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Traumberuf Hebamme: Aber nicht um jeden Preis

Bad Segeberg Traumberuf Hebamme: Aber nicht um jeden Preis

Seit 32 Jahren hilft Angela Schönfeldt (55) Kindern auf die Welt. Die Zukunft ist ungewiss. Hohe Versicherungskosten und geringe Entlohnung machen den Beruf immer weniger attraktiv. Und die Arbeit der Beleghebammen soll weiter reglementiert werden.

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Eine Geburt verbindet: Alle vier Kinder von Janne Detlefsen hat Hebamme Angela Schönfeldt (Mitte) zur Welt gebracht. Mats (8), Jona (4), Tomme (2) und Linea vor sechs Monaten. „Mir war die Betreuung durch eine vertraute Hebamme total wichtig“, sagt die Mutter.

Quelle: Foto: Materne

Bad Segeberg. Die kleine Linea, gerade sechs Monate alt, sitzt auf dem Arm von Hebamme Angela Schönfeldt und lutscht an einem Hirsecracker. Schönfeldt ist zur Beikost-Beratung bei Mutter Janne Detlefsen in Bad Segeberg. Die beiden Frauen wirken vertraut. „Eine Geburt verbindet“, erklärt Janne Detlefsen. Vier Geburten haben sie gemeinsam erlebt. „Vier wunderschöne Geburten“, betont sie. Gleichzeitig aber sei sie froh, nun „durch“ zu sein mit dem Thema – angesichts der Situation der Hebammen in Deutschland. Hohe Versicherungskosten und geringe Entlohnung machen den Beruf immer weniger attraktiv. Und die Arbeit der Beleghebammen soll weiter reglementiert werden.

LN-Bild

Seit 32 Jahren hilft Angela Schönfeldt (55) Kindern auf die Welt – Die Zukunft ist ungewiss.

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Von „illusorischen Vorgaben“ spricht Angela Schönfeldt, seit 32 Jahren freiberufliche Hebamme und in Bad Segeberg im weit verbreiteten Belegsystem tätig. Das heißt, mehrere Hebammen decken im Schichtsystem die Geburtshilfe in einer Klinik ab, halten auch Bereitschaftskräfte vor. Alles freiberuflich. Wird kein Kind geboren, geht auch die diensthabende Hebamme leer aus. Ist viel zu tun, kommt Hilfe dazu. „Wir können sehr flexibel reagieren“, ist Schönfeldt von dem System überzeugt. Eine 1:1-Betreuung oder auch 1:2 sei in der Regel sichergestellt.

Geht es aber nach dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen, sollen Beleghebammen im Dienst künftig maximal zwei Frauen parallel betreuen und abrechnen dürfen, kritisiert der Deutsche Hebammenverband. „Wenn zwei Frauen am Beginn der Geburt sind, dürfte ich keine Dritte bei Beschwerden telefonisch beraten“, verdeutlicht Schönfeldt. Oder besser gesagt: Sie bekäme die Beratung nicht bezahlt. Und stünde eine dritte Frau mit Wehen in der Tür, müsste diese den Vorschlägen entsprechend erstmal unversorgt bleiben, so Schönfeldt.

Bei der Einzelbetreuung einer Schwangeren wird es noch absurder, wie die Hebamme erklärt: „Ich dürfte die Frau nicht mehr an eine Kollegin abgeben, die nicht vorher namentlich benannt wird.“ Egal wie lange die Geburt dauert, deren Termin in der Regel vorher nicht bekannt ist. „Wie soll das funktionieren?“, fragt Schönfeldt. Eine Geburt könne mehrere Tage dauern. Auch Hebammen müssten mal schlafen, und was, wenn die Vertretung gerade nicht verfügbar sei? „Manchmal fragt man sich, ob diejenigen, die diese Regeln machen, jemals bei einer Geburt dabei waren“, kommentiert Mutter Janne Detlefsen. „Meine zweite Geburt hat nach der Einleitung drei Tage gedauert.“

Die Sorge des Hebammenverbands ist, dass die neuen Regeln noch mehr Hebammen aus der Geburtshilfe vertreiben, weitere Kreißsäle geschlossen werden. „Schon jetzt haben wir einen Fachkräftemangel“, sagt Schönfeldt. Inzwischen bemühen sich Frauen bereits in den ersten Wochen einer Schwangerschaft um eine Hebamme. Auch Janne Detlefsen: „Angela war nach meinem Mann die zweite, die von meiner Schwangerschaft erfahren hat.“ In der zwölften Woche. „Es gibt Frauen, die in der Mitte ihrer Schwangerschaft schon zu spät sind, wenn sie eine Hebamme suchen“, sagt Schönfeldt. Für Geburten im Winter habe sie bereits Anfragen absagen müssen. Ihr sei sogar Geld von Frauen geboten worden. „Aber auch mein Tag hat nur 24 Stunden.“

