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Segeberg Wie die Stadt ihr Schönstes zerstörte
Lokales Segeberg Wie die Stadt ihr Schönstes zerstörte
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20:01 08.07.2018
Eine seltene Luftaufnahme von dem alten traumhaften Kurhaus am Großen Segeberger See . Das „Märchenschloss“ bildete damals den Stadtrand Bad Segebergs. Es war auf zahllosen Ansichtskarten abgebildet. Ältere Zeitzeugen erinnern sich noch an rauschende Feste.
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Bad Segeberg

Es war der Sündenfall am stadtbildprägenden Gebäude. Das Alte war in den sechziger Jahren nichts mehr wert. In 18 Tagen sollte von dem imposanten, 64 mal 64 Meter großen Kurhaus mit großem Saal, viel Stuck und Türmchen aus dem Jahre 1885 nichts mehr stehen, kündigten vor 50 Jahren die Lübecker Nachrichten die Zielvorgabe an. Und es blieb nichts übrig. Wer über den Parkplatz Backofenwiese geht, wandelt heute auf dem alten Kurhaus. Denn dort wurden die Reste abgelagert. Ein Schuttberg, auf dem jetzt Autos parken.

Kaum zu glauben, eine Stadt reißt ihr „Märchenschloss“ ab, und niemand entert den Bagger und verhindert das Zerstörungswerk. Vor 50 Jahren, am 8. Juli 1968, begann der Abriss des Bad Segeberger Kurhauses. Statt dessen wurden dort Wohnturm und Kurhotel gebaut.

Und hier stand früher das alte Kurhaus: Peter Sauer stellt den übrig gebliebenen alten Stuhl aus dem damaligen Festsaal mitten auf die Straße Am Kurpark. Heute ist hier alles mit Klinikbauten umrahmt, im Blick der unansehnliche Bettenturm. Als Jugendlicher hatte Sauer zugeschaut, wie die Eisenkugel gegen die Wände knallte und der Bagger von Mauruschat das schöne Alte wegräumte.

„Solbadgründer“ und Visionär Heinrich Wickel war der Bauherr des Segeberger Kurhauses. Von der schlossartigen Erscheinung des weltberühmten Casinos Monte Carlo hatten er und seine Planer sich inspirieren lassen, heißt es in Band 4 der „Segeberger Blätter“ der beiden Stadthistoriker Hans-Werner Baurycza und Peter Zastrow. Tatsächlich war die Ähnlichkeit zum Prachtbau von Monte Carlo frappierend.

Heute würde nie jemand auf die Idee kommen, so etwas abzureißen, sagt Baurycza. „Welche Stadt hatte schon so ein Schloss?“ Das Haus habe „Charme, Charakter und ein tolles Ambiente“ gehabt. Baurycza erinnert sich: „Ich stand mit meinem Vater im Saal und sah das Kurhaus langsam sterben.“ Es sei vor dem Abriss regelrecht „ausgeschlachtet worden“. Die Leuchter wurden abmontiert, die Wascharmaturen versuchten Bürger zu retten. „Es war ein Jammer.“ Dazu kam der nächtliche Vandalismus, bevor die Bagger anrollten. Unbekannte zerschlugen Waschbecken, bevor sie noch in Segeberger Badezimmern Verwendung finden konnten.

Einige Verzweifelte wollten das Kurhaus erhalten. Doch es half nichts, der Beschluss stand fest. Hans-Werner Baurycza erinnert sich, dass Bad Segeberger um den Erhalt des Kurhauses gekämpft hatten, „aber der damalige Bürgermeister Kasch war der Meinung, dass man etwas Neues braucht“. So ein alter Bau lasse sich nicht erhalten, hieß es. Stadthistoriker Baurycza, der sich lange mit der Geschichte des „Bad“ Segeberg beschäftigt hat, geht das heute noch nahe. „Das war auch für mich ein Bild der Traurigkeit, ich habe das Kurhaus als Kind erlebt.“

Auch wenn der eigentliche Kurbetrieb damals schon nicht mehr lief, habe es dort Feste gegeben, wurde dort Kindervogelschießen gefeiert. Das Kurhaus war Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens, weit über Stadt und Kreis hinaus bekannt.

Auf vielen Ansichtskarten verewigt: Welcher Bad Segeberger fasst sich nicht verzweifelt an den Kopf, wenn er heute Bilder von dem „weißen Haus“ am See sieht. Peter Sauer hat noch ein Stück Stuckdecke und eben den besagten Stuhl aus dem Kurhaus. Er erinnerte sich, dass sein verstorbener Vater, Architekt Friedrich Sauer, von drei Investoren berichtet hatte, die sich für das Kurhaus interessierten.

Die Lufthansa wollte ein Schulungszentrum einrichten, andere Interessenten erwogen, dort ein Sanatorium zu bauen. Doch Rettungsversuche brachten nichts: Und dann sah der jugendliche Peter, wie die Wände krachend zusammenbrachen.

Letztlich waren es wirtschaftliche Gründe, das Haus abzureißen. Die Stadt hatte die Verhandlungen, Käufe und Verkäufe satt. Und als die Pläne des Hamburger Gastronoms Otto Friedrich Behnke gescheitert waren, das Kurhaus langfristig zu beleben, und die Erben nach dem Tod des Investors keine Nutzungsideen entwickelten, kaufte die Stadt es erst billig auf und verscherbelte die 50 000 Quadratmeter Kurgelände dann an den Hamburger Kaufmann Himpkamp mit der Verpflichtung (!), es abzureißen. Bis 1974 sollte hier ein Kurzentrum mit Hotel, Restaurant, Saal und Ladenzentrum entstehen.

Wie die Klötze nachher aussehen würden, schien der Stadt damals egal zu sein. Vor 50 Jahren begann für Bad Segeberg mit dem Abriss eine neue Zeitrechnung. Es hatte das „Bad“ im Namen eigentlich nicht mehr verdient.

LN-Serie

Bad Segebergs Stadtgeschichte ist über 80 Jahre eng mit dem 1968 abgerissenen Kurhaus verknüpft. In der sehenswerten Rathaus-Ausstellung „Streifzüge durch Segeberg“ von Hans-Werner Baurycza und Peter Zastrow geht es auch um das historische Kurhaus. Die Ausstellungszeit wurde bis Anfang August verlängert. In einer kleinen Serie widmen sich die Lübecker Nachrichten in loser Folge dieser für Bad Segeberg wichtigen Phase mit dem alten Kurhaus.

Wolfgang Glombik

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