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Segeberg Tote Rotmilane bei Blunk: Es war das Gift E 605
Lokales Segeberg Tote Rotmilane bei Blunk: Es war das Gift E 605
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08:09 25.07.2018
Zwei junge Rotmilane fanden die Naturschützer bereits tot vor, ein weiterer Jungvogel starb auf der Fahrt zum Wildpark Eekholt. Quelle: Fotos: Hfr
Blunk

Das war ein schwarzer Tag für alle Naturliebhaber, als die Serie der toten Greifvögel im Kreis Segeberg begann. Fünf Wochen ist es her, als die Naturschutzgemeinschaft Blunkerbach in einem Wald zwei tote Rotmilan-Jungvögel unter ihrem Horst fand. Ein weiterer von insgesamt vier Vögeln starb während des Transportes zum Wildpark Eekholt. Ein vierter Jungvogel überstand die Reise in den Wildpark. Wenige Tage nach den Jungvögeln entdeckten die Naturschützer einen ausgewachsenen toten Rotmilan. Ein paar Tage später wurde weiter südlich ein ausgewachsener Seeadler gefunden – oder besser das, was von ihm übrig war.

Dieser junge Rotmilan hatte Glück: Als schwächstes von vier Geschwistern hat er von der vergifteten Nahrung wahrscheinlich nichts abbekommen.

Während die Untersuchungsergebnisse für den toten Seeadler und den ausgewachsenen Rotmilan noch ausstehen, lässt die toxikologische Untersuchung der toten Rotmilan-Jungvögel, die vom Leibniz-Institut in Berlin vorgenommen wurde, keine Zweifel zu: Die streng geschützten Greifvögel wurden Opfer von „Parathion“, auch bekannt als „E 605“. Das vom Chemiekonzern Bayer vermarktete Insektizid, das hochwirksam gegen Insekten und Warmblüter ist, Pflanzen aber nicht schadet, wurde von 1948 bis 2001 auch in der deutschen Landwirtschaft eingesetzt. Doch nicht nur da: Kaum ein anderes Gift wurde so oft für Morde und Selbstmorde verwendet wie Parathion. Seit 2002 ist die Abgabe, Einfuhr, Anwendung und Zulassung von Pflanzenschutzmitteln, die Parathion enthalten, in der gesamten Europäischen Union (EU) verboten.

Aber wie kann ein Gift, das seit 16 Jahren nicht mehr zugelassen ist, für den Tot der Rotmilane verantwortlich ein? Darüber gibt es Spekulationen. Entweder hat jemand noch einen Vorrat, oder er hat andere Zugangsmöglichkeiten, denn die EU hat zwar die Abgabe und Anwendung verboten, nicht aber die Abgabe zur Lagerung des Giftes mit anschließender Ausfuhr aus dem Gebiet der EU. „In der Gestis-Stoffdatenbank ist Parathion immer noch aufgeführt“, sagt Polizei-Oberkommissar Peter Mannke vom Segeberger Umwelttrupp. Vor ihm liegt die schwierige Aufgabe, einen Täter zu ermitteln, der mit Strafen von bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug rechnen muss.

„Wir sind für jede Information dankbar. Wer Ungewöhnliches gesehen hat, soll sich mit uns unter der Telefonnummer 04551/88 40 in Verbindung setzen“, sagt Peter Mannke, der sich mit dem Wissen um die Art des Giftes nicht zufriedengeben will. „Für uns ist wichtig, wie das Gift in den Vogel gelangt ist. Diese Information bekommen wir, sobald die genauen Untersuchungsergebnisse bei uns eingetroffen sind “, erzählt der polizeiliche Umweltschützer.

Rüdiger Albrecht vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume warnt unterdessen davor, den möglichen Täter im Umfeld von Windkraftbefürwortern zu suchen. Horste von Greifvögeln sind ein K.O.-Kriterium für den Bau von Windkraftanlagen. „Der Rotmilan nutzt gerne Aas als Nahrungsquelle. Es kann somit auch gut eine Sekundärvergiftung vorliegen“, sagt Albrecht. Heißt: Das Elterntier hat Fleisch eines bereits vergifteten Beutetiers verfüttert. Albrecht betont noch einmal, dass Horste von Rotmilanen, selbst wenn die nicht mehr belegt seien, in einem Umkreis von 1,5 Kilometern Windkraftanlagen ausschließen. Darauf hatte auch der Bundesverband Windenergie hingewiesen .

Während seine drei Geschwister ihr Leben lassen mussten, hatte der vierte der Blunker Rotmilane Glück. „Er ist wieder gut dabei“, erzählt Tierpfleger André Rose, der den Jungvogel im Wildpark Eekholt aufgepäppelt hat. Inzwischen sei er wieder bei Kräften, fliege munter durch seine Voliere und lerne, seine Mahlzeiten selbst zu erjagen. Am Freitag soll er nach einer Abschlussuntersuchung im Wildpark Eekholt in dem Revier seiner Eltern und verendeten Geschwistern ausgewildert werden.

Von Petra Dreu

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