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Segeberg Sie helfen jungen Straftätern wieder in die Spur
Lokales Segeberg Sie helfen jungen Straftätern wieder in die Spur
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18:06 09.04.2019
Hauke Schmalz (39, l.) und Nicklaas Kronika (27) helfen „sozial-kreativen“ Jungs im Kreis Segeberg und darüber hinaus wieder in ein geordnetes Leben zurück. Quelle: Irene Burow
Wahlstedt

„Mein Handy ist immer an“, sagt Hauke Schmalz. „Auch nachts.“ Nicht alle Kollegen machen es so. Aber für den Anti-Aggressivitätstrainer gehört die Erreichbarkeit dazu. Emotionen kennen keine Öffnungszeiten.

Etwa, wenn ein Jugendlicher in einem Heim Stress hat und ihn anruft: „Ich hau meinem Betreuer gleich auf’s Maul.“ Für Hauke Schmalz ein positives Signal. „Es ist gut, wenn sie sich melden. Noch besser ist es natürlich, wenn man sie davon abbringen kann.“

Hauke Schmalz und sein Team betreuen derzeit 15 Jungs in Bad Segeberg und Wahlstedt. Jungs mit „kreativem Sozialverhalten“, wie er es nennt. Sie prügeln, pöbeln, fliegen von der Schule und zu Hause raus. Sie sind in der Jugendhilfe bekannt. „Wir haben uns früher auch geprügelt“, sagt er. Aber man habe schon noch geguckt, welche Körperstellen man trifft. Und wenn jemand am Boden lag, war Schluss. Heute ist das anders. Empathie? Nicht vorhanden.

Einzelbetreuung bei Drogen- oder Sexualdelikten

In der Schule sind die „Kreativen“ überfordert, kennen Gewalt manchmal schon von zu Hause. Oder sie finden durch wenig Aufmerksamkeit oder geringes Selbstbewusstsein einfach keinen Kanal, Erlebtes zu verarbeiten. Die Jungs, mit denen Hauke Schmalz es zu tun hat, sind auffällig bis kriminell. Oft vorbestraft.

Bei seiner Firma „Schlagfertig“ leisten sie dann Sozialstunden oder werden vom Jugendamt zugewiesen. Wenn es nötig wird, gibt es auch vorübergehende Gruppenangebote, wie jüngst in Bornhöved oder Norderstedt. Werden die Fälle zu heftig, geht es in die Einzelbetreuung. Da zieht der 39-Jährige rigoros Grenzen. Etwa bei Drogen- oder Sexualdelikten.

Zudem leistet er in Familien Erziehungsbeistand. „Mittlerweile sind es zehn“, sagt der Streetworker. „Die Einzelmaßnahmen sind echt viel geworden.“ Ist zwischen der Familie und dem Jugendlichen kein Vorankommen mehr möglich, sind sie in Heimen, Wohngruppen oder Internaten manchmal besser aufgehoben.

Alle brauchen Perspektive

Was den Jugendlichen hilft, ist Rhythmus. „Bei mir können sie sich auskotzen. Das tut gut“, sagt Hauke Schmalz. Dienstags und freitags betreut er momentan je eine Gruppe in Bad Segeberg und in Wahlstedt. „Perspektive“, sagt er ganz klar – das bräuchten sie alle. Gute Freizeitangebote. Auch Hilfe, um mit Behörden, Jugendzentrum oder Stadt zu kommunizieren. Es ist eine Stunde pro Woche, die Leben verändern kann. „Wir bleiben hier, gehen raus oder fahren los.“

In Wahlstedt sitzen er und sein Mitarbeiter Nicklaas Kronika an einem Dienstag mit fünf Jungs in einer kleinen Runde. Sie erzählen, wie die Woche war. Hauke Schmalz spricht klar und zielgerichtet. Und er bohrt nach. „Warum lief es gut in der Schule?“ Weil es keinen Stress mit dem Lehrer gab. „Mit wem hängst du jetzt so rum?“ Mit dem Bruder von Schüler sowieso.

