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Wo Schüsse in den Himmel wachsen

Bimöhlen Wo Schüsse in den Himmel wachsen

Im Kreis Segeberg montieren jetzt Höhenkletterer die Strommasten. In der „Mittelachse“ stehen schon 42 der 183 Stahlriesen. Die bestehende 220 kV-Leitung wird durch eine 380 kV-Leitung ersetzt.

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Im Kreis Segeberg montieren jetzt Höhenkletterer die Strommasten.

Quelle: Christian Spreer

Bimöhlen. Um ihren Job beneidet man sie nicht: Es ist saukalt und nass. Der Boden ist matschig und rutschig. Die schweren Fahrzeuge graben sich in den Modder ein. Eisenplatten werden als Unterlage verlegt. Die Männer werden nass und dreckig, die Vorbereitungen für ihren eigentlichen Job dauern bei so einem Wetter — morgens hat‘s auch noch geschneit — viel zu lange. Ob sie heute den Hochspannungsmast fertig montiert kriegen, ist offen. Wenn, dann nur mit Überstunden. Und wenn es für die jungen Männer richtig losgeht, wird‘s auch richtig gefährlich. Sie klettern auf Hochspannungsmasten herum, verbinden die einzelnen Elemente — hergestellt in Spanien —, die sie zuvor mit ihren Kollegen am Boden zusammengeschraubt haben.

Sie arbeiten in Bimöhlen auf einer Weide. Mast Nummer 120 soll hier in die Höhe wachsen — über 60 Meter. Die einzelnen Elemente („Schüsse“ genannt) liegen bereit. Der erste Schuss steht schon, seine vier Eckstiele sind vor etwa drei Wochen in den Boden gerammt und einbetoniert worden. „Je nach Untergrund müssen Eckstiele bis zu 60 Meter in den Untergrund gepresst und mit Beton fixiert werden“, berichtet John Karl Herrmann, der bei Tennet für die Bürgerinformation zuständig ist. Die Firma Tennet ist der Bauherr (siehe Info-Text).

Die bestehende 220 kV-Leitung müsse durch eine 380 kV-Leitung ersetzt werden, sagt Herrmann, „um den Windstrom aus Schleswig-Holstein und Dänemark nach Süden abtransportieren zu können“. Hier bekommt die Energiewende ein Gesicht. Hier geht es um den Abschnitt zwischen Audorf (bei Rendsburg) und Norderstedt, hier werde eine Spannungsebene geschaffen, „die eine etwa achtmal so große Übertragungskapazität hat wie die alte aus den 60-er Jahren“, sagt Herrmann. Etwa alle 400 Meter soll ein Mast stehen. Diese Leitung, die Mitteltrasse (es gibt noch die in der Planung befindliche Ostküsten- und die teilweise fertige Westküstenleitung), „bildet das Energierückgrat Schleswig-Holsteins“, sagt Herrmann. 183 Masten werden hier aufgestellt. Dieser hier, das Modell „Donau“, hat eine Grundfläche von zehn mal zehn Metern. Gleich werden die vier jungen Männer, die am Boden drei Kollegen haben, ihn besteigen.

Sie alle kommen aus Ostdeutschland, Wochenendheimfahrer. „Wir beschäftigen auch ein portugiesisches Kletterteam“, sagt der stellvertretende Tennet-Bauleiter Jens Stauga. Irgendwie kurios: Portugiesen verbauen spanischen Stahl in Deutschland. „Wir finden keine ausgebildeten deutschen Kletterexperten“, so Staugas Begründung. Der Vorarbeiter der Männer, Dirk Schöne, meldet sich beim Hinweis auf den spanischen Stahl zu Wort: „Wissen Sie, was das Schwerste an diesem Projekt ist? Das Wetter und dass das Eisen nicht aus Deutschland kommt.“ Immer wieder kämen falsche Teile, die zu Improvisation zwingen. Oder man müsse Teile von anderen Baustellen holen. Doch damit werde man fertig. Dann muss man eben mal von Baustelle zu Baustelle „hüpfen“, bis alle richtigen Teile eingetroffen sind. Aber:

„Das Schlimmste ist das Warten — da friert man sich den A . . . ab.“

Jetzt geht es los: Der Kranführer, der seinen Ausleger locker 75 Meter ausfahren kann, hat die Standfestigkeit des Gefährts sichergestellt. Er hebt den zweiten Schuss langsam an. Die vier Männer klettern den ersten Schuss hoch. Zuvor haben sie ihre Sicherheitsausrüstung und einiges Werkzeug am Mann verstaut — allein das wiegt an die 20 Kilo. Die haben sie die nächsten Stunden hoch oben am Leib. Ihre Blase sollte jetzt leer sein . . .

Langsam senkt sich der zweite Schuss auf den ersten zu. Die vier ganz oben hockenden Männer, die natürlich angeseilt sind, greifen danach und versuchen, die Maststiele in die Schlitze der roten Verbindungseisen zu bugsieren. Das ist die schwierigste Aufgabe, weil es hier um Millimeter geht und alle Vier im Gleichklang arbeiten müssen. Wind wäre jetzt ganz schlecht. „Sitzt“ das zweite Element auf dem ersten, wird es rasch mit Bolzen fixiert und mit Muttern gesichert. „Pro Mast brauchen wir rund 5000 Schrauben“, sagt Stauga. Wenn welche runterfallen und jemanden treffen, „dann gute Nacht, Marie“, sagt einer. Pro Schuss braucht die Kolonne etwa eineinhalb Stunden — wenn alles funktioniert.

Damit die vier Männer hoch oben — so ein Turm kann an die 70 Meter hoch sein — nicht zu viel tragen müssen, hängt an jedem folgenden Element für jeden ein Stoffbeutel mit Werkzeug und Schrauben. Hier ist alles durchdacht, nichts darf schiefgehen. Ganz ausgefuchst ist das Sicherungssystem für die Männer. An jedem neuen Mastteil des Turmes hängen neue Sicherungsgurte, die nur noch in die Karabinerhaken eingeklinkt werden müssen.

Montags bis donnerstags arbeiten die Teams so lange wie möglich. Dann geht‘s ins Hotel, waschen, essen, schlafen. Freitags geht‘s nach Hause. Vorarbeiter Schöne wohnt in Greifswald. Nervt ihn dieser Rhythmus? „Ach was, ich mache das schon 30 Jahre.“

Von Christian Spreer

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