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Segeberg Boostedt wird verkleinert
Lokales Segeberg Boostedt wird verkleinert
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21:02 29.08.2018
Seit April 2015 ist die ehemalige Rantzau-Kaserne in Boostedt im Kreis Segeberg eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Quelle: dpa
Boostedt/Kiel

Die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Boostedt im Kreis Segeberg wird bis Ende 2019 auf 500 Plätze verkleinert. Das hat CDU-Innenstaatssekretär Torsten Geerdts am Mittwoch im Innenausschuss des Landtags bekräftigt. Der Standort Neumünster soll im Gegenzug ausgebaut werden. Der Darstellung, dass in dem Ort die Probleme mit Flüchtlingen aus dem Ruder liefen, widersprach Geerdts energisch.

Zuletzt hatten der Bürgermeister der Gemeinde und einige Lokalpolitiker geklagt, dass das Land die Gemeinde alleine lasse. Weil derzeit viele Flüchtlinge ohne Bleibeperspektive in der Einrichtung untergebracht seien, gebe es zum Beispiel massive Probleme mit Jugendlichen, die Alkohol und Drogen konsumieren würden und sich respektlos verhielten. In einer Einwohnersprechstunde des Bürgermeisters wurden solche Vorwürfe in dieser Woche erneut laut – allerdings waren nur sieben der 4600 Einwohner dazu erschienen.

Die Vorwürfe seien in ihrer Pauschalität schlicht falsch, konterte auch Torsten Geerdts jetzt im Ausschuss. Es gebe Probleme, sie ließen sich aber nicht an bestimmten Personengruppen festmachen. Und: Dort, wo Probleme auftauchten, werde sofort reagiert, eben weil man die Sorgen der Boostedter ernst nehme. Dazu täten jetzt beispielsweise 27 Polizeibeamte in Boostedt Dienst. Die Wache sei mittlerweile die zweitgrößte der Polizeidirektion.

CDU-Innenstaatssekretär Torsten Geerdts. Quelle: LN-Archiv

Tatsächlich habe die Zahl der Straftaten im Ort 2017 mit 207 über der von 2016 mit 173 gelegen. Allerdings: 2014, weit vor der Eröffnung der Erstaufnahmeeinrichtung, seien es sogar 223 gewesen, sagte Segebergs Vize-Polizeichef Jan-Hendrik Lewering. Für 2018 erwarte man zwar einen Anstieg der Delikte auf rund 400. Das sei aber nahezu ausschließlich auf Ladendiebstähle zurückzuführen. Fahrraddiebstähle etwa habe es im Ort in diesem Jahr bislang nur neun gegeben, zweimal seien kleinere sexuelle Belästigungen angezeigt worden. Weil es aber nicht zuletzt für die Angestellten der Läden sehr unangenehm sei, Ladendiebe festhalten zu müssen, habe die Polizei bereits reagiert und setze vor den Läden jetzt zusätzliche Fußstreifen ein. Man wolle solche Straftaten verhindern beziehungsweise schnell eingreifen, weil die wenigen Täter – oftmals psychisch schwer belastete Menschen – in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit sonst auch die ganz überwiegende Mehrheit absolut friedlicher Flüchtlinge in Misskredit bringen könnten, sagt auch der Vize-Polizeichef des Landes, Joachim Gutt. In diesem Sinne dienten seine Beamten sowohl den Boostedtern, als auch den Bewohnern der Erstaufnahme.

Erstaufnahme

Die Erstaufnahmeeinrichtung in Boostedt nahm im April 2015 in der Ex-Rantzau-Kaserne der Bundeswehr ihren Betrieb auf. Die 4600-Einwohner-Gemeinde wurde für Flüchtlinge zu einem ersten Hort im Norden. Auf dem Höhepunkt der Fluchtbewegung aus dem Nahen Osten fanden hier 2500 Menschen eine Bleibe, bevor sie auf die Kommunen weiter verteilt wurden. In der Gemeinde entstanden zahlreiche Initiativen, die die Neuankömmlinge etwa mit Sprachkursen, Nähkursen oder einem Willkommenscafé in der Kirchengemeinde unterstützten. Derzeit sind 1300 Menschen dort untergebracht, darunter etwa 800 Ausreisepflichtige, die hier auf ihre Rückkehr in die Heimat vorbereitet werden.

Geerdts betonte, dass das Land auch die Flüchtlinge ohne Bleibeperspektive nicht ohne Beschäftigung lasse, wie es der Bürgermeister beklagt hatte. So würden 90 von ihnen gemeinnützige Arbeiten erledigen. Auch jene, die auf ihre Ausreise oder Abschiebung warteten, würden häufig noch an Deutschkursen teilnehmen. Es gebe für sie eine gezielte Rückkehrberatung und generell für die Flüchtlinge Kulturangebote, eine Kinderbetreuung oder Gesprächskreise speziell für Frauen. All diese Angebote ließen sich allerdings organisatorisch und wirtschaftlich nur aufrecht erhalten, weil man die Flüchtlinge in einer einzigen großen Einrichtung unterbringe und vor allem auch jene ohne Bleibeperspektive eben nicht auf die Kommunen weiter verteile. Am Konzept dieser großen Einrichtungen werde das Land daher festhalten. Man wolle parallel zur Reduzierung der Platzzahl in Boostedt auf 500 (plus 200 Notfallplätze) die Platzzahl in Neumünster auf 1500 erhöhen. Die ganze Erstaufnahme Neumünster-Boostedt sei ja quasi schon seit Jahren so etwas wie ein gut funktionierendes Ankerzentrum. Auch Mitarbeiter des BAMF und des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten seien vor Ort.

Nur wenn es wieder zu einer Fluchtbewegung wie 2015 komme, wolle man auch die Einrichtung in Rendsburg wieder öffnen, sagt Geerdts. 2024 solle sonst auch die Einrichtung in Boostedt komplett geschlossen werden und Neumünster, wie schon vor 2015, wieder der alleinige Standort für die Erstaufnahme werden. Bis dahin werde man auf eine gute Mischung in der Belegung achten. Schon jetzt seien beispielsweise längst nicht nur alleinstehende Männer in Boostedt untergebracht. Es lebten dort vielmehr 153 Familien mit 704 Angehörigen und 574 Einzelpersonen, davon 430 Männer. Und: Derzeit sei die Zahl der Flüchtlinge, die in den Norden kommen, ohnehin wieder auf das Niveau von 2014 gesunken, sagt Geerdts. Die Beschleunigung der Verfahren zur Ausreise oder Abschiebung von Menschen ohne Bleiberecht werde die Belegungszahl in den Erstaufnahmen zusätzlich weiter reduzieren, sagt der Staatssekretär.

Wolfram Hammer

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