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Segeberg „Täter suchen sich gezielt Kinder mit wenig Selbstbewusstsein“
Lokales Segeberg „Täter suchen sich gezielt Kinder mit wenig Selbstbewusstsein“
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20:26 16.12.2017
Diplom-Psychologin Silke Ohrtmann (59) arbeitet seit sieben Jahren beim Kinderschutzbund. In Bad Segeberg ist sie Ansprechpartnerin für das Kinderschutzzentrum mit der Fachberatungsstelle gegen sexuellen Missbrauch. Quelle: Foto: Materne

Jedes zehnte Mädchen soll Opfer von sexuellem Missbrauch mit Körperkontakt sein. Das würde bedeuten, dass in jeder Grundschulklasse potenziell ein Opfer sitzt?

Das Spendenkonto

Empfänger:

Deutscher Kinderschutzbund Segeberg gGmbH

Konto: Sparkasse Südholstein

DE42 2305 1030 0510 5092 68

Verwendungszweck:

Spendenaktion „Hilfe im Advent

Die Namender Spender werden in den Lübecker Nachrichten veröffentlicht soweit bei der Überweisung der Spende nicht „anonym“ angegeben wird.

Richtig. Die Dunkelziffer ist natürlich sehr hoch. Aber Missbrauch mit Körperkontakt, das bedeutet Anfassen. Und zwar im Intimbereich, an der Brust oder zwischen den Beinen.

Wo fängt sexueller Missbrauch an?

Das beginnt mit verbaler Belästigung. Missbrauch bedeutet aber auch, dass der Übergriffige ein Vertrauensverhältnis ausnutzt. Das ist kein Fremder. Man geht auch davon aus, dass es beim sexuellen Missbrauch eher um Machtausübung als um das Sexuelle geht.

Die Zahlen in Ihrer Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt steigen. 2015 waren es 171 Fälle, 2016 schon 214.

Die Zahlen steigen seit Jahren. Das liegt aber nicht daran, dass die Missbrauchsfälle steigen, sondern die Sensibilisierung für das Thema höher ist. Und daher auch mehr Fachpersonal bei uns um Beratung anfragt

Sie arbeiten hauptsächlich mit Missbrauchsopfern, wie können sie diesen helfen?

In erster Linie, indem wir den Betroffenen sehr deutlich machen, dass es nicht ihre Schuld ist. Alle Betroffenen kommen mit riesigen Schuld- und Schamgefühlen hier an. Es wird ihnen von den Übergriffigen so suggeriert, insbesondere von Erwachsenen. Deren Verteidigung lautet dann: Sie könnten ja nichts dafür, dass das Kind so süß ist und so hübsch. . .

Oder der Rock zu kurz ist.

Oder das. Gerade wenn ein Flirt vorangegangen ist und dann eine Grenze nicht beachtet wurde, geben sich die Betroffenen die Schuld. Sie hätten ja mitgemacht. Oder sie hätten wissen müssen, dass sie nicht auf die Party hätten gehen sollen, man wisse ja wie das endet. Andere werfen sich vor, dass sie sich nicht wehren konnten, nicht schreien konnten. Jugendlichen erkläre ich dann auch Funktionsweisen im Gehirn in Schocksituationen und mache klar, dass sie nicht anders handeln konnten, dass sie hilflos waren. Das hilft ihnen manchmal schon.

Und bei kleineren Kindern?

Bei kleinen Kindern verwenden wir Spieltherapie, sie können ja nicht richtig äußern, was passiert ist. Da geht es meist um Verdachtsfälle. Die Kinder spielen das Erlebte nach. Dann spielen wir mit ihnen und erklären, dass es nicht in Ordnung ist, was die Puppe da gerade macht. Oder wir malen ganz viel. So drücken sie sich aus, wie andere beim Erzählen.

Was raten Sie Eltern von Betroffenen?

