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Segeberg Totes Baby: Zeugin hielt Tüte mit Leichnam für Müll
Lokales Segeberg Totes Baby: Zeugin hielt Tüte mit Leichnam für Müll
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11:29 17.10.2015
Spurensicherung an der Haltestelle „Borstel“. Abgelegt wurde das Baby nach neuen Erkenntnissen aber woanders. Quelle: Fotos: Burmester/kameradaniel
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Sülfeld

Der tote Säugling, der am Donnerstagmorgen im Papierkorb der Bushaltestelle „Borstel“ an der B 432 gefunden wurde, kann maximal ein paar Tage alt gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft Kiel und die ermittelnde Mordkommission mit Unterstützung der Kripo Bad Segeberg suchen nun nach der Mutter des toten Babys — ein Mädchen. Gesucht wird eine Frau, die bis Anfang der Woche schwanger war, jetzt, nach der Geburt, aber ohne Kind lebt.

Grausiger Fund: Babyleiche lag im Mülleimer

Ein schrecklicher Fund im Kreis Segeberg: an der B432 haben Passanten an der Bushaltestelle "Borstel" nahe Sülfeld die Leiche eines Babys gefunden.

Unterdessen hat sich am Freitagvormittag eine Zeugin gemeldet, die Bewegung in den Fall bringt. „Sie gab an, eine Tüte, in der sich sehr wahrscheinlich der in Kleidungsstücke gewickelte, tote Säugling befand, in den Mülleimer bei der Bushaltestelle geworfen zu haben“, teilte ein Polizeisprecher aus Kiel mit. „Sie wollte lediglich vermuteten Müll entsorgen.“ Die Tüte war laut Polizei deutlich befüllt und befand sich etwa 300 Meter entfernt vom Fundort am Fahrbahnrand der Sether Straße.

Nicht weit weg davon wohnt auch Sülfelds Bürgermeister Karl-Heinz Wegner. „Mit großem Polizeiaufgebot wurde die Gegend abgesucht“, sagte er gestern im LN-Gespräch. Mitarbeiter der Gemeinde hatten das tote Mädchen, „ein Neugeborenes“, am Donnerstagmorgen bei der turnusmäßigen Reinigung der Papierkörbe gefunden. „Das Baby war in Stoff eingewickelt“, berichtet Wegner. Es sei nicht sofort sichtbar gewesen für die Gemeindemitarbeiter. Den sehr betroffenen Männern, beide selbst Väter, sei psychologische Hilfe angeboten worden.

Einem der Kleidungsstücke kommt im Ermittlungsverfahren eine besondere Rolle zu, es ist ein dunkles Langarmshirt mit dem Aufdruck „PinBallPirates“. Die Polizei veröffentlichte gestern ein Foto des Shirts in der Hoffnung, dass es Zeugen gibt, die das Label kennen oder sogar jemanden, der so ein Kleidungsstück besessen hat. Auch werden Zeugen gebeten, sich zu melden, wenn sie bis Donnerstag um 9.30 Uhr verdächtige Beobachtungen gemacht haben. Wie das Kind gestorben ist, ob es eine Totgeburt war, getötet wurde oder noch lebte, als es am Wegesrand abgelegt wurde, müssen weitere Untersuchungen klären, sagte Oberstaatsanwältin Birgit Heß

gestern.

Ein toter Säugling im Müll löst Entsetzen aus. Und Unverständnis. „Wie kann eine Frau so etwas tun?“, fragen viele Leser im Netz mit Verweis auf die Möglichkeit, ein ungewolltes Kind in einer Babyklappe ablegen zu können. „Das Problem ist, dass diese Frauen ihre Schwangerschaft komplett verdrängen“, versucht Karen Callsen, Leiterin der Beratungsstelle pro familia, Geschehnisse wie dieses zu erklären. Dazu gebe es inzwischen auch Studien. „Die Frauen nehmen ihre Schwangerschaft nicht wahr, weil sie sie nicht wahrnehmen wollen.“ Es sei sogar möglich, dass die Frau nicht einmal mitbekommen hat, dass sie ein Kind geboren hat, sagt Callsen. „Die Frauen sind abgespalten in dem Moment und nehmen das Kind nicht als solches wahr.“ Es müsse dann „einfach nur weg“.

Die Gründe für solch eine Verdrängung können unterdessen vielfältig sein: Gewalterfahrung, religiöse Gründe, Überforderung, eine psychische Vorerkrankung, Existenzsorgen, zählt Callsen auf. Zu helfen sei solchen Frauen nur schwer, da sie sich nicht mit einer Schwangerschaft auseinandersetzen, bedauert Callsen. Denn „es gibt natürlich immer einen Ausweg“. Nicht nur die Babyklappe. Wenn eine Mutter ein Kind nicht behalten möchte, gibt es neben der Adoption auch die Möglichkeit der vertraulichen Geburt, so Callsen. Und als „allerallerletzte“ Möglichkeit auch die anonyme Geburt.

Wer Hinweise geben kann zum Fall, sollte sich bei den Ermittlern unter ☎ 0431/16033 33 melden.

„Die Polizei hat mit großem Aufgebot die Gegend um die Sether Straße abgesucht.“
Karl-Heinz Wegner, Bürgermeister Sülfeld

Nadine Materne

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