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Segeberg Tausende Brötchentüten gegen Gewalt an Frauen
Lokales Segeberg Tausende Brötchentüten gegen Gewalt an Frauen
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21:21 23.11.2016
Die künftigen Fachverkäuferinnen Anna Carolina Mähl, Safiya Yildirim und Lena Hanke (v.l.) vom BBZ verkaufen Gebäck in Aktionstüten. FOTO: MATERNE

. „080001160116“ – die Nummer zum Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen prangt in diesen Tagen auf Tausenden Tüten in Segeberg und ganz Schleswig-Holstein.

„Gewalt kommt nicht in die Tüte“ ist die Nachricht, die das Bäckerhandwerk und Beratungsstellen beim Brötchenverkauf in die Welt tragen. Oder mit Quarkbällchen. Wie die angehenden Bäckereifachverkäuferinnen Anna Carolina Mähl, Safiya Yildirim und Lena Hanke, die das süße Gebäck im Gang von Haus A des Berufsbildungszentrums (BBZ) beinah am Fließband in die Aktionstüten packen und verkaufen.

Sechs Stück für einen Euro. Bianka Busch aus dem Schulbüro nimmt gleich sieben Tüten für die Kollegen mit. Gut 1000 Teile des Fettgebäcks haben die angehenden Bäcker des BBZ am Morgen gebacken, schätzt Till Schubring, der nur staunt, wie schnell die Teilchen abgesetzt werden. Mit dem eingenommenen Geld soll den jungen Frauen am BBZ ein Selbstbehauptungstraining ermöglicht werden. Auch Barbara Eibelshäuser von der Fachberatungsstelle Frauenzimmer und die Gleichstellungsbeauftragten Dagmar Höppner-Reher (Kreis) und Beate Mönkedieck (Bad Segeberg) greifen zu bei der Aktion, die sie begleiten, um auf das Problem Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen, zu sensibilisieren.

„Der typische Fall von häuslicher Gewalt ist Männergewalt“, sagt Barbara Eibelshäuser. Bei Gewalt in Partnerschaften sind in 82 Prozent der Fälle Frauen die Opfer, wie jüngst das Bundesfamilienministerium veröffentlichte. In der Arbeit mit den jungen Leuten wurden die verschiedenen Formen von Gewalt besprochen. Und: Warum viele Frauen Hilfe dabei brauchen, aus einer Gewaltbeziehung herauszukommen. „Sich einfach zu trennen klingt so einfach. Doch es gibt auch viele Gründe, warum Frauen beim gewalttätigen Partner bleiben“, so Eibelshäuser. Finanzielle Abhängigkeit, körperliche Bedrohung, Stigmatisierung, mangelndes Selbstbewusstsein. So manche Frau stehe dann vor einem ganzen Berg von Hürden – bei denen Frauenberatungsstellen aber auch helfen können. Das Hilfetelefon kann da ein erster Schritt sein.

Die Brötchentüte mit der Hotline-Nummer sei ein unauffälliges Medium, diese Information weiterzugeben, findet Dagmar Höppner-Reher. Eine Broschüre, so die Gleichstellungsbeauftragte, könne gefunden werden und Fragen aufwerfen. Die Brötchentüte dagegen sei unverfänglich. Mehrere Tausend dieser Tüten gehen in diesen Tagen und Wochen allein bei drei Bad Segeberger Bäckern über den Tresen: Ohrt, Michely und Gräper. In ganz Schleswig-Holstein beteiligen sich über 60 Bäckereien, die insgesamt 360000 Aktionstüten bestellt und selbst bezahlt haben. Viele der Läden beteiligten sich seit Jahren an der Aktion, die inzwischen zum 13. Mal rund um den internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November veranstaltet wird.

Dazu bieten die Beratungsstellen und Gleichstellungsbeauftragten oft auch Infostände an. Dabei gebe es immer wieder intensivere Gespräche mit Menschen, die eine Betroffene kennen oder einen Verdacht haben, berichtet Beate Mönkedieck. Auch in der Schule hätten sich Betroffene bei den Beraterinnen gemeldet. Häusliche Gewalt sei kein Einzelfall und komme in allen Schichten vor.

Häusliche Gewalt: 301 Polizeieinsätze in Segeberg

3280 Polizeieinsätze gab es im Jahr 2015 in Schleswig-Holstein wegen häuslicher Gewalt. Dabei wurden 382 Täter der Wohnung verwiesen. 1034 Frauen flohen mit ihren 1030 Kindern in ein Frauenhaus.

Außerdem meldeten sich 10500 Frauen bei einer der 23 vom Land geförderten Frauenberatungsstellen – größtenteils wegen häuslicher und sexualisierter Gewalt.

Im Bereich der Polizeireviere Bad Segeberg, Kaltenkirchen und Norderstedt gab es im gleichen Jahr 301 Einsätze wegen häuslicher Gewalt gegen Frauen. In sieben Jahren musste nur eine Frau der ehelichen Wohnung verwiesen werden, so Barbara Eibelshäuser vom Frauenzimmer.

Nadine Materne

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