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Tödliche Messerstiche im Affekt?

Kiel/Norderstedt Tödliche Messerstiche im Affekt?

Im Totschlag-Prozess vor dem Landgericht wurden gestern Sachverständige gehört.

Kiel/Norderstedt. Hat Jack A. (Namen geändert) seine Freundin im Affekt getötet? Mit dieser Frage beschäftigte sich das Landgericht Kiel gestern am zweiten Verhandlungstag gegen den 57-jährigen Ghanaer. Wie berichtet, war es zwischen ihm und dem Opfer Anny Q. am 30. Juli 2015 in Norderstedt zum Streit gekommen. Dabei verletzte A. seine Verlobte mit mehreren tiefen Messerstichen tödlich. Seiner Aussage nach hatte Q. an jenem Abend eine Melone geschnitten. Als A. das Zimmer verlassen und an ihr vorbei gehen wollte, habe sie zum Messer gegriffen.

„Der längste rekonstruierte Stich war 15 Zentimeter tief.“ Gerichtsmedizinerin

Er habe Angst bekommen und wollte Q. das Messer aus der Hand nehmen. Dabei sei es zum Kampf gekommen und er habe die Kontrolle verloren. An die Stiche könne er sich nicht erinnern.

Von „massiver Gewalteinwirkung“ sprach gestern die Rechtsmedizinerin. 13 Stichverletzungen, davon sechs bis zu 15 Zentimeter tief, wies die Leiche auf. Beide Brusthöhlen wurden geöffnet, beide Lungenflügel verletzt. Stiche in den Oberbauch endeten in der Leber. Tödlich sei ein Stich ins Herz gewesen. Neben zahlreichen Abwehrverletzungen an den Händen und Armen wurde bei der Obduktion auch stumpfe Gewalt insbesondere am Hals festgestellt. Würgeverletzungen. Eine Fraktur des Ringknorpels, ein Teil des Kehlkopfskeletts, zeuge von „massiver stumpfer Gewalteinwirkung“, so die Sachverständige.

Den Griff an Q.s Kehle zu Beginn der körperlichen Auseinandersetzung hatte A. bereits am ersten Prozesstag vor Gericht sowie im Gespräch mit dem psychiatrischen Gutachter Dr. Thomas Bachmann geschildert. Er habe sie abwehren wollen. A. habe Q. noch nie so in Rage erlebt. Den weiteren Ablauf habe der Angeklagte jedoch unterschiedlich wiedergegeben, so der Sachverständige. „Ich habe den Eindruck, er hat mehr Erinnerungen, als er mir schildern will.“ Als Hinweis für eine Affekthandlung reichten Bachmann unter anderem die angegebenen Erinnerungslücken nicht aus. Auch typische Symptome für eine „akute Belastungssituation“ sah er nicht.

Zudem fehlte dem Gutachter eine existenzielle Bedrohung. Zwar hatte es in der Beziehung Probleme gegeben, denn A. war illegal in Deutschland und auf Q. angewiesen. Die Hochzeit war geplant.

Sie jedoch fühlte sich von A. beleidigt, hatte ihn rausgeworfen, das Schloss zur Wohnung ausgetauscht. Erst nach einer Intervention der Kirchengemeinde ließ sie ihn wieder bei sich wohnen. A. musste jedoch jeden Tag neu um Einlass bitten. „Er sah sich misshandelt“, so Bachmann. In seinem Selbstverständnis jedoch sei A. immer davon ausgegangen, dass sich alles wieder einrenke. Streitpunkt am Tatabend sei gewesen, dass Q. einige Tage verreisen wollte, A. aber keinen Schlüssel erhalten sollte. „Ernsthafte Konsequenzen, die man sich hätte in der Fantasie ausmalen können — keine Heirat, keine Staatsbürgerschaft — hat er nicht geschildert“, so Bachmann, der keine psychische Erkrankungen oder Persönlichkeitsstörung bei A. feststellen konnte.

Am 23. März soll der Prozess mit den Plädoyers fortgesetzt werden.

Von Nadine Materne

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