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Segeberg Verfahren eingestellt: Entschädigung für Zirkusfamilie
Lokales Segeberg Verfahren eingestellt: Entschädigung für Zirkusfamilie
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21:24 14.01.2016
Giuliano Köllner mit einem der beschlagnahmten Löwen. Quelle: Fotos: Hil

Es ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die Zirkusfamilie Köllner erlebt: Erleichterung und Freudentränen verdrängen langsam die Wut vor so viel empfundener Ungerechtigkeit. Das Verfahren gegen Sohn Giuliano vor dem Amtsgericht Norderstedt ist gestern wegen Geringfügigkeit eingestellt worden. Alle Kosten trägt die Landeskasse. Richter Jan Willem Buchert stellte zudem per Beschluss fest, dass der Dompteur zu entschädigen ist.

Prozesstag Tag zwei gegen den 26-jährigen, dem in einem Strafverfahren vorsätzliche, schwere Tierquälerei und ungenehmigte Zurschaustellung von Tieren im Zirkus Las Vegas vorgeworfen wurde: Es drehte sich alles um die Geschehnisse des 8. Mai 2013 und den Gesundheitszustand der Löwin „Sonja“, deren Schwanz 2011 kupiert worden war und damals noch immer schlecht heilte.

Aus den Zeugenschilderungen ergibt sich folgendes Bild: Ab 6.35 Uhr morgens sichern 66 Polizisten das Zirkusgelände und untersagen den Schaustellern bis kurz nach 11 Uhr das Verlassen der Wohnwagen.

Man habe die Situation „einfrieren“ wollen, beschreibt ein Polizist im Zeugenstand. Ziel war es, die Elefantenkuh „Gitana“ ohne große Zwischenfälle unter Umständen zu beschlagnahmen. Vorbereitungen dazu waren zuvor getroffen, ein Gerichtsbeschluss besorgt worden.

Am Tag der Durchsuchung wurde der Elefant von einem Fachtierarzt narkotisiert und abtransportiert. Danach besprachen Staatsanwaltschaft und Veterinärin, auch die anderen Tiere zu begutachten. Das Ergebnis: Der Hund des Angeklagten (er bekam ihn Monate später zurück), zwei Tiger und beide Löwen wurden ohne Beschluss in ihrem Käfiganhänger — Eigentum des Zirkus‘ — fortgeschafft und später notveräußert. Gefahr in Verzug, so das Argument der Staatsanwaltschaft damals. Das sah mindestens ein Tierarzt in seiner gestrigen Aussage anders.

Es wurde auch festgestellt, dass mehrere Stunden Zeit gewesen wären, um einen richterlichen Beschluss zu beschaffen. Die am Tag der Fortnahme festgestellten Mängel hatte keiner der zahlreichen Veterinäre, die den Zirkus regelmäßig kontrolliert hatten, zuvor ausgemacht. „Ohne Befund“ lauteten etliche Einträge in die Dokumentation bis Ende April 2013. Ganz im Gegenteil: Zeugen — alles Tierärzte — sagten aus, dass die Raubkatzen ein ganz normales Verhalten zeigten, eine „homogene Gruppe“ bildeten, sogar erfreulich viel Platz hatten. Lediglich die Schwanzwunde besagter Löwin und deren Heilungsverzögerung wurden gelegentlich erwähnt. Dennoch sah keine Veterinär Anlass dazu, einen Tierarztbesuch anzuordnen. Eine Amtstierärztin im Zeugenstand: „Die Löwin war okay, bis auf die Schwanzspitze.“ Es bleibt offen, ob sie wirklich Schmerzen hatte und wie lange.

So stellte die Staatsanwaltschaft gestern fest, dass sich im Verfahren herausgestellt habe, dass keine Straftat, sondern eher eine Ordnungswidrigkeit vorliege. Daraufhin einigten sich Anklagevertretung, Staatsanwaltschaft und Richter darauf, das Verfahren wegen Geringfügigkeit komplett einzustellen. Richter Buchert: „Nach der Beweislage sehen wir es so, dass sich die Vorwürfe nicht halten lassen.“

Zu den nie bemängelten, fehlerhaften CITES-Dokumenten sagte der Richter: „Der Angeklagte muss nicht schlauer sein als die Behörde. Vorsatz ist nicht erkennbar.“ Er betonte zudem, dass das, was das Verfahren mit der Familie gemacht habe, sowie der Entzug der Existenzgrundlage zeige, dass „die Verhältnismäßigkeit aus dem Blickwinkel verloren wurde“.

Rechtsanwalt Frank Knuth nannte den Einstellungsbeschluss ein „annehmbares Ergebnis“, verwies aber erneut darauf, dass aus seiner Sicht vor zwei Jahren von Polizei und Staatsanwaltschaft Menschenrecht verletzt worden sei. Er werde Schadensersatz in sechsstelliger Höhe fordern, so der Jurist. Und Giuliano Köllner? Der ist froh, dass alles vorbei ist und trainiert bereits wieder fünf bengalische Tiger.

„Was das Verfahren mit der Familie gemacht hat, dass sie in ihrer Existenz bedroht war, zeigt, dass die Verhältnismäßigkeit aus dem Blick verloren wurde.“
Richter Jan Willem Buchert

Heike Hiltrop

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