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Segeberg Vor 70 Jahren fand Dahlmannschüler bei einer Rettungstat den Tod
Lokales Segeberg Vor 70 Jahren fand Dahlmannschüler bei einer Rettungstat den Tod
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22:33 20.01.2017
Auf dem Friedhof hinter der Marienkirche wurden die Kinder beigesetzt.
Bad Segeberg

Es ist kalt, neblig, trübe. Der Große Segeberger See ist teilweise von einer dünnen Eisschicht bedeckt. Wer Verantwortung für Kinder hat, weiß, dass man jetzt nicht aufhören darf, diese vor dem Betreten des tückischen Eises auf dem See zu warnen. Vor 70 Jahren sind hier zwei Jungen im Eis eingebrochen und gestorben. Nur etwa zehn Meter vom rettenden Ufer entfernt. Besonders tragisch ist, dass der 15-jährige Erhard Saager damals versucht hatte, dem Fünftklässer Horst-Hermann Edelmann das Leben zu retten und dabei selbst im See versank – nahe der Uferpromenade.

Flath-Skulpturen und ein Weg erinnern noch heute an den 15-jährigen Erhard Saager.

Die Erinnerung an dieses Ereignis vom 19. Dezember 1946 wird schon deshalb in Bad Segeberg wachgehalten, weil es noch Zeugnisse dieser tragischen vergeblichen Heldentat des Dahlmannschülers gibt. So wurde nach ihm der Erhard-Saager-Weg benannt. Er führt oberhalb der Seepromenade von der Bismarckallee zur Rennkoppel. Auch der Bildhauer Otto Flath, damals gerade aus dem Krieg zurückgekehrt, war erschüttert von dem Schicksal des Nachbarsjungen aus der Bismarckallee, den er offenbar gut kannte. Er verewigte ihn in seinen Werken. 1947 in der Skulptur „Das jüngste Gericht“ als aufwärtsstrebenden Jüngling mit verklärtem Gesicht. Auch schuf Flath noch unter dem Eindruck des Unglücks eine Büste von Erhard. Sie ist in der Otto-Flath-Halle zu sehen.

In der Dahlmannschule hängt ebenfalls das Bild des Schülers. Am Treppenaufgang zur Aula hat es bis heute seinen Platz behalten. 1956, zehn Jahre nach dem eisigen Tod der Kinder, hatte Otto W. Jürgens einePlakette gestiftet, „die Erinnerung und Vermächtnis zugleich wachhält“ , hieß es am 5. Juli in einer Lokalzeitung. Der Bad Segeberger Heimatkundler Peter Sauer hat einen dicken Aktenordner mit reichlich Material über diese Tragödie gesammelt.

Darin enthalten ist auch ein Aufsatz von Erich Gade. Vor 15 Jahren hatte der Lehrer, der inzwischen in den Ruhestand gegangen ist, für eine Jubiläums-Festschrift der Dahlmannschule das Unglück am See recherchiert, Zeitzeugen befragt. Nach seinen Erkenntnissen hatte die Klassenlehrerin der Sexta A die Schüler ausdrücklich davor gewarnt, das Eis auf dem Großen Segeberger See zu betreten. Dennoch nahm nach Schulschluss eine Gruppe von Kindern die Abkürzung über das Eis, verließ es erst auf Höhe des früheren Musikpavillon. Nur Horst-Hermann Edelmann aus Klein Rönnau blieb auf dem Eis.

Etwa 30 Meter vom Ufer entfernt brach er ein. Als eine Frau gerade versuchte zu helfen, sie hatte die die Hilferufe gehört, wurde sie von einem „großen Jungen“ überholt, der, so schreibt Gade, „über das Eis zu dem Ertrinkenden rennt“. Es ist Erhard Saager, gerade 15 Jahre alt, ebenfalls Schüler der Dahlmannschule. Ihm gelingt es zunächst, den Sextaner aus dem Wasser zu ziehen. Doch etwa 20 Meter vom Ufer entfernt brechen beide „auf breiterer Front“ wieder in das Eis ein. Erhard versucht den jüngeren Horst-Hermann noch zu halten, aber er schafft es nicht. Allein versucht er, das Ufer zu erreichen. Etwa zehn Meter davon entfernt brechen seine verzweifelten Versuche ab, wie sein Mitschüler gerät er unter die Eisdecke und verschwindet im eiskalten Wasser. Die Feuerwehr bemüht sich später noch, mit einer Leiter an Erhard heranzukommen, aber das dünne Eis gibt nach.

„Erst mit Hilfe eines von einem Fischer geliehenen Bootes gelingt es ihnen, zuerst Erhard Saager und dann Horst-Hermann Edelmann, der noch seinen Schulranzen trägt, zu bergen“, schreibt Gade. Aber beide Kinder sind tot.

Erhard, mittleres von drei Kindern, war offenbar musisch sehr begabt, er spielte Klavier. Mit ihm verlor die Familie den zweiten Sohn. Der ältere Bruder war mit 19 Jahren im Zweiten Weltkrieg gefallen.

Beide Kinder wurden kurz vor Weihnachten unter großen Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Friedhof hinter der Marienkirche beigesetzt. Die zwei Holzkreuze, die ebenfalls Otto Flath gestaltet hatte, sind nicht mehr vorhanden. An Erhard Saager erinnert nur noch ein Familien-Grabstein.

 Wolfgang Glombik

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