Geburten lassen sich nicht wie Friseurtermine planen, können sich um Wochen, sogar Monate verschieben, sind mit zahlreichen Vorsorge- und Nachsorgeterminen verbunden. Eine Arbeit, die Angela Schönfeldt Spaß bereitet. „Ich wollte nie etwas anderes machen“, sagt die 55-Jährige. Es war im Winter 1971 in Schackendorf. Draußen lagen hohe Schneeberge, und ihre Mutter habe mit der Schwester in den Wehen gelegen, erzählt Schönfeldt. Die Nachbarin rief ihre Hebamme, die mit ihrer Ruhe diese aufregende Situation meisterte. „Das hat mich total beeindruckt.“

Kurz nach ihrem Hebammenexamen 1985 hat Schönfeldt kurz als angestellte Hebamme in einem Lübecker Krankenhaus mit 1000 Geburten im Jahr gearbeitet. Da bleibe kaum Zeit für Einzelbetreuung, weiß sie auch von Kolleginnen, die heute angestellt sind in großen Häusern. „Das kann ich mir nicht mehr für mich vorstellen“, sagt Schönfeldt. Die Befürchtung in der Branche aber ist, dass der Hebammen-Beruf künftig genau so aussehen wird. „Denn für angestellte Hebammen soll es keine Beschränkungen geben wie für Beleghebammen“, betont Schönfeldt.

Leidtragende aber wären vor allem die Frauen: „Wenn ich mir vorstelle, ich liege da stundenlang allein halbnackt im Kreißsaal mit meinen Schmerzen und zu drei Untersuchungen kommen drei verschiedene Ärzte“, sagt Mutter Janne Detlefsen. „Gruselig.“ Die Geburt sei eine Ausnahmesituation. „Man fühlt sich auch ausgeliefert.“ In dieser Situation eine vertraute Hebamme an der Seite zu wissen, „das ist mir total wichtig gewesen“. Auch bei der vierten Geburt von Linea. Bei den Bemühungen um Einsparungen im Gesundheitssystem werde vergessen, „dass da auch noch eine Frau dranhängt und ihre Psyche“, meint Janne Detlefsen.

Es sei bereits jetzt schwierig, Hebammen-Nachwuchs zu bekommen, weiß Schönfeldt. Die Haftpflichtversicherung für Geburtshilfe wird dieses Jahr erstmals auf über 7000 Euro steigen. Die Brutto-Vergütung für 28 Geburten, verdeutlicht die 55-Jährige. Im vergangenen Jahr hat sie 36 Geburten betreut. Auch mit Einnahmen aus Schwangerschaftskursen werde man nicht reich. „Wir müssen von unserer Arbeit auch leben können“, fordert Schönfeldt. In anderen Ländern sei die Hebammensituation nicht so: In Norwegen sei die 1:1-Betreuung normal, die Haftpflicht in der Schweiz koste 1500 Euro, zieht Schönfeldt Vergleiche. Auch sie habe schon überlegt, auszuwandern. „Meine Schwester lebt in der Schweiz.“ Ob sich ihr Beruf in Deutschland noch rechnet, diese Frage stellt sich Schönfeldt „jedes Jahr bei der Steuererklärung“. Die Liebe zum Beruf und die Sorge um die Frauen haben sie weitermachen lassen. Ein entscheidender Termin aber werde der 19. Mai sein, sagt Schönfeldt. Dann entscheidet eine Schiedsstelle im Streit zwischen Krankenkassen und Hebammenverband über die neuen Regeln für Beleghebammen und deren Zukunft.

Hebammentag

Der 5. Mai ist internationaler Hebammentag, an dem die Arbeit der Hebammen geehrt werden soll. Er wird zum Protesttag der Verbände gegen schlechte Arbeitsbedingungen. Inzwischen sind die wenigsten Hebammen noch in der Geburtshilfe tätig: Von 25 Segeberger Hebammen, die beim Hebammenverband Schleswig-Holstein gelistet sind, betreuen 19 keine Geburten mehr – zu teuer ist die Haftpflichtversicherung (7639 Euro). Bundesweit gibt es 23 000 Hebammen, 70 bis 80 Prozent freiberuflich – weniger als 25 Prozent leisten Geburtshilfe.

 Nadine Materne

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