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Segeberg "Wo sollen wir klingeln"? Das Protokoll des Notrufes
Lokales Segeberg "Wo sollen wir klingeln"? Das Protokoll des Notrufes
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17:59 29.08.2013
Die junge Segebergerin wurde nur 18 Jahre alt. Evita R. stürzte nach einem Überfall auf Partygäste im Oktober des vergangenen Jahres vom Balkon im zehnten Stock eines Trappenkamper Hochhauses. Quelle: Foto: Privat

Sie hatte Todesangst, gleichzeitig wollte sie ihren Freunden in der Wohnung helfen, als diese vor ihren Augen von zwei Eindringlingen verprügelt und getreten wurden. Nach dem tödlichen Balkonsturz von Trappenkamp wurden gestern vor dem Jugendschöffengericht in Bad Segeberg die Urteile gesprochen. Die Täter Boris W. (19) und sein Onkel Tim K. (31, Namen geändert) kamen mit Bewährungsstrafen davon. Staatsanwalt Dr. Torsten Holleck hatte neben der gefährlichen Körperverletzung auch den Vorwurf der fahrlässige Tötung in seinem Schlussplädoyer aufrechterhalten. Doch hier entschied das Jugendschöffengericht anders. Die Richterin erkannte eine „eigenverantwortliche Selbstgefährdung“. des Opfers. Das Gericht sprach beide Angeklagte „nur“ wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung und Nötigung schuldig.

Für den Staatsanwalt hatte Evita R. das Bedürfnis gehabt sich zu schützen und ihren Freunden zu helfen. Sie sah vom Balkon die „massive Gewalt, der ihre Freunde ausgesetzt sind“. Alle wurden geschlagen, da sei ihre Todesangst nachvollziehbar gewesen. Vom Balkon aus alarmierte sie die Polizei und habe von der Beamtin eher das Signal bekommen, dass ihr nicht geholfen werde. Nach dem Verlesen des Notrufprotokolls herrschte Unverständnis bei allen Prozessbeteiligten. In so einer Situation müsse die Polizei überall im Haus klingeln, zur Not die Tür aufbrechen, sagte der Staatsanwalt. Evita R. wusste, dass die Klingel in der Wohnung ihres Freundes nicht funktionierte. In dieser subjektiven Zwangslage habe sie „keine andere Möglichkeit“ gesehen. Sie versuchte, sich vom Balkon im zehnten in den neunten Stock zu hangeln und stürzte ab. Erst am Morgen findet sie ein Nachbar tot auf dem Rasen.

Die Angeklagten haben, so der Staatsanwalt, „maßgeblich Angst und Schrecken für alle verbreitet“. „Ein Mädchen ist deshalb ums Leben gekommen.“ Die alarmierte Polizei war schließlich doch in der Wohnung eingetroffen. Die Situation sei „im Kern durch staatliches Fehlverhalten ausgelöst worden“, kommentierte Verteidiger Ralph Hübner in der Verhandlung. Er legte das zugunsten der Angeklagten aus, die das nicht vorhersehen konnten. Der Vertreter der Nebenklage erklärte: „Evita wurde in dem Telefongespräch mit der Polizei vermittelt, dass es zeitnahe Hilfe nicht geben wird.“ Deutlich wurde im Gerichtssaal, dass die beiden mehrfach vorbestraften Intensivtäter während sie auf die Opfer im Wohnzimmer einschlugen nicht ahnten, dass sich Evita auf dem Balkon versteckt hatte.

Nach dem Notruf bei der Polizei hatte Evita R. vom Balkon noch einen Freund angerufen und ihn mit der Idee konfrontiert, ein Stockwerk tiefer zu klettern. Er riet ihr davon dringend ab, sie solle sich besser auf dem Balkon verstecken. Sie sei voller Angst gewesen, das ihr die Männer etwas antun, erklärte der 21-Jährige vor Gericht. „Ich kenne sie seit drei Jahren, so hatte ich sie noch nie erlebt.“ Evita galt nach seinen Worten als „taff“, als junge, sozialengagierte Frau, die ihre Meinung gut und selbstbewusst vertreten konnte.

Ihr Onkel kritisierte gegenüber den LN, dass die Beamtin „nicht beruhigend auf Evita eingewirkt“ habe. Er hatte zudem mit einer Gefängnisstrafe für den Haupttäter gerechnet. Verwandte und Freunde der Toten verließen während der Urteilsbegründung bedrückt und unter Türenschlagen den Gerichtssaal.

Das Notruf-Protokoll der Todesnacht: „Wollen Sie die Polizei nun haben, oder nicht?
Evita: Hallo hier spricht Evita R. Hier sind gerade zwei Leute gekommen und prügeln sich. Bitte kommen Sie sehr, sehr schnell.
Beamtin der Polizeileitstelle: Trappenkamp ? Welche Straße?
Evita: Weiß ich nicht, das Hochhaus.
Beamtin: Ich war noch nie in Trappenkamp, gibt es da nur ein Hochhaus?
Evita: Ja, da gibt es nur eins. Bitte kommen Sie richtig, richtig schnell, es geht hier echt. . .
Beamtin: Zehnter Stock. Ihren Namen bitte noch mal.
Evita: Wie schnell können sie da sein?
Beamtin. Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich sitze in Elmshorn, ich weiß nicht, wann meine Kollegen da sind. Frau R. Lassen Sie meine Kollegen rein, wenn die bei ihnen klingeln?
Evita: Ja, weiß ich nicht. Am besten, sie kommen sofort und gehen einfach rein.
Beamtin: Frau R., es kann passieren, dass die Türen unten abgeschlossen sind und dann müssen meine Kollegen irgendwo klingeln können, damit sie reinkommen.
Evita: Ja, ich versuche es. Jetzt gibt es aber Ärger.
Beamtin: Sie sind bei ihm in der Wohnung und wie?
Evita: Ja bei einem Freund von mir.
Beamtin: Ja, dann fragen Sie Ihren Freund gefälligst, welche Straße das ist, das muss ich wissen.
Evita: Ich kann gerade nicht reingehen.
Beamtin: Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass meine Kollegen das Hochhaus in Trappenkamp kennen. Das kann ich Ihnen nicht versprechen.
Evita: Aber. . .
Beamtin: Und Sie müssen die Kollegen reinlassen, wenn die unten nicht ins Haus kommen, können die nicht in den zehnten Stock kommen. Das heißt, Sie müssen, wenn es klingelt, aufmachen.
Evita: Können die denn nicht woanders klingeln? Ich leg jetzt auf.
Beamtin: Nee Frau R., warten Sie nochmal. Wollen Sie die Polizei nun haben, oder nicht?
Evita: Ja, unbedingt!
Beamtin: Gut, das heißt, meine Kollegen klingeln in welcher Wohnung?
Evita: Hoffmann heißt der.
Beamtin: Hausmann? Gut, gehen Sie gefälligst an die Klingel ran.
Und wenn meine Kollegen Sie nicht
finden, rufe ich Sie noch mal an.
Und es prügeln sich zwei, richtig?
Evita: Ja, nein, mehrere, es sind zwei in die Wohnung reingekommen.
Beamtin: Gut, dann gucken wir mal. Bei Hausmann wird geklingelt. Okay. Und lassen Sie Ihr Handy
griffbereit, falls ich noch etwas
von Ihnen wissen möchte. Okay?
Tschüss.
Evita: Tschüss.

Wolfgang Glombik

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