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Wie in einer anderen Zeit: In der Werkstatt des Brillenmachers

Henstedt-Ulzburg Wie in einer anderen Zeit: In der Werkstatt des Brillenmachers

Jörn Dackow verarbeitet alle möglichen und unmöglichen Materialien zu kunstvollen Sehhilfen.

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Jörn Dackow in seiner Brillenwerkstatt, die stark an ein Gemälde von Carl Spitzweg erinnert. Das Inventar ist aber nicht nur Dekoration. Der 49-Jährige benutzt die antik anmutenden Werkzeuge tatsächlich – oder er fertig Brillen daraus. Je nachdem.

Quelle: Fotos: Silvie Domann

Henstedt-Ulzburg. Die Werkstatt von Jörn Dackow erinnert an eine Mischung aus Gemälden von Carl Spitzweg. Betritt der Kunde den Raum, fühlt er sich in eine Fantasiewelt in Sepia versetzt. Der Brillenmacher verschmilzt mit seiner Werkstatt. Verschnörkeltes Mobiliar überall: Tische, Truhen, Koffer, Schränke, altes und modernes Handwerkszeug, Schleifgerät, Poliermaschine und Stereomikroskop mit einer Mini-Schweißanlage. Alte Apotheker-Flaschen mit Aufschriften wie Hasenleim, Soda und Ethanol. Hörner von Rindern, Ziegen und Schafen, eine halbe Elchschaufel, exotische Nüsse, sogar ein Backenzahn von einem Mammut sind dekorativ in der Werkstatt verteilt. Doch die Materialien sind keine reine Dekoration, Jörn Dackow fertigt daraus Brillen.

LN-Bild

Jörn Dackow verarbeitet alle möglichen und unmöglichen Materialien zu kunstvollen Sehhilfen.

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Offene Tür im Oktober

Weitere Informationen zu dem Brillenmacher im Internet unter www.manufakturbrille.de oder unter der Telefonnummer 01 72/959 2718. Außerdem macht die „Manufakturbrille“ als Schauwerkstatt bei den Segeberger Kulturtagen mit. Jörn Dackow weiht seine Besucher vom 3. bis 7. Oktober in die handwerkliche Kunst des Brillenmachens ein. sd

Der 49-Jährige hat Augenoptiker gelernt, arbeitet seit fünf Jahren als Brillenmacher. „Ich hatte einen guten Lehrmeister in Bremen. Er hat mir die Grundfertigkeiten der Brillenherstellung beigebracht.“ Viele Jahre war Dackow als Augenoptikermeister angestellt, leitete Filialen in Potsdam und Norderstedt, zum Schluss war er bei einem Juwelier in Lübeck beschäftigt. „Ich hatte den Beruf gewählt, weil ich handwerklich arbeiten wollte, doch das ist im Laufe der Jahre immer weniger geworden“, erzählt der Vater zweier Kinder. Unausgeglichen sei er abends in den Keller gegangen und habe angefangen, eigene Brillen zu bauen: zehn Stück. „Dann stand fest: Das will ich beruflich machen“. Er besuchte Goldschmiedekurse, las zahlreiche Fachbücher.

Um noch mehr Praxis zu bekommen, begab er sich auf eine kleine Walz. Sechs Wochen lang war Dackow unterwegs, besuchte andere Glasmacher und schaute ihnen über die Schulter. Bis nach Venedig reiste er, denn die Lagunenstadt ist die Wiege der Brillenmacherei, so Dackow. In der Nähe von Venedig seien die ältesten Darstellungen von Brillen zu sehen.

Venedig war für seine Glaskunst berühmt, anfangs wurde Glas nur für die Reliquienherstellung genutzt. Die Rezeptur war streng geheim, sodass die Glasproduktion auf die vorgelagerte Insel Murano verlegt wurde, Glasmacher durften die Insel nicht verlassen. Durch Zufall fand man heraus, dass Glas vergrößern kann. Um solche Glasstücke besser handhaben zu können, wurden sie mit einem biegsamen Zweig Buchsbaum versehen. „Das erste Einglas war erfunden“, sagt Dackow und zeigt auf einen knorrigen Ast. Dort hat er die Entwicklungsgeschichte der Brille, angefangen mit dem Einglas um 1250, dargestellt.

Die Walz war der Schnitt als Filialleiter, danach machte sich Dackow selbstständig und eröffnete die „MANUFAKTURbrille“. „Mein Start wurde medial begleitet. Es ging um die schönsten Manufakturen in Deutschland.“ Dackows Brillen sind Unikate. Alles, was technisch machbar ist, kann der Brillenmacher umsetzen. Da sind zum einen die edlen Naturmaterialien wie Holz, Naturhorn, Leder, Stein, Perlmutt, Meteorit und vieles mehr, aus denen Kunden auswählen können. Doch sie können auch eigene Werkstoffe mitbringen. Antike Zuckerzangen, Silberschmuck und alte Zollstöcke hat Dackow bereits zu Brillen verarbeitet. „Ich mag Materialien, die Geschichten erzählen“. Doch auch das Brillenglas bearbeitet er auf Wunsch: Gitarren, Herzen oder Blattformationen schleift er aus Glas. Und wer sein Hobby bei sich tragen möchte, kann das tun. Eine kleine Vespa, Pferde aus Perlmutt, Symbole von Kelten oder Wikingern zieren Brillenbügel.

Dackow misst bei seinen Kunden Kopf und Nasenwinkel, auch die Augen werden mit antik anmutenden Instrumenten geprüft. Dann erfolgen das Aussuchen der Materialien und die Brillenform. Wenn die Fassung fertig ist, gibt es die „Zwischenshow“, so nennt Dackow das zweite Treffen. Die Maße werden geprüft, ein zweites Mal werden die Augen vermessen und die Gläser bestellt. Dackow dokumentiert jeden Arbeitsschritt per Foto: zeichnen, sägen, feilen, löten, biegen, bohren, nieten, polieren, putzen und ins Etui packen. Daraus macht er ein Fotobuch, 26 Seiten lang, das bekommt der Kunde mit seiner Brille ausgehändigt. Außerdem gibt Dackow fünf Jahre Garantie auf seine Manufakturbrillen. Knapp 300 Euro kostet eine randlose Brille, Spezialitäten sind für 800 bis 900 Euro zu haben.

„Es war die richtige Entscheidung“, sagt Dackow. Handwerkliches Arbeiten und Kreativität, das mache ihn glücklich. „Abends weiß ich, was ich gemacht habe. Das Foto ist meine Beute.“ Schön sei auch die gesparte Zeit. Vorher musste er täglich nach Lübeck pendeln. Jetzt ist er mit dem Rad in fünf Minuten zu Hause, fährt zum Mittagessen zu seiner Familie. Und dann ist da noch das gute Gefühl, den begeisterten Kunden zu sehen, wenn er seine einzigartige Brille bewundert. Außerdem sei es interessant, was die Kunden sich wünschen, es sei immer etwas Neues. Auch für Experimente ist er zu haben.

So arbeitet Dackow gerade mit Eischalen, Federn und Blattrispen. Intarsien sollen daraus werden.

Silvie Domann

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