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Staatsanwaltschaft „verschenkt“ Tiger

Bad segeberg Staatsanwaltschaft „verschenkt“ Tiger

Seit Mai wird gegen den Zirkus Las Vegas wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz ermittelt. Mehrere Tiere waren nach der Beschlagnahme veräußert worden. Anwälte kritisieren diese Praxis.

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Zirkusdirektorin Liane Köllner-Weisheit mit Fotos ihrer Tiger und Löwen. Die Raubkatzen wurde notveräußert beziehungsweise verschenkt.

Elefantenkuh „Gitana“ wurde an einen Zoo verkauft, die Löwen „Maggi“ und „Sonja“ auch, die Tiger sogar verschenkt, die Staatsanwaltschaft Kiel nennt es „unentgeltlich überlassen“. Die Behörde hat nach ihrer Großrazzia im Zirkus Las Vegas Anfang Mai in Norderstedt Tatsachen geschaffen. Wie berichtet, wurde neben dem Dickhäuter und den Raubkatzen auch ein Hund konfisziert. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft in allen Fällen: Verstoß gegen das Tierschutzgesetz.

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Staatsanwaltschaft: wegen fehlender Cites-Papiere gab es ein „absolutes Veräußerungsverbot“. Der Zirkus präsentierte gestern dieses Papier.

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Nach einem Beschluss des Kieler Landgerichts hätte der Elefant bis zum Verfahren unter Auflagen zurück an den Zirkus gegeben werden sollen, doch der war längst an einen belgischen Zoo verkauft worden (die LN berichteten). Und genau so wurde unlängst mit den Löwen verfahren. Zum Schicksal der Tiger „Bella“ und „Julia“ sagt Rechtsanwalt Frank Knuth, der den Zirkus vertritt: „Wir haben Mitteilung der Staatsanwaltschaft Kiel erhalten. Ansonsten liegt kein weiterer Nachweis vor.“

Oberstaatsanwältin Birgit Heß sagte den LN, es habe für die Tiger ein „absolutes Veräußerungsverbot“ bestanden, da die Cites-Bescheinigung (ein Herkunftsnachweis nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen) der Tiere gefehlt habe. Dies habe sich im Zuge der Ermittlungen herausgestellt und werde ebenfalls in das Verfahren einfließen. In Absprache mit dem Bundesamt für Naturschutz habe die Staatsanwaltschaft die Tiger daraufhin in eine Auffangstation, „eine Art Gnadenhof“, ins Ausland gebracht. Die Unterhaltskosten wären sonst unangemessen hoch geworden.

Bei der Beschlagnahme seien die Cites-Papiere von den Behörden mitgenommen worden, kontert hingegen Zirkusdirektorin Liane Köllner und präsentiert Kopien der wichtigen Dokumente zweier Tiger, weiblich, geboren am 8.8.2006. Zudem seien die Cites-Papiere 2007 durch das Verwaltungsgericht Berlin schon einmal geprüft worden, betont Rechtsanwalt Knuth.

Anders als den Wildtieren ist es Rottweiler „Drago“ ergangen. Der Hund ist wieder bei seinem Halter, Giuliano Köllner. Doch auch das habe zähe Wochen gedauert; Knuth wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Rückgabe verzögert zu haben. „Ich habe Anzeige wegen Unterschlagung erstattet.“ Die Übergabe selbst sei mit „viel Theater“ verbunden gewesen, so Knuth weiter. „In Kiel hat man eine sehr kreative Auslegung der Strafprozessordnung“, sagt der Rechtsanwalt sarkastisch. Auch Rechtsanwältin Stefanie Meier aus Landshut, die zusammen mit ihrem Kollegen Prof. Ernst Fricke mit dem Fall des Elefanten „Gitana“ betraut ist, sieht das so: „Wir drehen uns im Kreis. Durch die Schaffung von Tatsachen wurde der Beschwerdeweg umgangen“, so die Rechtsanwältin. „Der gesamte Vorgang ist äußerst erstaunlich. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Wir prüfen verfassungsrechtliche Schritte“, sagt die Juristin. Sie wirft der Staatsanwaltschaft ein „Verhalten, das im höchsten Maße bedenklich für einen Rechtsstaat ist“, vor.

