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Vor Travemünde geben Kapitäne gern das Ruder aus der Hand

Vor Travemünde geben Kapitäne gern das Ruder aus der Hand

Eine verantwortungsvolle und spannende Aufgabe: Etwa 30 Schiffe pro Tag werden von den erfahrenen Lotsen in der Lübecker Bucht sicher in enge Hafen geleitet.

18.00 Uhr: In der Lotsenstation Travemünde gibt Wachleiterin Olivia Gerke-Voigt das Kommando zum Aufbruch. Wie geplant, hat sich die schwedische Fähre Finntrader aus Malmö kommend angemeldet, um am Skandinavienkai anzulegen. Für das Lotsenteam heißt es jetzt „Leinen los“. Lotse Uwe Jepsen geht an Bord der orangefarbenen „Stein“, einem von zwei hochmodernen Lotsenschiffen, die in Travemünde stationiert sind. Schiffsführer Christian Sehmel hat bereits die beiden Volvo-Motoren gestartet, die jeweils 367 Kilowatt Leistung bringen. Schiffsmechaniker Roland Japs löst die „Stein“ von ihren Leinen und vorbei am grün-weißen Leuchtturm geht es zunächst langsam hinaus in die Lübecker Bucht.

18.09 Uhr: Die „Stein“ hat Fahrt aufgenommen, pflügt mit 15 Knoten durch die Wellen der Ostsee. Christian Sehmel, von allen nur Brösel genannt, markiert die „Finntrader“ auf dem Radarschirm. „So kann sie uns in dem Getümmel nicht verloren gehen“, scherzt er. Überhaupt ist die Stimmung im Team trotz des regnerischen Wetters gut. „Wir kennen uns schon viele Jahre und sind ein eingespieltes Team“, sagt Uwe Jepsen, der Chef der Lotsenstation Travemünde. Er kann sich noch einige Minuten entspannt zurücklehnen, sein Job kommt noch. Voraus taucht das schwedische Fährschiff auf und wird schnell größer.

18.20 Uhr: Das Lotsenboot hat die 183 Meter lange Fähre erreicht. Brösel umkurvt das Ro-Ro-Schiff und dreht auf der windgeschützten Leeseite an Steuerbord bei. In dem gewaltigen Schiffsrumpf öffnet sich eine Stahltür. Lotse Uwe Jepsen gelangt bequem an Bord des Schweden. „Die Zeiten, in denen man noch eine Leiter an der Bordwand hochklettern musste, sind längst vorbei“, sagt er. Über einen Fahrstuhl gelangt Jepsen, begleitet vom Schiffsoffizier, auf die Brücke der „Finntrader“. Dort wartet bereits Kapitän Jan Jönson. Eine kurze Begrüßung und Jepsen übernimmt das Kommando. Beide Seefahrer kennen sich, denn die „Finntrader“ verkehrt regelmäßig zwischen Malmö und Travemünde. Der erfahrene Lotse gibt die Kommandos über Geschwindigkeit und Kurs des Schiffes. Hinter ihm setzt Steuermann Markus Westenheim die Anweisungen um. Mit 6,5 Knoten, der erlaubten Höchstgeschwindigkeit für die Einfahrt in die Trave, hält die Fähre auf Travemünde zu. Alles wirkt routiniert. Trotzdem herrscht auf der Brücke höchste Konzentration. „Ein kleiner Fehler wird schnell bestraft“, sagt Uwe Jepsen. „Die Einfahrt ist sehr eng, und auch andere Schiffe müssen im Auge behalten werden, auch wenn die Berufsschifffahrt Vorfahrt hat. Bremsen wie beim Auto funktioniert hier nicht.“

18.30 Uhr: Auf der Steuerbordseite ist das Maritim jetzt zum Greifen nah. Problemlos gleitet die Fähre in die Trave, vorbei am grün-weißen Leuchtfeuer und der Lotsenstation. Längst hat dort die „Stein“ schon wieder neben ihrem Schwesterschiff „Travemünde“ festgemacht und wartet auf den nächsten Einsatz. „Two, two, two“, Lotse Jepsen korrigiert den Kurs noch ein wenig. „Wir überqueren jetzt den Düker, einer Versorgungsleitung zwischen Travemünde und dem Priwall“, ohne dabei den Blick durch die große Panoramascheibe und den vor ihm leuchtenden Instrumenten zu lassen.

18.39 Uhr: Das Drehmanöver beginnt. Um an ihrem Liegeplatz am Skandinavienkai zu gelangen, muss die „Finntrader“ um 180 Grad gedreht werden. Wie in Zeitlupe gleitet die Travemünder Silhouette dabei mit dem St.-Lorenz-Kirchturm vorbei.

18.51 Uhr: Der Lotse übergibt das Kommando wieder an Kapitän Jönson. „Das Anlegemanöver liegt in den Händen des Kapitäns“, sagt Jepsen. Sein Job ist jetzt erledigt, er hat das Schiff sicher in den Hafen geführt. Dann wird es doch noch etwas kniffelig. Rückwärts muss Kapitän Jönson sein Schiff in eine enge Parkbucht steuern.

Das geschieht nicht vom Steuerplatz aus, sondern von einer kleineren Kommandozentrale, die etwas über die Backbordreling hinausragt und so eine optimale Sicht erlaubt. Von dort wird das Bugstrahlruder bedient, mit dessen Hilfe die Fähre anlegt.

19.00 Uhr: Die „Finntrader“ hat festgemacht. Jepsen lässt sich seine Arbeit quittieren. 300 Euro kostet der Lotsendienst im Schnitt pro Schiff. Während er aufs Taxi wartet, das ihn zurück zur Station bringt, verlassen die Passagiere die Fähre.

Heiko Pump

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