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Segeberg Auf den Ruf „Du schlägst mich nicht!“ folgten Klatschgeräusche
Lokales Segeberg Auf den Ruf „Du schlägst mich nicht!“ folgten Klatschgeräusche
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18:27 27.11.2018
Der Angeklagte Volker L. (r.) neben seinem Verteidiger Dr. Jonas Hennig vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht Kiel. Quelle: dpa
Schackendorf/Kiel

Eine 43-jährige Anwohnerin aus Schackendorf war wohl die erste Zeugin, die beim Ausführen ihrer Hunde gegen acht Uhr morgens am Rand der Autobahn auf die Leiche der grausam zugerichteten Nadine L. (34) stieß. Am 2. November 2017 – kurz nach Halloween – dachte die Bürokauffrau jedoch nicht an einen menschlichen Körper, sondern „an einen makabren Scherz, an eine Schaufensterpuppe“.

„Meine Hunde schlugen an, ich fand es sehr erschreckend“, berichtet die Zeugin gestern am 4. Verhandlungstag im Mordprozess gegen den Ehemann (48) des Opfers. „Die Beine angewinkelt, der Unterkörper entkleidet, die Haut extrem hell“ – mit diesem Bild vor Augen ging die Zeugin nach Hause. Sechs Stunden behielt sie die unheimliche Beobachtung für sich – bis sie ihre Tochter von der Schule abholte. „Mama, lass uns doch hinfahren“, schlug das Mädchen vor.

Doch da war schon die Polizei am Tatort und hatte alles abgesperrt. Später folgte die Zeugin dem Rat ihres Mannes, ihre Beobachtung zu melden. Jetzt ist ihre Aussage eines von vielen kleinen Puzzleteilchen, aus denen die Schwurgerichtskammer in dem aufwendigen Indizienprozess ein Zeit- und Raumraster der Aktivitäten des Angeklagten rekonstruiert. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft Mord aus niedrigen Beweggründen vor.

Spannungen eskalierten kurz vor der Tat

Ein anderes Dauerthema ist die Entwicklung der ehelichen Beziehung. Die Spannungen zwischen Volker L. und seiner Frau sollen kurz vor der Tat eskaliert sein. Es herrschten offensichtlich Chaos und Geldnot bei den Eheleuten mit dem behinderten Kind. Nachbarn im Vierfamilienhaus fühlten sich massiv gestört durch den Lärm, der seit Frühjahr 2017 zunehmend durch die dünnen Wände drang.

Wie eine Hausbewohnerin gestern berichtete, tauschten sich die drei betroffenen Mietparteien per Handy-Kurznachrichten über die Ärgernisse und Beschwerden aus. „Familie Flodder“ nannte sich die Chatgruppe nach der niederländischen TV-Serie aus dem „asozialen“ Milieu. Am Ende setzten die Nachbarn die Räumungsklage durch. Und schalteten das Jugendamt ein, weil das angeblich autistische Kind „immer wieder unendlich geschrien“ habe.

Die Zeugin litt unter der „Dauerbeschallung von oben“. Die Eltern hätten sich zunehmend angebrüllt und gegenseitig bedroht. „Ich hätte den Jungen nie kriegen dürfen, ich hau ab!“ – dieser Ausruf des späteren Opfers gehört zu den minuziös protokollierten Äußerungen, die den Weg in die Akte fanden. „Ich habe keinen Bock auf dich! Sieh zu, wo du deine Zärtlichkeiten bekommst!“, soll Nadine L. ihren Ehemann abgewiesen haben. Die Ohrenzeugin notierte Beschimpfungen wie „Hurensohn“ und „Fotze“. Auf Rufe wie „Du schlägst mich nicht!“ folgten Klatschgeräusche.

Nach der Ohrfeige ihres Mannes rannte sie weg

Nadine L. habe sich von ihrem Mann „gestalkt“ gefühlt, so die Zeugin weiter. Nach Ohrfeigen ihres Mannes sei sie rausgerannt, auf ihrem Rennrad weggefahren und erst Stunden später zurückgekehrt. Auf die Nachbarin, die beruflich Erfahrung mit psychisch Kranken hat, wirkte Volker L. „nervös, hibbelig, wie ein gehetztes Tier“.

Nach dem Einzug habe er sich zunächst mit Hilfsbereitschaft geradezu aufgedrängt. Später habe er sich einen Spaß daraus gemacht, sonntags direkt vor ihrem Küchenfenster sein Auto zu saugen – bei voll aufgedrehter Musikanlage. „Ich mache hier, was ich will“, habe der Angeklagte auf die Bitte um Einhaltung der Hausordnung geantwortet. Ein Choleriker, der sofort laut und aggressiv geworden sei – in Lautstärke, Tonlage und Wortwahl.

Volker L. habe „Gänseküken in unserem Heizungsraum gehalten“, Feuer im Hof entfacht und durch Abfall Ungeziefer ins Haus gelockt. Wenige Tage vor dem Tod seiner Frau sei es zu einem kuriosen Wasserschaden gekommen: „Ich hörte ein Plätschern im Hausflur und sah, wie Wasser aus der Deckenlampe schoss und die Wand runter lief.“ Offenbar ein Defekt an der Waschmaschine von Familie L..

Wir haben oben geklingelt. Offenbar waren die Tage der Familie L. im Haus gezählt. „Frau L. sagte, wir wären sicher froh, wenn der ganze Scheiß vorbei sei.“ Doch auch nach ihrem Tod und der Auflösung des Haushalts kam die Zeugin nicht zur Ruhe: „Seit Juli bin ich krankgeschrieben, weil die Sache mir nicht mehr aus dem Kopf geht“, sagt sie mit brüchiger Stimme. „Ich möchte endlich zu meiner Zufriedenheit zurückfinden. Und zu meinem Job.“

Thomas Geyer

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