Berufskollegin Verena Rottmann, Fachanwältin für Tierrecht aus Panker (Kreis Plön), sieht eine ungewöhnliche Häufung solcher Tierschutzverfahren in Schleswig- Holstein. „Das betrifft nicht nur einen Zirkus, sondern auch Landwirte, Pferde- und andere Tierhalter.“ Der im Verwaltungsrecht vorgesehene Weg über tiermedizinische Kontrollen werde zusehends umgangen. „Es wird sofort ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren eingeleitet und die Tierhalter kriminalisiert. Es gibt erschreckend viele solcher Fälle in Schleswig-Holstein. Ohne vorangegangene Prüfung durch Amtsveterinäre wird mit einem Polizeiaufgebot wie bei einer Drogenrazzia vorgegangen“, sagt die Juristin und führt einen besonders krassen Fall einer älteren Hundehalterin aus der Nähe von Neumünster an. Auch dort habe es eine Beschlagnahme wie beim Zirkus mit einem Großaufgebot von Einsatzkräften gegeben. „Man hat ihr nicht nur die eigenen, sondern auch die Pflegehunde fremder Eigentümer weggenommen und später notveräußert. Die Frau wurde in die Psychiatrie eingewiesen, wo sie fast einen Tag verbringen musste“, so die Juristin. „Natürlich muss von den Veterinärämtern eingeschritten werden, wenn es gravierende Verstöße gegen das Tierschutzgesetz gibt, aber ich bin entsetzt, was in Schleswig-Holsteins Justiz los ist. Hier ist die Politik gefordert.“ 30 Verfahren mit „Fortnahme von Tieren“ habe es seit 2009 im Kreis Segeberg gegeben, berichtete Segebergs Chefveterinär Kurt Warlies im ersten Quartal 2013. Davon seien 18 durch seine Abteilung auf den Weg gebracht und 17 abgeschlossen worden.

Zwölf Verfahren seien im gleichen Zeitraum auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft angestrengt, aber nur eines abgeschlossen worden.

Verhaltensforscher: Peta ignoriert Fakten
Der Verhaltensbiologe Dr. Immanuel Birmelin aus Freiburg hat sowohl freie als auch Zoo- und Zirkusraubkatzen studiert und bei Vergleichen herausgefunden, dass in allen drei Haltungsformen der Stress nicht voneinander abweiche. Die Persönlichkeit des einzelnen Individuums müsse einbezogen werden, wenn es darum gehe herauszufinden, ob ein Tier unter Verhaltensstörungen leide oder nicht. „Jeder Fall muss einzeln und nicht aus der Entfernung betrachtet werden.“ Auffälligkeiten seien innerhalb weniger Tage erkennbar. Die Organisation Peta berücksichtige weltweite Studien einfach nicht. „Zu glauben, dass Elefanten oder Raubkatzen nicht anpassungsfähig sind, ist schlicht dummes Zeug“, so Birmelin. Es gebe auch in der Natur Elefanten, die Einzelgänger und kleinwüchsig seien.

Gelegentliches „Weben“, wie das Hin- und Herbewegen des Kopfes genannt wird, seien keineswegs immer Indiz für stereotype Symptome. Zudem könnten Wildtiere einen sehr engen Kontakt zu ihren Menschen aufbauen, unter deren Verlust sie stark leiden würden.

Tierschutzorganisation Peta prangert an
Die Elefantenkuh „Gitana“ leide haltungsbedingt unter Deformationen, Minderwuchs, Arthrose und Verhaltensstörungen. Die Tierschutzorganisation Peta wirft dem Eigentümer Tierquälerei vor.

Vergleicht man mehrere Fälle, führt die Organisation bei Zirkuselefanten immer wieder die genannten Gründe an. So kritisiert Peta in einem von mehreren Organisationen mitgetragen offenen Brief den Beschluss des Landgerichts Kiel. Darin heißt es, der Dickhäuter sei bis zur Verhandlung unter Auflagen an den Zirkus zurückzugeben.

Das hätte „ wahrscheinlich dramatische Folgen für das Tier“, lautet es in dem Peta-Brief. Die Wegnahme stelle eine unmittelbare Lebensrettung dar.

Erst kürzlich wollte die Organisation den Zirkus Flic Flac, der konzeptionell auf Tiere verzichtet, mit einem Preis für seine „tierleidfreien Programmpunkte“ auszeichnen. Doch der verweigerte die Annahme: „Wer es wirklich ernst meint mit dem Tierschutz, der zeichnet vorbildliche Haltung wie beim Zirkus Knie oder Krone aus“, so Zirkusdirektor Benno Kastein. hil

Podiumsdiskussion
Der Tierschutzverein für Kiel und Umgebung mit seinem Tierheim „Uhlenkrog“ lädt heute von 19 Uhr an zu einer Podiumsdiskussion in das Haus des Sports, am Winterbeker Weg 49, in die Landeshauptstadt ein. Schwerpunkte sind unter anderem der Tierschutz im Grundgesetz, die Finanzierung von Tierheimen, das Gefahrhundegesetz und qualifizierte Hundehaltung sowie die Kastration und Kennzeichnungspflicht von Katzen. Als Gesprächspartner werden die Kieler Verhaltensforscherin Dr. Dorit Feddersen-Petersen von der Uni-Kiel, Dr. Christine Bothmann von der Tierärztekammer Schleswig-Holstein sowie Vertreter des Veterinäramtes und aller politischen Parteien des Landtags erwartet. Der Eintritt zu der Veranstaltung ist kostenlos. hil
„Eine kreative Auslegung der Strafprozess-

ordnung
.“ „Frank Knuth, Anwalt

hil Heike Hiltrop

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