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Segeberg Die Kleinbahn prägte ihre Kindheit
Lokales Segeberg Die Kleinbahn prägte ihre Kindheit
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18:48 22.01.2019
Ursula Sick hat die Kleinbahn als Kind erlebt. Sie fuhr über den jetzigen Parkplatz bei Kraft.  Quelle: Glombik
Bad Segeberg

  Vor Möbel Kraft gibt es nur Asphalt, stehen parkende Autos – wohin man blickt. Vor 60 Jahren muss das hier nach den Schilderungen von Ursula Sick eine blühende Landschaft gewesen sein. Mit weiten Wiesen und Weiden, die bis zur Trave reichten, mit einer Gärtnerei namens Bernstein und dem bäuerlichen Lohnunternehmen von Familie Cziesla, die nicht nur Kühe, sondern auch schnatternde Gänse und Enten hielten. Und mittenmang durch diese damals noch ländliche Gegend zuckelte die Segeberger Kleinbahn, die hier 50 Jahre lang bis 1961 mit ihren Schienenbussen verkehrte.

Bahnfahren war für viele Menschen Luxus

„Genau hier muss sie entlang gefahren sein!“, sagt Ursula Sick, Jahrgang 1952 und zeigt den damaligen Kleinbahn-Weg auf dem Parkplatz. Sie hat hier mit ihrer Schwester bei der Oma eine wunderbare Kindheit erlebt. Sie strahlt, wenn sie von der Bahn erzählt, die sie aber immer nur von außen im Vorbeifahren gesehen hat. Nie von innen. Denn Bahnfahren war in der Nachkriegszeit für viele Familien Luxus. „Kiel – das war für uns damals Ausland, weit, weit weg“, erzählt sie. Die heute stark befahrene Straße an der Trave war in ihrer Kindheit noch ein Feldweg. Und an der jetzigen Warenausgabe bei Möbel Kraft muss das Häuschen im Grünen ihrer Großmutter gestanden haben. Dort wuchs Ursula Sick auf. „Wir mussten immer die Bahnschienen queren.“

Eine Luftaufnahme von 1964: Die Bundesstraße ist schon in Bau, die Trasse der damals schon stillgelegten Kleinbahn ist noch gut zu erkennen. Am unteren Bildrand sieht man die Eisenbahnbrücke über der Hamburger Straße. Quelle: LN-ARCHIV

Da gab es kein Warnschild, erst recht keine Schranke. Die Schienen gehörten zu ihrem Leben. Wenn die Züge vielleicht vier bis sechs mal am Tag vorbeifuhren, gehörten sie zum Tagesablauf. „Es war für uns ein wundervoller Spielplatz. Die Bahn war für uns nie eine Gefahr“, erinnert sich Ursula Sick. Sie kann sich nicht erinnern, dass ihre Großmutter sie jemals gewarnt hätte, ja auf den herannahenden Zug aufzupassen oder die Schienen zu betreten. „Wir Kinder haben das Ohr auf die Schienen gelegt und gehorcht, ob die Bahn kommt. Wir hatten die schönste Kindheit überhaupt.“ Heutzutage wäre alles eingezäunt. „Der Zug zuckelte ja nur so lang, das hat niemand als störend empfunden.“ Mit der Bahn wuchsen die Kinder unbeschwert auf. „Wir sind von einer Schwelle zur nächsten gesprungen und balancierten auf den Schienen“, erinnert sie sich. Ihr Schulweg zur Heinrich-Rantzau-Schule führte über den Schienenweg bis zur Tegelkoppel. Die Ziegelstraße war schon seit 1954/55 ausgebaut. So war es damals: Wenn der Kochtopf kaputt war, wurde Klein-Uschi damit zum nahen Schmied geschickt. Das Baden im Ihlsee kostete 20 Pfennig, in der Badeanstalt am Großen Segeberger See betrug der Eintritt 10 Pfennig – Ursula Sick badete also im Segeberger See.

Kleinbahn musste der Bundesstraße weichen

Irgendwann wurde das Haus, in dem ihre Oma 40 Jahre gewohnt hatte, von Möbel Kraft aufgekauft und abgerissen. Das Möbelgeschäft expandierte, wurde zum Möbelriesen. Großmutter hat in mehreren Häusern von Kraft gewohnt. Immer, wenn eine Ausdehnung des Betriebs anstand, musste sie umziehen. Kraft sei sehr großzügig gewesen, habe sogar immer den Umzug bezahlt, erinnert sich Ursula Sick.   

Die Kleinbahn indes musste nicht der kraftstrotzenden Möbelfirma weichen, sondern dem Autoverkehr. Die Bundesstraße 404 wurde bei Bad Segeberg gebaut, die Kleinbahn 1961 eingestellt. Und es war nicht immer nur Eisenbahner-Romantik pur: Ein 93 Jahre alter Lokführer erinnerte sich 2011 in einem LN-Artikel – als die Kleinbahn 100 Jahre alt geworden wäre – an fünf tödliche Unfälle auf der Strecke und zahlreiche Unfälle an den vielen unbeschrankten Bahnübergängen, die er selbst noch miterlebt hatte.

Irgendwann muss auch die markante Eisenbahnbrücke über der Hamburger Straße abgebaut worden sein. „Als die Bahn verschwand, waren wir unglücklich“, erinnert sich Ursula Sick. Ihr Mann Reinhard erinnert noch an das nach dem Krieg eingerichtete Lager auf den Flächen links und rechts der Bahnstrecke Segeberg–Kiel. Dort war das Barleycorn-Lager, ein für in englische Gefangenschaft geratene deutsche Soldaten errichtet worden. Sein Vater habe damals in der Entlausungsstation des Lagers gearbeitet. Er selbst sei übrigens als Lehrling wenig mit der Kleinbahn aber vor allem mit dem Postbus von Mözen nach Bad Segeberg gefahren. Der Bus kam von Hamburg samt Anhänger und war, so berichtet Sick, tatsächlich mit einem Kachelofen ausgestattet. Sick: „Da musste der Schaffner nicht nur kassieren, sondern auch Briketts im Ofen nachschmeißen.“ – Aber das ist wieder eine andere schöne Geschichte vom Beförderungswesen in und um Bad Segeberg...

Wolfgang Glombik

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