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Segeberg Umbenennung? Studie nimmt Straßennamen unter die Lupe
Lokales Segeberg Umbenennung? Studie nimmt Straßennamen unter die Lupe
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22:25 08.11.2013
Lübeck

Lenardweg, Fritz-Rörig-Weg, Johannes-Klöcking-Weg — drei Straßennamen, von denen die meisten Lübecker wohl bisher keine besondere Notiz genommen haben. Das könnte sich nun ändern. Angeregt durch die Debatte über eine Umbenennung des Hindenburgplatzes hatte der Bürgermeister im Auftrag der Bürgerschaft ein Gutachten über „belastete Straßennamen“ in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse dieser Expertise, die von Stadtarchiv-Chef Dr. Jan Lokers und dem Hamburger Historiker Dr. Jan Zimmermann in den vergangenen Monaten erstellt worden ist, liegen mittlerweile vor. Sie benennt 13 Namen als heikel. Am 5. Dezember soll sich damit eine fraktionsübergreifende Arbeitsgruppe der Bürgerschaft beschäftigen.

„Es kam durchaus Überraschendes ans Tageslicht“, klärt Lokers auf, „ich möchte der Diskussion aber nicht vorgreifen.“ In den Ausführungen, die den LN vorliegen, ist zum Beispiel zu lesen, dass der Physiker und Nobelpreisträger Philip Lenard — Namensgeber für einen Weg in St. Gertrud — Hauptvertreter einer „Arischen Physik“ war. Daher seien Straßen mit seinem Namen in den vergangenen Jahren in mehreren Städten umbenannt worden, ist in dem Gutachten zu lesen.

Weiteres Beispiel: Der Lehrer und Heimatforscher Johannes Klöcking. „Als kritikwürdig sind vor allem die von ihm mitverfassten Bearbeitungen von Händel-Oratorien im Dritten Reich anzusehen, die eine eindeutige antisemitische Absicht mit dem Ziel ,entjudeter‘ Aufführungen hatten“, schlussfolgern die Autoren. In Israelsdorf wurde zudem ein weiterer „belasteter Straßenname“ entdeckt, der Fritz- Rörig-Weg. Rörig war vor und während der NS-Zeit der führende Hansehistoriker. Der Professor habe bereits vor 1933 ein Hansebild, das der völkisch-rassistischen Weltanschauung entsprach, propagiert.

Und weiter heißt es: „Dieses Bild untermauerte die Überlegenheit des nordisch-germanischen Menschen und legitimierte damit seinen Herrschaftsanspruch.“

Für Karl-Heinz Haase, der vor knapp einem Jahr die Debatte um den Hindenburgplatz angestoßen hatte, steht fest, dass sich die Lübecker Politik dieser Sachlage umgehend stellen müsse. „Mir war bisher überhaupt nicht bewusst, dass in unserer Stadt drei Straßen nach ausgewiesenen rassistischen Hetzern, die als ideologische Wegbereiter des Holocaust einzustufen sind, benannt sind.“ Handlungsbedarf sieht der Psychotherapeut und frühere grüne Kommunalpolitiker darüber hinaus beim Hindenburgplatz. Auch die Kalkbrennerstraße in St. Jürgen berge Zündstoff. „Georg Kalkbrenner war in seiner Funktion als lübscher Senator ein aktiver Wegbereiter der Nazi-Diktatur“, resümiert Haase.

„Wir stehen eindeutig dazu, dass einige Namensgebungen überdacht werden müssen“, sagt Peter Petereit, kulturpolitischer Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion. Alternativ zur Umbenennung wären auch erläuternde Hinweisschilder zu diskutieren. Eine Maßnahme, die Rolf Klinkel (Grüne) für möglich hält. „Bei den drei Rassisten sowie bei Kalkbrenner und Hindenburg sind Umbenennungen aber geboten“, stellt er klar.

Thomas Misch von den Freien Wählern, Kooperationspartner von SPD und Grünen, hält die Diskussion für sehr sinnvoll — „schließlich dient diese der Aufarbeitung der Vergangenheit“. Würde dann eine Maßnahme empfohlen, müssten auf jeden Fall die Bürger beteiligt werden. Das Beispiel Quandt-Platz habe gelehrt, dass so ein Vorhaben ansonsten „nach hinten losgehen könne“. Christopher Lötsch von der CDU sieht das Ganze unaufgeregt. Für ihn sind Straßennamen „eine Dokumentation der Zeitgeschichte“. Allenfalls seien ergänzende Hinweisschilder denkbar.

„Wir werden in der Dezember-Sitzung den Politikern vor allem erläutern, wie andere Städte damit umgegangen sind“, erklärt Archiv- Chef Lokers. Er erhofft sich, dass die Debatte insgesamt nicht zu emotional geführt werde.

Gutachten benennt 13 Problemfälle in Lübeck
Nationalisten, Rassisten, Imperialisten — die Gründe, warum die Namensgeber von Straßen als heikel gelten, sind vielfältig. 13 Bezeichnungen führt das Gutachten als „belastet“ auf:

Jahnstraße, Walderseestraße, Hindenburgplatz, Lüderitzstraße, Von-Morgen-Straße, Boelckestraße, Paul-Behncke-Straße, Schäferstraße, Wißmannstraße, Kalkbrennerstraße, Lenardweg, Fritz-Rörig-Weg und Johannes-Klöcking-Weg. Auch viele andere Städte führen diese Debatte. Erst im September wurde zum Beispiel in Hamburg die Hindenburgstraße im Stadtpark in Otto-Wels-Straße umbenannt.

Michael Hollinde

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