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Segeberg Ziehms — das Gedächtnis der Kleingärtner
Lokales Segeberg Ziehms — das Gedächtnis der Kleingärtner
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18:21 19.03.2016

Von wegen Frühling. Es ist kalt. Vorwitzige Meisen picken auf dem kleinen Obstbaum. Gleich gegenüber steht die Gartenbank von Alfons Ziehms an seiner „Geräte“-Laube. Die ist nämlich nicht zum Entspannen, sondern zum Lagern von Harken, Hacken und Heckenschere. Ihm scheint die Kälte nichts auszumachen: Seit 40 Jahren ist der 75-Jährige im Kleingärtnerverein Bad Segeberg; fast der „Dienstälteste“. Dafür bekam er vom Vorsitzenden des Kreisverbandes jüngst auch eine Urkunde überreicht, auf die er stolz ist.

Engagierter Gartenfreund ist schon 40 Jahre im Bad Segeberger Verein — Kaninchenplage ist eingedämmt.

250 Quadratmeter Deutschland, reiner Nutzgarten mit zwei Apfelbäumen, Kirschbaum, einer Birne, Sträuchern und sogar einer Kiwi-Pflanze. Es ist sein Rückzugsgebiet, hier hat er seine Ruhe. Hier kommt nicht einmal seine Ehefrau vorbei. Dafür drangen in den vergangenen zwei Jahren jede Menge Karnickel und Rehe in die Seeland-Anlage mit über 100 Parzellen ein, fraßen alles kahl. Noch heute schützt Ziehms seine Erdbeeren mit dicken Drahtgittern. Die Kleingärtner an der Eutiner Straße waren wegen der Karnickel-Plage völlig frustriert. Doch die Stadt hatte ein Einsehen, die Vorsitzende Ilona Münter machte sich erfolgreich für einen Zuschuss stark. Um das gesamte Gelände wurde ein stabiler Zaun gebaut. Ein paar Tage mussten dann die Kleingärtner zu Hause bleiben, Jäger räumten auf. Die Kaninchen scheinen die Pächter jetzt im Griff zu haben. Seitdem gilt die Vorsitzende als Mutter der Kolonie, wurde einstimmig von den Laubenpiepern wiedergewählt.

Auch Alfons Ziehms ist ihr dankbar, lässt seinen Blick über sein bestelltes Feld schweifen. Die Parzelle hat er 1976 bezogen, er kennt hier jeden Regenwurm. Seine Beete müssen „schwarz“ sein zum Winter. Er kennt sich aus im Reglement der Satzung, schüttelt den Kopf über diesen oder jenen Gartenfreund, der nicht vorschriftsmäßig seine Rabatten pflegt. Etwa ein Drittel halte sich nicht an die Satzung, schätzt er. Aber er ist milde gestimmt. Schließlich brauche der Verein jedes pachtzahlende Mitglied.„Ich bin ein Mensch, der mit jedem auskommen kann.“

Der Kleingärtnerverein besteht schon seit 1922. „Noch ein paar Jährchen, dann feiern wir 100 Jahre.“ Ziehms ist nicht nur Kleingärtner, sondern auch so eine Art „Garten-Historiker“ von Bad Segeberg.

Er sammelt alles, kann sämtliche Vorsitzenden seit 1922 aufzählen. Ein Chronist. Zehn Jahre Schriftführer, früher Obmann in der Kolonie.

Erst 1946 sei die Anlage „Seeland“ angelegt worden. Vor und während dem Zweiten Weltkrieg waren die Kleingartenparzellen noch auf der nahen Rennkoppel. Ziehms: „Ich bin auf der Suche nach einer Landkarte, wo die Gärten noch eingezeichnet sind. Bis jetzt bin ich nicht fündig geworden.“ Früher dienten die Kriegsgärten zur Ernährung der Flüchtlinge. Heute legen Kleingärtner mehr Wert auf Muße und Rasenfläche. Nicht so Ziehms: Er hat zwei weitere Gärten: Eine Fläche gehört zu seinem Reihenhaus, 600 Quadratmeter beackert er noch in Wahlstedt am Haus seiner Tochter. „Die Kinder haben kein Interesse am Garten“, meint er bedauernd. So kann er allein Erinnerungen nachhängen: Der Königsberger war als Fünfjähriger mit Mutter und fünf Geschwistern 1945 über die Ostsee geflohen. „Ich habe durch ein Bullauge gesehen, wie in der Ferne die Wilhelm Gustloff unterging. Die Gepäckstücke schwammen im Wasser, das habe ich noch vor Augen.“

Ganz wichtig: Ziehms hat eine Herz für die Senioren. Damit sich die Kleingärtnerinnen auf dem langen Weg zu ihrer Parzelle ausruhen können, schnitt er in seine vor 40 Jahren selbstaufgezogenen Buchsbaumhecke an einer Stelle so viel Zweige weg, das dort ein Stuhl hineinpasst. Er streicht über seinen Buchsbaum. „Schön weich, alle beneiden mich darum“, sagt er und lächelt zufrieden.

18 Gärten sind noch frei

Lust auf Garten? Wenn ja, sollte man sich jetzt schnell entscheiden, wenn das eigene Gemüse in diesem Jahr angebaut und geerntet werden soll. Die Kolonie Seeland (Eutiner Straße) hat noch acht Gärten frei, teilt Vorsitzende und Obfrau Ilona Münter (Telefon 01 51/53 639769) mit. Die Kolonie Neue Heimat nahe der Schule am Burgfeld hat noch zehn Gärten zur Verfügung. Hier ist Obmann Steets (Telefon 01 76/20 01 20 99) Ansprechpartner. Eine Besichtigung der freien Gärten ist nach Terminabsprache möglich.

Der Kleingärtnerverein Bad Segeberg ist die Organisation der Kleingärtner in der Stadt. Dazu gehören vier Kolonien mit fast 300 Gärten. Es gibt unterschiedlich große Gärten zu pachten. Wichtig ist eine kleingärtnerische Nutzung: zur Erholung, zum Gemüseanbau, für Blumen, mit Obstbäumen und Kräuterbeeten. Mit mal mehr, mal weniger aufwändig gestalteten Lauben und Terrassen.

Die Kolonien sind tagsüber frei zugänglich und sollen auch als Naherholungsgebiet und von Spaziergängern genutzt werden. Viele Infos über Ansprechpartner gibt es auch in den Aushangkästen der Kolonien.

Von Wolfgang Glombik

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