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Vom Querdenker zum Bürgerrechtler

Bad Segeberg Vom Querdenker zum Bürgerrechtler

Zur Erinnerung an den Tag des Mauerfalls am 9. November 1989 sind am Beruflichen Gymnasium Workshops zum Thema Freiheit veranstaltet worden. Die Schüler waren beeindruckt von den Infos aus erster Hand: Zeitzeuge Tim Eisenlohr wurde als 14-Jähriger in der DDR verhaftet.

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Tim Eisenlohr lebt auf Amrum – noch. 2018 kehrt er zurück nach Berlin. Weil sich die Hilfsorganisation dort besser koordinieren lässt.

Quelle: Fotos: Irene Burow

Bad Segeberg. „Es ist etwas ganz anderes, wenn man nur darüber liest oder ob jemand aus dieser Zeit erzählt“, sagt Schüler Jan Fabritz. „Die Theorie bekommt ein Ausrufezeichen.“ Und seine Mitschüler sagen das auch, als sie gestern den Unterrichtsraum verlassen.

LN-Bild

Zur Erinnerung an den Tag des Mauerfalls am 9. November 1989 sind am Beruflichen Gymnasium Workshops zum Thema Freiheit veranstaltet worden. Die Schüler waren beeindruckt von den Infos aus erster Hand: Zeitzeuge Tim Eisenlohr wurde als 14-Jähriger in der DDR verhaftet.

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Tim Eisenlohr ist heute 44 Jahre alt. Fast genau 30 Jahre ist sie nun her diese Nacht, in der er als jüngster Mitarbeiter bei der Razzia in der Berliner Umweltbibliothek festgenommen und später verhört wurde. Diese Bibliothek im Keller einer Kirchengemeinde war inoffizieller Treffpunkt von Friedens-, Menschenrechts- und Umweltaktivisten. Hier stand auch die einzige Druckerei, die nicht vom Staat kontrolliert wurde. Und so konnten unter dem Deckmantel von Gemeindenachrichten oppositionelle Schriften verbreitet werden. Tim Eisenlohr erzählte, wie es dazu kam. Über das allgemeine Leben in der DDR, von den Jungpionieren und seinen Eltern, „101-prozentig überzeugten Kommunisten“. Von seinem Vater, der als angehender Staatsanwalt in Gefängnissen erschüttert von den Verhältnissen war und sich geschickt im System bewegte, ohne sich direkt dagegen zu stellen. Eisenlohr beschreibt sich als politisch frühreif: Mit zehn, elf Jahren hatte er sich mit dem Nationalsozialismus und mit Biografien wie von Sophie Scholl und Dietrich Bonhoeffer auseinandergesetzt. Mit zwölf Jahren trat er aus der Pionierorganisation aus – ein kleiner Skandal.

Über ein Jugendlager der Evangelischen Kirche erfuhr er von der Umweltbibliothek. Dass er in jener Nacht Ende November 1987 dort war, war ungeplant. Doch es wurde spät mit der Arbeit und die Herstellung des Papiers, bei dessen Druck die Stasi Oppositionelle überführen sollte, platzte. „Es wurde zum großen Fehlschlag der Stasi“, sagt er. Auch wenn ihm beim anschließenden, neunstündigen Verhör nichts weiter passierte: „Damals war ich geschockt, heute muss ich darüber lachen.“ Der Pfarrer der Gemeinde setzte in dieser Nacht eine Telefonkette in Gang. Freunde, Rechtsanwälte und West-Journalisten wurden informiert, es folgte eine Welle der Solidarisierung. „Das Übermachtsgefühl der Stasi war weg, die Leute wurden mutiger“, so Eisenlohr.

Die Workshops mit Zeitzeugengespräch hat die Deutsche Gesellschaft veranstaltet. Kristin Kallweit sprach mit den Schülern nicht nur über die Staatssicherheit, sondern auch über Jugend und Kindheit in der DDR, über Bildung und Rechte – die Entstehung und das Ende dieser Zeit, die in die friedliche Revolution mündete.

Tim Eisenlohr geht seit einigen Jahren in Schulen und erzählt seine Geschichte. „Man muss wachsam sein“, sagt er. „Demokratie, Menschenrechte und Freiheitsrechte sind kein Geschenk, man muss sie sich jeden Tag aufs Neue erkämpfen.“ Wenn man nicht aktiv werde, könnten diese Rechte verschwinden. Schleichend. Auf die Frage nach der AfD im Bundestag sagt er: „Das erschüttert mich nicht. Diese Menschen sind nicht auf einmal da, sie waren immer da. Doch jetzt sind sie sichtbar und müssen sich positionieren. Es bringt am Ende mehr, sich im Rahmen der demokratischen Möglichkeiten damit auseinanderzusetzen.“

Und obwohl er nie einen Beruf gelernt hat, hat sich an seinem Engagement für Menschenrechte nichts geändert: Er war bei Amnesty International und in Friedensbewegungen aktiv. So kam es auch, dass er 2016 auf Lesbos Flüchtlinge aus dem Wasser zog – und die Hilfssorganisation Resco International gründete. Ein Freiwilligen-Netzwerk, das aus Helfern, meist Ärzten, besteht und in vielen Ländern Hilfe in Ausnahmezuständen koordiniert – alles online. „Netzwerken ist das, was ich kann“, sagt der 44-Jährige. Infolge der Flüchtlingswelle hatten sich 47 ehemalige DDR-Bürgerrechtler mit einem offenen Brief an die Kanzlerin gewandt, um sie bei ihrer Flüchtlingspolitik zu unterstützen. Darunter auch Eisenlohr.

Mehr Infos: https://resco.help/, www.ddr-zeitzeuge.de

 Von Irene Burow

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