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Teresas Mutter muss drei Jahre ins Gefängnis

Kiel Teresas Mutter muss drei Jahre ins Gefängnis

Wegen Totschlags in einem minderschweren Fall muss die 23-jährige Mutter des am 15. Oktober 2015 in Sülfeld tot aufgefundenen Babys für drei Jahre ins Gefängnis. Die achte Große Strafkammer am Kieler Landgericht blieb damit deutlich unter der Forderung der Anklage.

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Die Angeklagte Rozina G. (23) neben ihrer Anwältin Nicole Buchert-Cochanski (r.) am Mittwoch vor Gericht. Während der gesamten zweistündigen Urteilsbegründung verharrte sie so.

Quelle: Fotos: Rehder/dpa

Kiel. Den Kopf auf den Tisch zwischen den Armen vergraben. Während der ganzen zweistündigen Urteilsbegründung verharrte Rozina G. in dieser Position, sah nicht einmal zum Gericht, ihrem Dolmetscher oder ihrer Verteidigerin auf. Der furchtbaren Realität durch Wegsehen entfliehen – eine Strategie, die die junge Frau aus Eritrea schon früher angewendet hatte. Und die nach Ansicht des Gerichtes letztlich dazu führte, dass ihre kleine Tochter, der die Kirchengemeinde Sülfeld posthum den Namen Teresa gab, nur 30 Minuten auf dieser Welt zu leben hatte. Das kleine Mädchen war an einem nasskalten Oktoberabend irgendwo in der Nähe der B 432 im Freien zur Welt gekommen und dort aller Wahrscheinlichkeit nach an Unterkühlung gestorben, weil sich die Mutter aus einem nur ihr genau bekannten Grund nicht um ihr Kind kümmerte.

LN-Bild

Wegen Totschlags in einem minderschweren Fall muss die 23-jährige Mutter des am 15. Oktober 2015 in Sülfeld tot aufgefundenen Babys für drei Jahre ins Gefängnis. Die achte Große Strafkammer am Kieler Landgericht blieb damit deutlich unter der Forderung der Anklage.

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„Sie hat die Dinge einfach

auf sich zukommen lassen.“ Jörg Brommann

Vorsitzender Richter

Der Vorsitzende Richter Jörg Brommann räumte in der Ausführung seines Urteils ein, dass der genaue Tatablauf während der Verhandlung weitgehend im Nebel geblieben sei. Rozina G. hatte auf die Fragen des Gerichts stets verworren und widersprüchlich geantwortet, hatte unter anderem behauptet, sich an die Geburt wegen eines angeblichen, drei Stunden andauernden „Blackouts“ nicht erinnern zu können.

„Diese Behauptung ist falsch, die Angeklagte muss bei der Geburt bei Bewusstsein gewesen sein“, stellte Brommann indes klar. Schon medizinisch müsse anderes ausgeschlossen werden.

Da eine Ursache für den Tod des Kindes von der Rechtsmedizin nicht festgestellt und somit auch kein Nachweis für eine aktive Tötung erbracht werden konnte, ging das Gericht in seinem Urteil von einer Unterkühlung als naheliegendste Ursache aus. Teresa hatte wahrscheinlich nackt und nass auf dem Boden gelegen, wo sie nach kurzer Zeit starb, weil ihre Mutter nicht eingriff. Dass die 23-Jährige das Neugeborene tötete, indem sie es erstickte, dafür sah die Kammer zwar keine Hinweise. Letzte Zweifel aber bleiben. Brommann: „Über die Möglichkeit geht das jedoch nicht hinaus – und reicht deshalb nicht für eine Verurteilung.“

In dieser Frage waren sich Gericht und Anklagevertretung zwar einig. Staatsanwalt Bernd Winterfeldt hatte zuvor dennoch eine höhere Haftstrafe von fünf Jahren gefordert. In einem Moment, in dem das Leben nicht schutzloser sein könne, habe die Angeklagte ihrem Kind jede Hilfe verweigert, führte er in seinem Plädoyer aus.

Für die Kammer war das zwar ein wichtiges Argument, wie der Vorsitzende betonte. Im Fall von Rozina G. gebe es jedoch viele Faktoren, die sich schuldmindernd ausgewirkt hätten. Weder sei sie vorbestraft noch habe sie die Tat geplant. Die Geburt habe sich zudem in einer für sie schwierigen Lebenslage ereignet. Insbesondere maß das Gericht aber dem Umstand, dass Teresa bei einer Vergewaltigung gezeugt worden war, sowie dem kulturellen Hintergrund der Frau große Bedeutung zu. Die Eritreerin stamme aus einer Kultur, in der Vergewaltigungsopfer sozial geächtet und auch ihre Kinder stigmatisiert seien. Aus diesen Gründen habe sie das Kind für sich nicht anerkennen können und keine emotionale Bindung zu ihm gehabt. Dafür sprach unter anderem, dass G. während ihrer Vernehmungen über das Baby stets von „ihm“ und „er“ gesprochen hatte. Das alles ändere zwar nichts an der Schuldhaftigkeit der Tat, betonte Brommann, „es macht sie aber in einem gewissen Umfang verständlich“. Auch dass die Frau infolge ihrer Vergewaltigung nach Auffassung des psychiatrischen Gutachters an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sowie Depressionen leidet, erkannte das Gericht an. Dies habe aber keinen Einfluss auf ihre Steuerungsfähigkeit gehabt. Das hatte die Verteidigerin in ihrem Plädoyer geltend gemacht und Freispruch gefordert. Vor der Geburt habe es für Rozina G. zahlreiche Gelegenheiten gegeben, Vorsorge zu treffen und jemandem ihre Schwangerschaft anzuvertrauen. „Sie hat die Dinge aber einfach auf sich zukommen lassen“, so Brommann. Und auch wenn G. keine Vorstellungen vom Verlauf einer Schwangerschaft oder Geburt gehabt habe: „Dass ein neugeborenes Kind versorgt werden muss, das weiß jeder Mensch“, erklärte der Richter. Am Ende seiner Urteilsbegründung sprach Brommann die immer noch in sich versunkene Angeklagte noch einmal persönlich an, riet ihr zu einer Therapie. „Sie sollten sich mit dem Gedanken tragen, sich ihren erlittenen Erlebnissen endlich zu stellen. Andernfalls drohen sie, daran zu zerbrechen.“

Oliver Vogt

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