„Wir mögen unsere Klienten, aber wir akzeptieren nicht ihre Taten“

Während der eine antwortet, fummelt ein anderer unentwegt an einer Keksdose herum. Er pariert erst, als er zurechtgewiesen wird. Zumindest für den Moment. Ein weiterer sitzt still da und antwortet nur zaghaft. „Immerhin hat er schon seine Kapuze abgenommen. Er ist schon mutiger geworden“, sagt Streetworker Schmalz. Auch das gibt es. „Es ist ein gemischtes Feld.“

In der Gruppe trainiert er, wie man mit Konflikten umgeht, wie man wutlos wird, sich über Stimme und Körperhaltung ausdrückt. Bei Rollenspielen üben sie Alltag. Er und seine Mitarbeiter arbeiten viel auf der Beziehungsebene. „Wir sind eben nicht so, dass wir sie gleich ablehnen oder tadeln. Unser Leitsatz ist: Wir mögen unsere Klienten, aber wir akzeptieren nicht ihre Taten“, sagt er. „Wir verurteilen sie nicht sofort. Dann geht ganz viel. Und diesen Draht brauchen wir zu den Jugendlichen.“

Mindestens ein halbes Jahr Training

Mindestens ein halbes Jahr bleiben sie in der Obhut der Streetworker, eher ein ganzes. In dieser Zeit haben sich die Männer ein Bild vom Leben der Teenager gemacht. Sie haben eine Art kumpelhafte Beziehung aufgebaut, in der sie ansprechbar sind, aber Grenzen setzen.

Immer wieder diskutieren sie mit den Acht- bis 14-Jährigen die Auswirkungen provokanten Handels, von Beleidigung und Prügelei. Es sei nur einer, der ausrastet, aber viele andere sind beteiligt: Ärzte, Polizei, Opfer, Täter. „Es ist nie nur ein Leben“, macht der Trainer ihnen klar. Ein Opfer setzen sie mit einem Blatt Papier gleich: Ist es erst mal zerknittert, wird es nie mehr richtig glatt. So machen sie Gewalt sichtbar, damit sie reflektiert werden kann.

Gleichzeitig wird nicht nur der Jugendliche selbst betrachtet, sondern sein ganzes Umfeld. Ganz nach dem Motto: Wenn einer aus der Reihe tanzt, hängen alle mit drin. Die Klasse, die Schule, die Zuschauer, Familie und Gleichaltrigen.

Vorleben, was möglich ist

Die einfache Regel des Teams: Toleriertes Verhalten ist akzeptiertes Verhalten. Oftmals fehle es an Zeit, Aufmerksamkeit, Geduld. „Es ist es relativ einfach“, sagt Hauke Schmalz. Eigentlich seien sie nur bedürftig. „Standfestigkeit, Regelmäßigkeit und Liebe“ – mehr bräuchten seine Schützlinge nicht.

Der Firmeninhaber möchte zeigen, dass es einen Weg ohne Gewalt gibt. Er will vorleben, was möglich ist. Auch sein Werdegang ist nicht geradlinig. „Ich musste acht Jahre lernen, um das zu tun, was ich jetzt mache“, sagt er. Seinerzeit absolviert er den Zivildienst in einer Behinderteneinrichtung. „Eine tolle Zeit“, wie er findet. Weil ihm die nachfolgende Zimmermannsausbildung nicht zusagt, sattelt er schließlich den Erzieher drauf.

Bei der Rosa-Settemeyer-Stiftung Norderstedt fängt er an zu arbeiten. Und nebenbei für die „Wiege“ (Wiegmann und Gebauer sozialräumliche Hilfen GmbH) mit Sitz in Trappenkamp. Dort gefällt es ihm so gut, dass er voll einsteigt.

Jeder kann es noch schaffen

Als 2010 in Bad Segebergs Südstadt eine Jugendgang ihr Unwesen treibt, kam die Frage auf, wie die Streetworker die Jungs am besten erreichen können. „Um zu sehen, was sie brauchen“, erinnert sich Hauke Schmalz. Mittelfristig kann die Gang schließlich gesprengt werden. Auch mit seiner Hilfe.

Diese Zeit und die folgenden Jahre haben ihm gezeigt: Die Gewaltdelikte nehmen zu, der Respekt verschwindet. Manchmal ganz. Der 39-Jährige lässt sich 2012 in Papenburg zum Anti-Aggressivitäts- und Coolnesstrainer ausbilden. Er gründet eine Firma und nennt sie „Schlagfertig“. Jetzt, nach sieben Jahren, beschäftigt er vier Mitarbeiter.

„Seinen“ Jugendlichen macht er klar, dass es jeder noch schaffen kann. Helfen können sie aber nicht in jedem Fall. „Wann die Hilfe anfängt, ist entscheidend“, sagt er. „Manche kriegt man auch nicht mehr.“

Irene Burow

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