Eltern geben wir Ratschläge, wie sie mit den Kindern umgehen können, ohne sie völlig zu verunsichern. Oft wollen Kinder über das Erlebte nicht reden. Man kann nachfragen, aber nie bohren. Die Kinder müssen das Tempo vorgeben. Eltern sollten versuchen, Normalität beizubehalten.

Das ist sicher nicht einfach.

Nein. So ein Erlebnis hat Folgen für die ganze Familie. Auch Eltern geben sich oft eine Mitschuld. Und ich hatte mal einen Vater hier, seine zwölfjährige Tochter wurde vom Nachbarn missbraucht. Er hat es nicht geschafft, das von sich zu drücken. Die Tochter durfte nicht mehr allein zur Schule oder zu Freunden. Das hat die Familie ganz, ganz stark erschüttert. Sodass das Mädchen mir ein halbes Jahr später gesagt hat: ,Wenn ich gewusst hätte, was das mit meiner Familie macht, hätte ich nichts gesagt.’ Das fand ich ganz erschütternd. Das Mädchen wurde über mehrere Monate sexuell missbraucht, aber die Folgen für die Familie empfand sie als schlimmer.

Wie kann man sexuellen Missbrauch erkennen?

Das ist für alle wirklich ganz schwierig. Das Umfeld kriegt mit, dass das Kind sich verändert, dass es vielleicht nicht mehr so fröhlich ist oder nicht mehr rausgeht. Aber das kann noch 97 andere Gründe haben. Gerade in der Pubertät: Stress mit den Eltern oder dem Freund. Sexueller Missbrauch ist oft eine Tortur für Betroffene, weil es auch oft lange dauert, bis Kinder etwas sagen oder jemand etwas entdeckt. Ich erinnere mich an ein Mädchen, das wurde zwischen dem 9. und 13. Lebensjahr von ihrem Vater missbraucht. Aber erst mit 16 hat sie begriffen, was da gelaufen ist.

Wie kann das sein?

Die meisten Täter kommen aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen. Onkel, Stiefvater, manchmal auch Mütter, der Trainer. Das sind Menschen, denen die Kinder vertrauen, die sie toll finden. Die meisten Kinder lernen auch, dass Erwachsene Recht haben. Und dann machen die etwas, das die Kinder nicht schön finden, aber nicht verstehen. Aber die Übergriffigen sagen dann: Das ist doch was Schönes.

Wie finden Täter ihre Opfer?

Übergriffige suchen sich gezielt Kinder mit wenig Selbstbewusstsein, die man einwickeln kann. Sie fangen damit an, die Kinder besonders zu loben und auf ein Podest zu stellen. Deshalb sind Kinder, die zu Hause nicht so viel Zuwendung bekommen dafür besonders anfällig und finden es toll, Komplimente zu bekommen. Wenn sich der Täter angenähert hat, geht es mit Geschenken weiter. Sie machen die Kinder abhängig: ,Ich hab dir ein Geschenk mitgebracht, nun musst du auch mal.’ Und im Endstadium kommt die Bedrohung: ,Wenn du was sagst, das glaubt dir eh keiner’ oder ,dann bring ich deinen Hund um’.

Wie also kann man Kinder vor Missbrauch schützen?

Unser großes Ziel ist es, die Präventionsarbeit auszubauen. Wir müssen Kinder stärken, dass sie sich trauen, etwas zu sagen. Dass sie wissen, dass sie ein Recht darauf haben zu entscheiden, was mit ihrem Körper passiert. Es gibt zahlreiche Präventionsprojekte sogar für Kindergärten, die sind darauf ausgelegt das Selbstwertgefühl zu stärken. Kinder sollen sich trauen, Nein oder Stopp zu sagen, wenn sie etwas schlecht finden. Das muss nicht sexuell sein, da geht es zum Beispiel auch um den feuchten Schlabberkuss von Oma. In der Prävention liegt die Zukunft. Ich hoffe einfach, dass es dann immer weniger Fälle gibt und wir noch mehr Zeit in die Prävention stecken können.

