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Segeberg „Vielvölkerstaat“ am Rand des Kreises
Lokales Segeberg „Vielvölkerstaat“ am Rand des Kreises
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20:28 02.07.2018
Entspannte Stimmung am Vormittag: Menschen flanieren auf der breiten Straße der ehemaligen Rantzau-Kaserne. Quelle: Fotos: Oliver Vogt*
Boostedt

Wären die tristen, wuchtigen Kasernengebäude aus rotem Backstein nicht, die Atmosphäre hätte fast etwas Dörfliches. Eine Gruppe Männer steht im kleinen Kreis im Schatten eines Baumes, raucht und klönt. Paare sitzen zusammen in der warmen Sonne oder schieben Kinderwagen vor sich her, drei kleine Jungs spielen Fangen. Zwei Zehn- oder Elfjährige kommen auf der breiten Kasernenstraße per Damenfahrrad angeradelt, einer sitzt auf dem Gepäckträger.

Nils Schröder, Leiter der Polizeistation in der Boostedter Unterkunft, wirft ihnen einen strengen Blick zu. Sofort steigen sie ab.

„Massenschlägerei in der Erstaufnahme“, „Wieder Großeinsatz in Boostedter Unterkunft“: Zwei Schlagzeilen aus den vergangenen Monaten. Aber wie ist die Lage in Boostedt tatsächlich? Sind Aggressionen an der Tagesordnung? Droht gar ein zweites Ellwangen? Die LN waren vor Ort.

„’Tschuldiguuung“ rufen sie dem Beamten ein bisschen schelmisch zu, genau wissend, was gerade gemeint war. Die deutsche Straßenverkehrsordnung gilt eben auch hier.

Menschen aus gut 35 Nationen leben hier beieinander, 1250 Personen insgesamt, etwa 200 von ihnen Kinder. Dass die Spielregeln in dem etwa 50 Hektar großen „Vielvölkerstaat“ am Rande des Kreises Segeberg eingehalten werden, dafür tragen Schröder und seine zehn Kolleginnen und Kollegen täglich Sorge. „Bei so vielen verschiedenen Menschen bleiben Konflikte nicht aus“, räumt Schröder ein.

Insbesondere dort, wo zwangsläufig viele zusammentreffen, etwa beim Essen oder bei der Taschengeldausgabe, komme es bisweilen auch zu Streit. So wie im April. In der Kantine waren Männer aus Somalia und dem Jemen aneinandergeraten. „150“ hatte es in einer ersten Meldung des Innenministeriums geheißen.

Später wurde diese Meldung dann auf höchstens zehn Beteiligte korrigiert. „Ursprünglich war es ein Streit zwischen zwei Männern“, erklärt Stationsleiter Schröder. Der habe sich bereits Tage zuvor angebahnt und sei dann eskaliert.

Frau in Uniform wird respektiert

Solche Dinge gebe es zweifellos, bestätigt auch Schröders Stellvertreterin Indra Laschkowski. Und immer, wenn etwas Außergewöhnliches in der Unterkunft passiere, bilde sich schnell eine Traube aus Neugierigen, die manches bedrohlicher erscheinen lasse, als es tatsächlich sei.

Von kulturellen Eigenheiten abgesehen unterschieden sich Art und Umfang des polizeiliche Geschehens in der Unterkunft aber nicht von dem außerhalb. „Meine Kollegin und ich werden auch häufig gefragt, ob es als Frau nicht schwierig sei, mit muslimischen Männern umzugehen“, berichtet Laschkowski.

Sie habe bisher allerdings keine negativen Erfahrungen gemacht. „Eine Frau in Uniform wird hier genauso respektiert wie ein männlicher Kollege.“ Die Gleichberechtigung von Frau und Mann gehöre zu den wichtigsten Spielregeln, die jedem neuen Bewohner vermittelt werden.

Gleich am ersten Tag werde jedem ein Film mit Verwaltungsregeln in der Unterkunft gezeigt. „Egal, wo jemand herkommt oder welches Geschlecht er hat: Alle sind gleich“, stellt die Polizistin klar. Auf dieser Basis funktioniere das Zusammenleben recht gut, der Alltag sei zumeist friedlich.

