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Segeberg Wie das Kurhaus den Anschluss verpasste
Lokales Segeberg Wie das Kurhaus den Anschluss verpasste
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20:21 28.07.2018
Das Segeberger Kurhaus mit dem „Logierhaus“ (links). In seiner ursprünglichen Form hatte das Gebäude zwei Geschosse, später wurde es aufgestockt.
Traventhal/Bad Segeberg

Vor etlichen Jahren hatte der Traventhaler Bürgermeister zwei solcher Nachtschränke aus den Gästezimmern des früheren Kurhauses in seinen Besitz bekommen. Vor dem Abriss war das Kurhaus-Inventar seinerzeit versteigert worden. Insbesondere Schlafzimmermöbel wurden vom Landgestüt Traventhal für die Unterkünfte der jugendlichen Reiter übernommen. Aber mit dem Ende des Gestüts in den 60er Jahren gab es auch dort keine Verwendung mehr für sie. „Die ganzen Möbel aus der Unterkunft wurden dann irgendwann alle verschrottet und zersägt“, erinnert sich der 71-Jährige. Die beiden Schränkchen habe er für sich mitgenommen – und es tut ihm noch heute Leid, nicht noch mehr von dem vermeintlich nutzlosen Kurhaus-Inventar gerettet zu haben. „Doch damals konnte ja keiner ahnen, dass sich noch mal jemand für solche Stücke interessieren würde“, sagt Bardowicks.

Das auf den ersten Blick unscheinbare Eckschränkchen in der Küche von Udo Bardowicks hätte wahrscheinlich eine Menge zu erzählen. In den privaten Momenten ungezählter Segeberger Kurgäste war es als stummer Zeuge immer dabei. Und es behütete ein wichtiges Utensil.

Wer hat weitere Teile?

Bad Segebergs Stadtgeschichte ist über 80 Jahre eng mit dem 1968 abgerissenen Kurhaus verknüpft. In der Rathaus-Ausstellung „Streifzüge durch Segeberg“ von Hans-Werner Baurycza und Peter Zastrow geht es auch um das historische Kurhaus. Wer weitere „Schätze“ aus dem Abriss-Gebäude gerettet hat, kann sich melden per E-Mail an redaktion.segeberg@ln-luebeck.de

Lange Zeit hatte er auch nichts damit anzufangen gewusst, die wenig attraktiven Schränke mit der abblätternden Farbe standen auf dem Dachboden seines Hauses herum. „Irgendwann wollte meine Frau dann, dass ich sie fertigmache. Und was die Frau will, das wird gemacht“, sagt er lachend. Eine Menge Arbeit: „Zehn Schichten Farbe habe ich abgebeizt, verschiedene Weißtöne, gelb, himmelblau.“ In den mehr als 80 Jahren, in denen das Segeberger Kurhaus existierte, waren die Möbel offenbar mehrfach auf Vordermann gebracht und an den jeweiligen Geschmack der Zeit angepasst worden.

Nicht überliefert ist, in welchem Zimmer Bardowicks’ Schränkchen gestanden hat, und ob direkt im Kurhaus oder im benachbarten „Logierhaus“, das 1898 nachträglich errichtet worden war. Das ursprüngliche Kurhaus verfügte nämlich über gerade mal 40 Fremdenzimmer, die Kapazität stieß damals schnell an ihre Grenzen. Da auch die Stadt Ende des 19. Jahrhunderts kaum auf Fremdenverkehr eingestellt war, es kaum Pensionen gab, entschloss sich die „Aktiengesellschaft Solbad Segeberg“ schon kurz nach der Kurhaus-Eröffnung zum Bau des Gästehauses mit 19 Zimmern. Wie die Stadthistoriker Hans-Werner Baurycza und Peter Zastrow in ihrem Buch „Einst stand ein Kurhaus hoch über dem See“ berichten, war das aber auch schnell zu wenig, weil die Kurgäste in der Hochsaison ab 1900 in immer größeren Scharen kamen. Zwei Jahre später kam deshalb ein Anbau mit zwölf weiteren Zimmern dazu.

Auf einem Foto von damals ist eines dieser Zimmer zu sehen. Neben einem schweren, hölzernen Bett steht ein Schränkchen in der Art, wie jetzt bei Familie Bardowicks in der Küche, noch immer mit einer schweren Marmorplatte als Abdeckung. „In der kleinen Schublade oben hatte man meist Süßigkeiten, und in dem Schrankfach unten befand sich – sehr wichtig damals – der Nachttopf“, hat Bardowicks herausgefunden.

Spätestens in den 20er Jahren galt solches und anderes Mobilar aber nicht mehr als zeitgemäß. Nachdem der 1. Weltkrieg überstanden war, die Gästezahlen wieder anstiegen, mussten die Kapazitäten abermals erweitert werden: Das Logierhaus bekam ein weiteres Stockwerk und einen Personenaufzug dazu, die Segeberger Kuranlage verfügte jetzt über 100 Zimmer mit insgesamt 160 Betten. Nur waren die in der Folge nicht mehr ausgelastet. Das anspruchsvoller gewordene Kurpublikum vermisste warmes Wasser in den Zimmern, modernes Mobilar, feste Schränke und doppelte Zimmertüren. Ab den 30er Jahren gab es zudem richtig Konkurrenz: In Bad Bramstedt war gerade „Deutschlands größte Rheuma-Heilstätte“ eröffnet worden, ein für damalige Verhältnisse topmoderner Komplex mit 171 Zimmern und 325 Betten.

Dank einer Zusammenarbeit mit der Landesversicherungsanstalt schafften es die Bramstedter auch, anders als die Segeberger, ihren Betrieb gut auszulasten. Segeberg hätte das ebenfalls haben können, doch die Stadt lehnte eine tiefgreifendere Kooperation ab. Über die Sozialpatienten der Versicherungsanstalt rümpfte man am Segeberger See die Nase. „Die einfachen Leute, meist nicht in der besonderer Kleidung, waren nicht immer erwünscht, zumal sie sich gern an den schönsten Stellen des Kurparks aufzuhalten pflegten“, schrieb Bürgermeister Johannes Elsner damals. Es habe „keinen angenehmen Eindruck gemacht“, wenn „diese Leute“ auf den Bänken beim Badehaus herumsaßen und die Ankömmlinge neugierig musterten. Die edle Kuranlage sollte nicht in den Ruf eines „Schiebermützenbades“ kommen, hieß es damals. Preis dieser Arroganz war der Anfang vom Ende, der Beginn des wirtschaftlichen Niedergangs.

Das „Logierhaus“ bestand übrigens noch bis 2005. Im Eigentum des Kreises diente es als Schwesternwohnheim.

Überdauert haben nur Udo Bardowicks’ Schränkchen und ein paar andere Utensilien, die sich noch in dem ein oder anderen Segeberger Haushalt befinden mögen. Den zweiten geretteten Nachtschrank hatte der Traventhaler Bürgermeister einer Kollegin vermacht. Andere Begehrlichkeiten wehrte er aber immer ab, selbst von seinen Kindern. „Mich interessiert auch nicht, was der Schrank eventuell wert ist oder nicht. Ich gebe den sowieso nicht her.“

Oliver Vogt

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