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Überforderte Halter ließen Tiere qualvoll verenden

Bad Segeberg Überforderte Halter ließen Tiere qualvoll verenden

Geldmangel, Depression, familiäre Sorgen: Vielzahl von Problemen führte zum Desaster.

Bad Segeberg. Der Angeklagten Olga H. versagte die Stimme, als sie gestern zu den Geschehnissen vom April 2012 im Amtsgericht in Bad Segeberg Stellung nahm. Damals standen die Polizei, das Amt Kisdorf und die Amtstierärztin vor der Tür. Ein anonymer Hinweis war beim Amt eingegangen. Bei der Familie seien zwei Tiere verendet, mindestens 15 Rinder völlig unterernährt. Was die Beamten zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, und augenscheinlich auch Olga H. nicht: Es war noch viel schlimmer.

Bei einigen Tieren hatte schon die Verwesung eingesetzt

Als die Ermittler dem Hinweis nachgingen, standen die noch lebenden Tiere in ihrem finsteren und verriegelten Stall bis zu 30 Zentimeter tief in Kot und Mist. Nach Aussage der Amtstierärztin waren die Rinder teilweise frei laufend, teilweise angekettet, einige standen in Boxen. „Zwei Tiere waren in der Ankettung verendet, die Haut hatte sich schon abgelöst“, schilderte die 38-Jährige. In den Boxen seien einige Kadaver bereits teilweise skelettiert, der Schädelknochen sichtbar gewesen. Sie müssten schon einige Wochen so dagelegen haben. Eine weitere Kuh war beim Kalben gestorben, das halb geborene Jungtier steckte teilweise noch im Unterleib. Der Zustand, in dem Tiere und Stall an diesem Tag vorgefunden wurden, ist fotografisch dokumentiert. Olga H. konnte sich die Fotos bei der Gerichtsverhandlung nicht ansehen: „Ich sehe die Bilder noch vor mir.“ Auch ihr mitangeklagter Ehemann Heinrich verzichtete.

Die beiden waren wegen Verletzung des Tierschutzgesetzes angeklagt. Sie sollen den Tieren Schmerzen und schweres Leid angetan haben, lautete der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Olga H. ist Agraringenieurin, ihr Mann geprüfter Landwirtschafter. Wie konnte das passieren? Es gibt mehrere Seiten dieser Geschichte. Den Hof bei Kaltenkirchen hat der heute 59-jährige H. vor über 30 Jahren von seinen Eltern übernommen. Pferde, Schweine und 75 Rinder lebten noch 2006 auf dem Hof, als H. sich das erste Mal vor Gericht verantworten musste. Beim Versuch, den Hof wirtschaftlich zu führen, habe er sich mit der Versorgung der Tiere übernommen, so Richterin Sabine Roggendorf. Dazu kamen persönliche Probleme. Die Tiere wurden beschlagnahmt, ein fünfjähriges Haltungsverbot verhängt.

Doch H. konnte sich den Hof ohne Tiere nicht vorstellen. „Er wollte, dass der Stall wieder voll ist“, sagte Olga H. aus. Sie willigte ein, die Haltung zu übernehmen. 2007 fing das Paar mit einer Kuh an, 2012 waren es 23. Und eine Zeit lang lief alles gut. Doch neben der Tierpflege musste sich Olga H. auch um zwei Söhne im Teenageralter kümmern, einer muss regelmäßig zur Ergotherapie. Dazu pflegte die 49-Jährige ihre demenzkranke Schwiegermutter, absolviert derzeit auch eine Ausbildung zur Pflegehelferin. Als die Mutter durch einen Sturz Ende 2011 zum ständigen Pflegefall wird, kapituliert Olga H.: „Ich konnte mich nicht mehr um die Tiere kümmern, ich wollte sie verkaufen.“ Um ihren Mann zur Einwilligung zu bewegen, ließ sie ihn allein mit der Arbeit, seit Weihnachten 2011 sei sie nicht mehr im Stall gewesen. „Ich wollte ihn unter Druck setzen.“

Damit nahm das Unglück seinen Lauf. Denn Heinrich H. hatte inzwischen eine schwere Depression entwickelt. Dass ihm 2006 die Tiere weggenommen wurden, hat er nicht verkraftet, wirtschaftlich ging es der Familie nicht gut. Sein Verteidiger legte ein entsprechendes Attest vor: „Er konnte sich um nichts mehr kümmern.“ Erst nachdem die Polizei auf dem Hof gewesen war, habe sein Mandant realisiert, was geschehen war. H. habe sogar versucht, sich das Leben zu nehmen. Nun ist er in Behandlung.

„Ich frage mich oft, ob ich es hätte verhindern können“, sagte die emotional aufgewühlte Angeklagte. „Es tut mir so leid, ich hätte nicht gedacht, dass es soweit kommt.“ Für Tierquälerei gibt es bis zu drei Jahren Haft

Sie habe als Halterin der Tiere den Kopf in den Sand gesteckt und billigend in Kauf genommen, was passiert war, warf ihr Staatsanwältin Frohmeyer vor. Sie beantragte Freiheitsstrafen von vier und sechs Monaten für die Eheleute, außerdem ein fünfjähriges Haltungs- und Betreuungsverbot für Rinder. Die Verteidiger plädierten für Geldstrafen. Die Missstände seien erst 2011 eingetreten, außerdem seien die Tiere nicht absichtlich gequält worden.

Mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe kann Tierquälerei bestraft werden. Unter Berücksichtigung der schwierigen Situation, der verminderten Schuldfähigkeit des Angeklagten und der Vorstrafe verhängte Richterin Roggendorf vier Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung gegen H. Seine Frau erhält eine Geldstrafe von 900 Euro, dazu ein Haltungs- und Betreuungsverbot für beide. Roggendorf:

„Damit sind sie am meisten bestraft.“

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