Abschiebungen auch direkt aus Boostedt

Von einer explosiven Stimmung, wie die Lage nach Zwischenfällen in der Vergangenheit von manchem eingeschätzt worden war, könne keine Rede sein. Obwohl auch aus der Boostedter Unterkunft heraus abgeschoben wird. Die Polizei sei trotzdem kein Feindbild, erklärt Lothar Gahrmann, Leiter des „Rückführungsmanagements“ beim schleswig- holsteinischen Innenministerium. Zwar seien es Polizisten, die Abschiebungen durchsetzen müssen.

„Aber es sind andere Kollegen als die, die auf dem Gelände für die Sicherheit zuständig sind“, erklärt Gahrmann. Das geschehe bewusst, auch um das Bild der Polizei, die viele Flüchtlinge erstmals in ihrem Leben tatsächlich als „Freund und Helfer“ wahrnehmen, nicht zu untergraben.

Abschiebungen würden für die Betroffenen dadurch zwar weder leichter noch angenehmer. Es habe in Boostedt aber noch keinen Fall gegeben, der nur annähernd mit der Situation in Ellwangen vor einigen Wochen vergleichbar gewesen sei. „Bei Abschiebungen kommen wir nicht mit einer Hundertschaft, wir kommen mit zwei oder drei Beamten“, sagt Gahrmann.

Kinder kennen keine Vorurteile

Um „Lagerkoller“ und damit Depressionen und Aggressionen gar nicht aufkommen zu lassen, gibt es in der Unterkunft viele Angebote. Männergruppen, Frauengruppen, gemischte Gruppen, Spielgruppen, Töpferkurse, Kochkurse, Sprachkurse, zur WM Public-Viewing-Abende und mehr. „Zu langweilen braucht sich niemand“, sagt Andreas Hinrichsen vom Deutschen Roten Kreuz, das die Einrichtung betreibt.

Stolz ist Hinrichsen vor allem auf das Verschönerungsprojekt. „Mit den Bewohnern wollten wir etwas gegen diese Kasernenatmosphäre tun und haben deshalb die Flure in allen Gebäuden künstlerisch ausgestaltet“, sagt Hinrichsen und weist auf teils eindrucksvolle Wandmalereien, mit denen sich künstlerisch begabte Bewohner verewigt haben. Aktionen wie diese sollen den Zusammenhalt in der „Schicksalsgemeinschaft“ der Unterkunft stärken, Vorbehalte zwischen Kulturen abbauen helfen.

Bei den Kindern scheint das kaum nötig zu sein. Mit vereinten Kräften wuchten die beiden Erzieherinnen des Einrichtungskindergartens einen riesigen Bollerwagen übers Gelände. Kleine Mädchen und Jungen verschiedenster Herkunft hocken darin, grinsen fröhlich und winken allen Außenstehenden zu.

Keines der Mädchen trägt ein Kopftuch. „Im Kindergarten und in der Schule gehen die Kinder alle ganz selbstverständlich miteinander um“, sagt Hinrichsen. Religion, Geschlecht und Herkunft spielten da überhaupt keine Rolle.

Transparenz ist wichtig

Dem DRK-Mann und den Polizisten ist bewusst, dass die Dinge in der Bevölkerung oft kritischer gesehen werden, als sie sich im Alltag darstellten. „In Boostedt hat sich natürlich das Ortsbild durch die Flüchtlinge auch verändert“, sagt Nils Schröder. Das gefalle nicht jedem. „Deshalb versuchen wir auch, so transparent wie möglich zu sein“, ergänzt Indra Laschkowski.

Die Polizei sei auch im Ort unterwegs und stehe für Fragen der Menschen zur Verfügung. Da gebe es solche, die grundsätzlich alles ganz großartig fänden, was mit den Flüchtlingen zusammenhängt – aber auch solche, die rundweg alles ablehnten.

Am häufigsten seien aber die Differenzierten, die den Flüchtlingen im Prinzip positiv gegenüberstehen, aber trotzdem Sorgen und Ängste mit dem Thema verbinden. „Gespräche mit denen sind mir auch am liebsten“, gibt die Beamtin zu.

Von Oliver Vogt

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