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Segeberg Zwei „Engel“ für Familien mit Problemen
Lokales Segeberg Zwei „Engel“ für Familien mit Problemen
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12:12 27.12.2017
Bad Segeberg

Es muss 2012 gewesen sein, erinnert sich Caroline Grandner, die eigentlich anders heißt. Der älteste Sohn war 15 Jahre alt und wollte plötzlich ausziehen zur Familie seiner Freundin. „Deren Mutter verständigte das Jugendamt, weil er es nicht mehr zu Hause aushalten würde“, schildert Grandner. Es gab Spannungen zwischen den beiden. „Ich habe das damals aber nicht verstanden. Er durfte doch alles.“ Es war eine Zeit mit häufigen Streits. „Dafür reichte manchmal nur ein einziges Wort.“ Obwohl alle meinten, sich die größte Mühe zu geben. Anlass sei auch das aggressive und provozierende Verhalten des Teenagers gewesen – auch gegenüber des jüngeren Bruders. „Ich war hilflos“, sagt Caroline Grandner. Und manchmal sei ihr auch die Hand ausgerutscht. „Das war schändlich, aber es ist die Wahrheit.“

Das Spendenkonto

Empfänger:

Deutscher Kinderschutzbund Segeberg gGmbH Konto: Sparkasse Südholstein

DE42 2305 1030 0510 5092 68

Verwendungszweck:

Spendenaktion „Hilfe im Advent“

Die Namender Spender werden in den Lübecker Nachrichten veröffentlicht soweit bei der Überweisung der Spende nicht „anonym“ angegeben wird.

Über das Jugendamt wurde den Grandners eine Familienberatung angeboten. Und die Arbeit von Claudia Nolting und ihrem Kollegen Stefan Schilk vom Kinderschutzbund begann. „Ich nenne sie meine beiden Engel“, sagt Caroline Grandner heute. Sechs Monate lang, einmal die Woche besuchten die beiden die Segeberger Familie zu Hause. „Immer wenn die beiden da waren, hat man eine Entspannung gespürt. Als hätte man in einer vollen Badewanne den Stöpsel gezogen.“

In intensiven Gesprächen möglichst mit allen Familienmitgliedern analysierten die beiden mit den Grandners ihr Familiensystem. Gemeinsam werden Probleme besprochen und Ursachen für ein bestimmtes Verhaltensmuster ergründet. Alles möglichst wertfrei. „Wir gehen davon aus, dass es für jedes Verhalten einen guten Grund gibt“, erklärt Nolting. Und wenn es nur die Provokation von Emotionen bei der Mutter sind. Wenn ein Verhalten verstanden wird, könne damit besser umgegangen werden.

„Es geht viel um Bewusstmachung“, erklärt Caroline Grandner. In einem Gespräch meinten die Kinder plötzlich: „Du bist wie Omi.“ Dabei sei ihr gar nicht bewusst gewesen, dass sie Züge ihrer Mutter und ihres rigiden Erziehungsstils übernommen habe. „Herzlichkeit, das gab es bei uns nicht. Das habe ich nicht gelernt.“ Widerworte seien nicht erwünscht gewesen, man sei zum Ja-Sager erzogen worden. Die Auswirkung sei ihr erst bei einem kleinen Rollenspiel mit Claudia Nolting bewusst geworden. „Sie ist auf mich zugegangen, und ich sollte Stop sagen, wenn es mir zu dicht wird.“ Sie konnte diese Grenze nicht setzen. „Da wurde mir auch klar, das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben.“ Auch bei ihrem Sohn, der Grenzen einforderte, habe sie das nicht gekonnt.

Nachhaltig beeindruckt ist Grandner von der ruhigen Art von Familienberater Stefan Schilk. „Er war wie der Fels in der Brandung. Egal, wie hitzig die Diskussion wurde, er blieb ruhig.“ Auch das habe sie vorher nicht gekannt. „Wenn einer gebrannt hat, dann brannten alle. Claudia hat einmal gesagt, dass bei uns der Raum für die leisen Töne fehlt“, erinnert sich Grandner. Damit habe sie Recht gehabt.

