ab 0,5 Promille 500 Euro (zwei Punkte) plus ein Monat Fahrverbot. Die Probezeit kann auf vier Jahre verlängert werden.

 Irene Burow

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