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Wenn die Seele keine Nahrung hat

Bad Segeberg Wenn die Seele keine Nahrung hat

Protagonisten eines Films über Kinder, deren Eltern psychisch erkrankt sind, erzählten von ihren Erfahrungen.

Einige Protagonisten des Films von Andrea Rothenburg waren bei der Premiere im Bad Segeberger Kinocenter dabei.

Quelle: Silvie Domann

Bad Segeberg. Statistisch gesehen erkrankt jeder zweite Erwachsene einmal in seinem Leben an einer psychischen Erkrankung. Die Krankheit wirkt sich nicht nur auf den Patienten aus, auch die Angehörigen, vor allem die Kinder sind betroffen. Da es kein Regelwerk für die Begleitung der Kinder gibt, werden ihre Bedürfnisse häufig vergessen.

„Niemand hat gesehen, dass es mir schlecht ging. Die Zeichen wurden ignoriert, ich war nur das Problemkind in der Schule.“ Kind einer erkrankten Mutter

„Kein behandelnder Arzt hat mit mir gesprochen, ich hätte doch auch etwas zur Diagnose meiner Mama beitragen können.“ Kind einer erkrankten Mutter

Um den Fokus auf eben jene Kinder zu richten, haben die Berliner Filmemacherin Andrea Rothenburg und Heike Korthals, eine psychiatrie-erfahrene Mutter, die Kampagne „Und wo bleibe ich“ gestartet.

Eigentlich wollten sie einen kurzen Kampagnenfilm drehen; sie führten Interviews mit Töchtern, Müttern, Vätern, Ärzten, Klinikmitarbeitern. Söhne waren dazu noch nicht bereit, sie sind eher verschlossen. Aus dem Kurzfilm ist ein zweistündiger Dokumentarfilm geworden, der vor Kurzem im Bad Segeberger Kinocenter Premiere hatte.

Ungeheuren Mut bringen die Protagonisten auf, wenn sie über ihre Erfahrungen mit der Krankheit sprechen. Sie lassen den Zuschauer teilhaben an ihrem Leid und gewähren ihm einen Einblick in ihr Innerstes. Das ist manchmal schwer auszuhalten, die Tränen fließen.

Die erkrankten Eltern berichten von ihren Schuldgefühlen gegenüber den Kindern. Wenn sie sich in der Psychiatrie aufhielten, waren die Kinder zwar versorgt, hatten ein Bett und Essen. Aber die Seele hatte keine Nahrung. Sie waren nicht da, waren keine Hilfe, konnten ihr Kind nicht in den Arm nehmen, nicht liebhaben. Die Schuld scheint so schwer zu wiegen, dass sich die erkrankten Eltern diese nicht vergeben können. Selbst wenn die Töchter beteuern, dass ihre Eltern alles getan haben, was sie zu dem Zeitpunkt hätten tun können.

Die Töchter (jetzt zwischen 16 und 36 Jahre alt) hätten sich mehr Hilfe, aber vor allem Information gewünscht. „Kein behandelnder Arzt hat mit mir gesprochen, ich hätte doch auch etwas zur Diagnose meiner Mama beitragen können“, erzählt eine junge Frau. Eine andere junge Protagonistin des Films berichtet, dass sie sich nur habe vergewissern wollen, dass es ihrer Mutter in der Psychiatrie gut gehe, es kein Gefängnis sei. Doch Fremde hätten nicht aufs Zimmer gedurft. So habe ihre Mama sie dann kurz nach oben „geschmuggelt“, damit die Tochter beruhigter war.

Eine andere Frau berichtet, dass es eine große Hilfe für sie gewesen wäre, wenn man sie als Kind wahrgenommen, in den Arm genommen und gesagt hätte, „schön, dass du da bist“. Niemand habe gesehen, dass es ihr schlecht ging, dabei habe sie Zeichen gegeben. „Doch die wurden ignoriert, ich war nur das Problemkind in der Schule.“ Sie erzählt von ihrem Leben, unter anderem Missbrauch durch den Pflegevater. „Ich hätte mir ein Vieraugen-Gespräch mit den Jugendamtsmitarbeitern gewünscht, doch das gab es nicht. Wem hätte ich mich anvertrauen sollen?“

„Lustige Bildchen in die Haut zu ritzen, ist nicht normal für eine 14-Jährige“, erzählt eine andere Jugendliche. Zu Beginn des Interviews berichtet sie vom Tod ihrer Pflegemutter und der Depression ihres Pflegevaters. Für das Jugendamt seien sie eine vorbildliche Familie gewesen. Sie hätten funktioniert. „Papa hat nach Hilfe gefragt, doch es gab keine.“ Sie sei für ihren Papa dagewesen, habe sich um den schwerstbehinderten Bruder gekümmert. Doch dann waren ihre Kräfte aufgebraucht und sie erkrankte psychisch. Weinend sitzt sie auf dem Sofa und appelliert an die Zuschauer, wie wichtig es doch sei, die Krankheit nicht totzuschweigen, darüber zu reden. Und genauso wichtig sei es, dass der Gegenüber zuhöre.

Doch nur sehr langsam werden Kinder und ihre Bedürfnisse von den behandelnden Ärzten der Elternteile wahrgenommen. Meist sind es Initiativen von einzelnen Ärzten oder Krankenschwestern. Eine Ärztin berichtet, dass sie Patienten nach Kindern und deren Alter fragt und diese auf die Patientenakte schreibt, so sind sie immer im Blick.

Da es kein Regelwerk gibt, wünscht sich Heike Korthals Kinderbeauftragte, die in den Psychiatrien stationiert und als Bindeglied zwischen Arzt, Jugendamt und Umfeld der Kinder fungieren.

Viele der Premieren-Zuschauer waren für die anschließende Diskussion im Kinosaal geblieben. Ihnen gab Heike Korthals mit auf den Weg, in die Welt zu gehen und weiterzugeben, dass es diese Erkrankungen gebe und sich vielleicht Gedanken darüber zu machen, warum es sie gebe. „Schaut euch um und hört zu.“

• Infos: www.psychiatrie-filme.de

Silvie Domann

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