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Segeberg Wie Segebergs Kirche mit ihrer NS-Vergangenheit umging
Lokales Segeberg Wie Segebergs Kirche mit ihrer NS-Vergangenheit umging
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08:42 14.02.2018
Pastorin Ute Schöttler-Block und Günther Gathemann im Gespräch mit Stephan Linck (v. l.), auf dessen jahrelange Forschungsarbeit diese Ausstellung basiert. Quelle: Fotos: Irene Burow
Bad Segeberg

Es war wohl Ironie des Schicksals. Als Günther Gathemann eine Mappe aus dem Archiv der Marienkirche öffnete, befanden sich darin zwei rote Armbinden mit Hakenkreuzsymbolen darauf. „Sie wurden 1957 unter altem Kirchgestühl gefunden“, sagt der Segeberger. „Wahrscheinlich sind sie 1945 in die Konstruktion gefriemelt worden.“ Und dann ist man auch schon mitten im Thema. Die Kirche war ein Teil des nationalsozialistischen Wahnsinns. Geschwiegen wurde darüber Jahrzehnte. „Ich möchte, dass das endlich aus den Archiven rauskommt“, sagt Günther Gathemann. Es gebe bereits Arbeiten zum Thema. „Aber unveröffentlichte Manuskripte im Landesarchiv nutzen niemandem etwas.“

Als in Bad Segeberg die Nazizeit vertuscht wurde

Er hat sich in der Wanderausstellung „Neue Anfänge nach 1945?“ speziell damit beschäftigt, wie die Kirche Segeberg mit ihrer NS-Vergangenheit umging. Er wollte eine Historie erstellen zum evangelischen Kinderheim im Kastanienweg. Jahrzehntelang war er dort selbst Mitarbeiter. Ihm fiel auf, dass es kaum Informationen gab. „Im Archiv fand sich nichts, also bin ich zum Landesarchiv. Dort gab es dann ein paar heiße Tipps“, sagt Gathemann. Sechs Meter Akten hat er seitdem durchgepflügt. „Die Geschichte ist ausgesprochen spannend. Es ist wie eine Forschungsreise oder Schatzsuche. Und man muss aufpassen, dass man nicht süchtig wird.“ Viele weitere Archive folgten und Einsichten über Nationalsozialisten, die noch lange nach dem Holocaust hohe Ämter innerhalb der Kirche besetzten.

Für Segeberg kommt das besonders auf einem Foto zum Ausdruck, das 1962 vor dem Kinderheim entstanden ist. Das Haus genoss einen besonderen Ruf, weil es eines der ersten und angesehensten heilpädagogischen Heime in Deutschland war. „Die Landeskirche schickte eine hochrangige Besuchsgruppe vorbei“, sagt Gathemann. Darunter auch Dr. Adolf Voß, ehemaliger Generalstaatsanwalt Schleswig-Holsteins, der einst Ermittlungen gegen einen Euthanasiearzt behinderte und noch bis 1966 Präsident der Landessynode war. Gathemann beschäftigte sich auch damit, wie in Segebergs Kirche rebelliert und vertuscht wurde: So hat sich Pastor Karl Heinrich Kobold mehrfach über den 1933 in Segeberg als Propst eingesetzten Ernst Szymanowski beschwert, der – NSDAP-Mitglied und späterer SS-Mann – im Kreis mit seiner fanatischen, rassenorientierten Weltsicht „randalierte“, wie Gathemann es nennt. Pastor Eberhard Schwarz wiederum, der von 1970 bis 1984 in Segeberg tätig war, habe im heimatlichen Jahrbuch von 1983 „die NS-Zeit einfach weggelassen“.

Genauso wie er kennt auch Stephan Linck Diakone, die sich in den 80ern mit der Aufarbeitung befassen wollten und in Schwierigkeiten geraten sind. „Es geht nicht um Täterschaft, sondern darum, Vorgänge aufzuarbeiten, die noch nicht verschriftlicht wurden“, sagt Linck, der mit seiner jahrzehntelangen Forschung die Grundlage für die gesamte Ausstellung geschaffen hat. Sie umfasst 40 Tafeln und sechs Themenfelder: Flüchtlinge und Displaces Persons, Streit um Schuld und Mitverantwortung, Antisemitismus, Haltung zu Krieg und Wiederaufrüstung, Umgang mit Tätern im Schutz der Kirche sowie Antikommunismus und Diffamierungen. „Wir stellen Fragen, die sonst weniger gestellt wurden“, sagt er. Zum Beispiel die fehlende Scham der Kirche, ausgeschlossene Mitglieder nach 1945 mit einem Kirchensteuerbescheid indirekt wieder einzuladen. Oder warum die neue jüdische Gemeinde in Lübeck 1946 mit 220 Mitgliedern neugegründet wurde, und fünf Jahre später nur 66 von ihnen übrig waren. Das Nicht-Hingucken habe erst in den 60ern nachgelassen, sagt Linck. Ob es je aufgehört hat? Zumindest könne man angesichts der jüngsten Flüchtlingswelle nicht allzu optimistisch sein.

Erschrocken über die Unwissenheit

Seine Arbeit begann 1999 mit einer anderen Schau: „Kirche, Christen, Juden in Nordelbien 1933 bis 1945“ tourte damals durch den Norden. „Man war erschrocken, wie wenig man über die Jahrzehnte wusste und hat sich gefragt: ,Warum erfahren wir erst jetzt davon?’“, sagt Linck. Vier weitere Jahrzehnte folgen nun. Neben den sechs Themenfeldern reiht sich das sogenannte „Lokale Fenster“ ein. Hier es um den Umgang mit der Nazizeit innerhalb der Kirche Segebergs. „Es soll Anlass sein, vor Ort zu gucken, wie wir einen Beitrag leisten können“, sagt die Pastorin Ute Schöttler-Block. „Das ist uns ein großes Anliegen.“

Linck wünscht sich, dass jeder über sich selbst nachdenkt, „und was für Folgen es haben kann, wenn wir allzu ignorant unterwegs sind. Die einzige Wahrheit liegt nicht bei uns. Es gibt mehrere Wahrheiten“, sagt er. „Ein bisschen Demut tut uns gut.“

Führungen und Termine

Die Ausstellung wird heute um 18 Uhr eröffnet durch Propst Dr. Daniel Havemann, Pastorin Ute Schöttler-Block sowie Pastor i. R. Ulrich Hentschel, früherer Studienleiter für Erinnerungskultur der Nordkirche. Sie ist bis zum 7. März zu sehen. Geöffnet ist sie täglich von 9 bis 16 Uhr.

Weitere Abende: Am Mittwoch, 21. Februar, spricht Helge Buttkereit um 19.30 Uhr über Gedenkstätten im Kreis Segeberg. Stephan Linck, der mit den Forschungen beauftragt worden war, führt am Sonntag, 25. Februar, nach dem Gottesdienst durch die Ausstellung. Am Dienstag, 27. Februar, gibt es um 15 Uhr ein Erzählcafé im Gemeindezentrum Glindenberg. Am Mittwoch, 28. Februar, erinnert sich Propst i. R. Jörgen Sontag an die 50er Jahre, als sein Vater Propst in Bad Segeberg war. Beginn ist um 19.30 Uhr.

Erstmals gezeigt wurde die Schau 2016. Zuletzt war sie in Hamburg zu sehen, nächster Halt ist Plön. Weitere Infos: www.nordkirche-nach45.de

 Irene Burow

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