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Segeberg „Wir krochen manchmal auf dem Zahnfleisch“
Lokales Segeberg „Wir krochen manchmal auf dem Zahnfleisch“
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14:42 05.06.2016
Elfriede Mohr (86) lebt trotz Demenzerkrankung in ihere eigenen Wohnung, ein ganzes Netzwerk, das ihre Kinder Karin, Klaus und Heike (v. l.) um sie geflochten haben, hilft ihr dabei und macht es möglich. Quelle: Heike Hiltrop

„Ich musste mich daran gewöhnen, aber ach, es ist schon schön in der Tagespflege, wir tanzen und lachen viel“, sagt Elfriede Mohr, zupft am cremefarbenen Pullover und rutscht ein bisschen tiefer in die Kissen ihrer Couch. Die Seniorin ist 86 Jahre alt, an Demenz erkrankt. Ihre Wohnung hat sie dennoch. „Ich möchte nicht weg!“ Der Nachdruck in ihrer Stimme mischt sich mit der aufflackernden Sorge es könne sich mal ändern.

Trotz Demenz kann Elfriede Mohr aus Itzstedt in den eigenen vier Wänden leben – dank ihrer Kinder.

Die Serie

Wie wollen wir wohnen, wenn wir einmal älter geworden sind? WG, ein Zimmer bei den Kindern, Servicewohnen, Seniorenheim? Die LN haben sich verschiedene Modelle im Kreis Segeberg angesehen.

Die gesamte Serie können Sie auch im Internet unter www.ln-online.de nachlesen.

Hinter Elfriede Mohr an der Wand hängen Familienbilder. Blumen stehen darunter und draußen vor dem Stubenfenster gibt es immer etwa zu gucken. Die Seniorin schaut sich um: „Meine eigenen vier Wände sind mir wichtig.“ Dass der Weg dahin ein steiniger war: vergessen. Nach dem Tod ihres Mannes vor drei Jahren fiel den Kindern auf, dass sie wichtige Sachen einfach vergaß. „Ich habe ihre Tabletten zusammengestellt und sie nahm einmal die Rationen für morgens, mittags und abends auf einmal.“ Tochter Heike, eine Arzthelferin, erinnert sich mit Schrecken. Eines kam zum anderen. Die Senioren lehnte alles ab: Altenkaffee, Spielenachmittag im Seniorenkreis. Nach einer Familien-Krisensitzung stand fest, dass „Mutti in die Tagspflege geht“.

Dinge wie Griffe neben der Treppenstufe zum Bad anbringen oder die Anschaffung eines Rollators waren einfach. Schwieriger wogen dagegen die ständigen Anrufe der Mutter rund um die Uhr und die wachsende seelische Belastung, so die Kinder. Es hagelte schwere Vorwürfe der alten Dame, erinnern sich die Geschwister mit Grausen. „Es gab Tage, da krochen wir alle auf dem Zahnfleisch. Die ständigen Vorhaltungen haben einen regelrecht zermürbt. Es gab viele Tränen. Zum Glück haben wir immer über alles gesprochen“, machen die Töchter Heike und Karin deutlich, dass die Situation ohne den Familienzusammenhalt nicht zu schaffen gewesen wäre. „Wir sind an unsere Grenzen gekommen.“

Auch als für die Mutter die Pflegestufe I (zuvor hatte sie Null) beantragt wurde. Ein Kampf, der sich über Monate hingezogen habe und fast vor dem Sozialgericht gelandet wäre. „So etwas macht einen fertig.“ Doch mehrere Widersprüche und eine zweiten Prüfung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen später gab es sie 2015 doch.

„Alleine schafft das niemand“, ist sich die Familie sicher. „Man darf sich nicht unterkriegen lassen.“ Jeder sollte sich unbedingt Hilfe holen, wenn er sie in der Familie nicht findet. Nun mit der Pflegestufe reicht das Geld, um Elfriede Mohr drei Mal wöchentlich in der Tagespflege zu betreuen. Eine enorme Entlastung für die Kinder. Den Rest der Woche managen sie selbst. Tochter Heike ist die Betreuerin ihrer Mutter, Karin hält alles sauber, Klaus packt mit an. Essen kommt auf Rädern, der Herd hat eine Zeitschaltuhr und Elfriede Mohr, die schwärmt Fremden gegenüber geradezu von der Tagespflege.

Tagespflegeplätze im Kreis

919 Plätze haben die 6 Tagespflege- und 24 Eingliederungseinrichtungen (für Behinderte) im Kreis. Die Beratung im Pflegestützpunkt ist kostenlos. Zentren gibt es in Bad Segeberg, Bornhöved, Kaltenkirchen, Bad Bramstedt, Norderstedt. Infos im Netz unter www.pflegestuetzpunkt-se.de.

Die Koordinierungsstelle für innovative Wohn- und Pflegekonzepte im Alter bietet neutrale Beratung zur Förderung besonderer Wohn-Pflegeformen im Alter. Mehr unter www.kiwa-sh.de.

Hilfsmittel im Wohnumfeld

In und um Bornhöved gibt es die ehrenamtlichen Rinkieker. Kümmerer, die bei älteren Menschen vorbeischauen (sie suchen immer Verstärkung). Neben dem menschlichen, gibt es aber auch Kataloge voller mechanischer Hilfsmittel, um im Alltag klarzukommen. Kleine aber auch große Dinge, die das Wohnumfeld barrierefreier und sicherer machen. Etwa elektrisch verstellbare Einlegerahmen als Alternativen zum Pflegebett, Griffe oder Erhöhungen für das WC.

„Sicherlich kann man nicht jede Wohnung ohne großen Umbau 100 Prozent barrierefrei hinbekommen, aber weit über die Hälfte ganz bestimmt“, ist Martina Sämann sicher. So gibt es unter Umständen einen Badewannenlift auf Rezept vom Hausarzt, ohne dass dafür sein Budget angegriffen wird. Der Arzt sei auch für andere Hilfs- und Heilmittel der richtige Anprechpartner, so Sämann. Anderes wird auf Antrag von der Pflegekasse bezahlt. Etwa ein Treppenlift oder einfache Dinge, wie das Tiefersetzen des Briefkastens, um im Rolli besser erreichen zu können. Die 52-Jährige ist Geschäftsführerin eines Sanitätshauses und kennt sich bestens in der Materie aus. Anders als viele ihrer Kunden oder deren Angehörige. Etwa beim Badumbau: Ab der Pflegestufe I gebe es von der Pflegekasse bis zu 4000 Euro pro Pflegefall in der Familie dazu, bei Paaren 8000 Euro und in einer Wohngemeinschaft bis zu 16 000 Euro. hil

 Heike Hiltrop

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