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Verliert die Jugend das Handwerk aus den Augen?

Bad Segeberg Verliert die Jugend das Handwerk aus den Augen?

Segebergs Handwerk findet kaum noch genügend Nachwuchs, junge Schulabsolventen zieht es gleich ins Studium. Deswegen wollen viele Handwerksmeister jetzt gern Flüchtlinge integrieren.

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Ausbildung in einem soliden Handwerk — sollte das inzwischen manchen jungen Leuten nicht mehr ausreichen?

Quelle: Fotos: Fotolia/ark/nam/pd

Bad Segeberg. Nachwuchsmangel im Handwerk — vor allem in den Bereichen Sanitär-, Maler-, Elektro- und Friseurinnung, aber auch im Bauhauptgewerbe hätten die Betriebe zunehmend Probleme, alle angebotenen Lehrstellen zu besetzen, sagt Carsten Bruhn, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Mittelholstein. „Immer mehr Schüler gehen auf weiterführende Schulen und machen das Abitur“, sagt Thomas Kenntemich, Leiter der Agentur für Arbeit in Elmshorn.

Zwar sei die Zahl der im Kreis Segeberg abgeschlossenen Ausbildungsverträge in den vergangenen drei Jahren mit stets um die 550 annähernd gleich geblieben (für Mittelholstein insgesamt über 950), doch habe man zum Beispiel 2009 noch fast 200 Auszubildende mehr gehabt, sagt Bruhn.

Die Ausbildungsstatistik der Arbeitsagentur für den Kreis Segeberg listet für 2015 genau 1393 Lehrverträge auf. In den „Top Ten“ sind aber nur noch drei Handwerksberufe enthalten: Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik, Sanitär- und Friseur-Azubis befinden sich auf den Plätzen 5, 7 und 8 — die meisten jungen Leute zieht es dagegen in kaufmännische Berufe. Und noch etwas war früher anders: Gerade, was technische Berufe angeht, ziehen es Abiturienten mittlerweile vor, gleich von der Schulbank weg ins Studium zu gehen. Den Ratschlag, zunächst einen Handwerksberuf als solide Grundlage zu erlernen, befolge heute kaum noch jemand. „Dabei würde das durchaus Sinn machen“, sagt Bruhn, der darauf verweist, dass ein Handwerksmeister auch in der Einkommensentwicklung durchaus nicht schlechter dastehe als ein durchschnittlicher Akademiker. „Bei dem Trend ,Schlips statt Blaumann‘ gerät das Handwerk in eine Ecke, in die es nicht gehört“, so Bruhn.

Die Folge: Für die Handwerksausbildung bleiben die vermeintlich „Schlechteren“ — und was Allgemeinwissen oder einfache mathematische Grundlagen wie Dreisatz oder Flächenberechnung angehe, stimme das leider auch in weiten Teilen: „Die Ausbildungsfähigkeit hat insgesamt leider nachgelassen“, räumt Bruhn ein.

Generell würde er keine eklatante Entwicklung in Richtung auf ein gesunkenes Niveau erkennen, sagt dagegen Heinz Sandbrink, Leiter des Berufsbildungszentrums (BBZ). Man habe allerdings die Auffälligkeiten in den Prüfungsnoten einiger Berufe untersucht und Schwächen im Rechnen festgestellt. Sandbrink rät, dass solche Schüler mehr die ausbildungsbegleitenden Hilfen nutzen sollten, die außerhalb des Betriebes angeboten würden.

Um auch künftig genügend Fachkräfte zu haben, werde das Handwerk seine Ausbildungsinitiativen noch verstärken, kündigt Geschäftsführer Bruhn an. Verstärkt beschicke man Ausbildungsmessen und werbe auch direkt in den Schulen für das Handwerk. Bruhn verweist auch auf „Hands up“ , eine an den Schulen verteilte Broschüre des Handwerks, in der nicht allein Handwerksberufe konkret vorgestellt werden, sondern wo auch Betriebe aus der Region genannt werden, die tatsächlich ausbilden.

Eine gute Möglichkeit, dem Lehrstellenmangel abzuhelfen, wäre es, jene vielen jungen Leute auszubilden, die im Moment als Flüchtlinge zu uns kommen. Genau 117 von ihnen werden zurzeit am BBZ in fünf „DaZ-Klassen“ (Deutsch als Zweitsprache) unterrichtet. Das Handwerk sei auch durchaus bereit, diese jungen Leute aufzunehmen. Eine Umfrage unter Handwerksmeistern, so Geschäftsführer Bruhn, habe ergeben, dass man Flüchtlingen grundsätzlich sowohl Ausbildungs- als auch Praktikums- und Arbeitsplätze zu Verfügung stellen wolle.

Doch sei das Ganze für ihn unter anderem ans Bleiberecht gekoppelt, sagt der Geschäftsführer: Ein Handwerksbetrieb habe keinerlei Vorteile, wenn er in die Ausbildung investiere, der Absolvent aber anschließend nicht im Lande bleibe. Bruhn: „Da muss unbürokratisch reagiert werden — ich rechne aber trotzdem mit einem längeren Prozess.“ Wenn der Geschäftsführer der Handwerkerschaft Mittelholstein aber vom Zeitraum einer Generation spreche, die das Ganze brauche, um sich einzuspielen, dann fordert BBZ-Leiter Sandbrink deutlich kürzere Zeiträume: „Integration ist ein Vorhaben, dass sich in zwei bis drei Jahren verwirklichen lassen kann.“

Lothar Hermann Kullack

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