Wie sieht es eigentlich mit der Verfolgung der Täter aus? Kommt es häufig zu Gerichtsverfahren?

Leider nicht. Gerade bei Verdachtsfällen, wenn die Kinder nicht reden und es keine Beweise gibt, werden die Ermittlungen oft eingestellt. Von den Fällen, in denen Kinder den Missbrauch deutlich benennen. kommt es vielleicht bei der Hälfte zum Prozess, aber noch lange nicht zur Verurteilung. Es ist manchmal sehr traurig, wenn man den Betroffenen sagen muss, wie gering die Chancen für eine Verurteilung sind. Aber das Gesetz sagt eindeutig: im Zweifel für den Angeklagten. Ein Nachweis ohne Verletzungen ist schwer.

Und ohne Zeugen.

Genau! Für die jüngeren Kinder ist oft wichtiger, dass ihnen geglaubt wird. Es sind eher die Älteren, die eine Bestrafung wünschen.

Es muss schlimm sein, zu wissen, dass der Täter frei rumläuft und sich womöglich das nächste Opfer sucht.

Genau das ist der Grund, warum ich meistens empfehle, den Missbrauch anzuzeigen, auch wenn hinterher nichts dabei rumkommt. Aber der Täter wird einbestellt und es gibt ein Verfahren. Das wird dann vielleicht auch eingestellt, aber der Mann ist zumindest aktenkundig. Und beim nächsten Mal wird man vielleicht weiter nachforschen. Ich hoffe, das wirkt abschreckend und das wäre dann zumindest präventiv für andere Kinder.

Die Aktion

Mit der Aktion „Hilfe im Advent“ unterstützen Sie, liebe Leserinnen und Leser, diesmal den Kinderschutzbund Segeberg. Der Kinderschutzbund kümmert sich mit ganz unterschiedlichen Angeboten um jungen Menschen, aber auch um Eltern und Angehörige, die Hilfe benötigen.

Und er leistet wertvolle Präventionsarbeit. Viele Projekte müssen aus Spenden finanziert werden. Der Kinderschutzbund im Kreis Segeberg benötigt die Spenden unter anderem für das Projekt „Young Carers“. Es richtet sich an Kinder und Jugendliche, die chronisch kranke oder beeinträchtigte Angehörige betreuen. Der Kinderschutzbund kümmert sich um diese jungen Menschen, verschafft ihnen Angebote, bei denen sie wieder Kind sein dürfen.

HILFE IM ADVENT

Anonym 30 Euro, anonym 100 Euro, Horst und Gerda Ullrich 30 Euro, Klaus und Ingrid Tippmann 30 Euro, Gisela Seekamp 20 Euro, Ulrich und Heike Schmidt 10 Euro, anonym 200 Euro, Elfriede Haller 20 Euro, Helga Borchert 30 Euro, Hans-Heinrich und Ellen Jaacks 20 Euro, Annegret Stender 50 Euro, Ursula Voss 10 Euro, Ulrike Isenberg 100 Euro, Uwe und Renate Lembke 10 Euro, Werner und Margarete Lang 50 Euro, Heinke Lensch 100 Euro, anonym 100 Euro, CDU Frauenvereinigung 345 Euro.

Aktueller Spendenstand:

5038 Euro

Buchempfehlungen

Zur Prävention von Missbrauch gibt es schon für Kinder gute Bücher, die Psychologin Silke Ohrtmann Eltern empfiehlt. Sie sollten jedoch gemeinsam gelesen werden:

„Mein Körper gehört mir“, 9,95 Euro, von ProFamilia für Kinder ab fünf Jahre „Echte Schätze! – starke Sachen-Kiste für Kinder“, 18,50 Euro, vom Petze-Institut für Gewaltprävention, ab drei Jahre

 Interview: Nadine Materne

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