Kommunikation ist das A und O. „Oft frage ich zu Beginn einer Beratung, wann die Familie das letzte Mal so beisammen gesessen hat“, schildert Nolting. Häufig stellen Familien dann fest, dass sie nie gemeinsam beisammen sitzen und reden. In der Familienberatung kommt alles auf den Tisch. Beziehungengeflechte, Gefühle, Wünsche. Die Familien setzen sich Ziele, die sie erreichen wollen, um das Zusammenleben zu verbessern. Frieden war ein großer Wunsch von Caroline Grandner.

Über Jahrzehnte eingeübtes Verhalten lässt sich nicht einfach ändern. Es ist auch harte Arbeit. Und nicht selten sind es kleine, aber konkrete Schritte, die sich Familien vornehmen. „Etwa, dass ein Bedrohungsgefühl nicht mehr entsteht“, nennt Schilk ein Beispiel. „Dann ist immer noch nicht alles golden, aber es ist ein Schritt.“

Sechs Monate lang arbeiteten Schilk und Nolting mit den Grandners. Am Ende konnte der Auszug des ältesten Sohnes abgewendet werden. Zwar hätte sie gerne weitergemacht, sagt Grandner. „Aber den Kindern hat es gereicht.“ Und die Familiensituation hatte sich auch verbessert, sagt sie. Sie konnte mehr Wärme zeigen, und auch der Große habe sich zurückgenommen. Drei Jahre später, als er dann volljährig wurde und wirklich das Haus verließ, traten erneut Konflikte auf. Grandner holte sich nochmal Rat bei Nolting und Schilk. Doch inzwischen kann sie sagen, dass alles gut ist und der Sohn ihr die Wertschätzung entgegenbringt, die sie sich lange gewünscht hat. „Früher habe ich es erwartet und mich gefragt, warum ich die Wertschätzung nicht bekomme, ich mach doch alles.“ Einen Anspruch aber habe sie darauf nicht – noch eine Erkenntnis aus der Familienberatung.

HILFE IM ADVENT

Mit der Aktion „Hilfe im Advent“ unterstützen Sie, liebe Leserinnen und Leser, diesmal den Kinderschutzbund Segeberg.

Unbekümmert spielen, toben, lernen - Werte, Respekt und Liebe erfahren. Das gehört zu einer unbeschwerten Kindheit. Vielen Kindern aber bleibt das verwehrt. Sie erleiden körperliche und seelische Gewalt, werden vernachlässigt, leben in Armut. Der Kinderschutzbund kümmert sich mit ganz unterschiedlichen Angeboten um diese jungen Menschen, aber auch um Eltern und Angehörige, die Hilfe benötigen. Und er leistet wertvolle Präventionsarbeit, die helfen soll, Kinder und Jugendliche vor schwierigen Lebenssituationen zu schützen. Dieses Engagement wollen die LN mit der Aktion „Hilfe im Advent“ fördern, da viele Projekte aus Spenden finanziert werden müssen. Der Kinderschutzbund im Kreis Segeberg benötigt die Spenden unter anderem für die „Young Carers“. Das Projekt richtet sich an Kinder und Jugendliche, die chronisch kranke oder beeinträchtigte Angehörige betreuen. Der Kinderschutzbund verschafft den jungen Menschen Angebote, bei denen sie wieder Kind sein dürfen.

Familienberatung im Krisenfall

120 bis 150 Familien haben die Familientherapeuten Claudia Nolting und Stefan Schilk in etwa in den vergangenen zehn Jahren in Krisensituationen beraten. So lange ist der 54-Jährige beim Kinderschutzbund beschäftigt. Nolting ist seit 13 Jahren dabei. Zu zweit bilden sie ein Co-Team und gehen im Auftrag des Jugendamtes in die Familien hinein.

Häufig würden die Familien selbst um Hilfe bitten. In wenigen Fällen habe es eine Anordnung zur Familienberatung gegeben Die möglichen Problemlagen sind vielfältig und sie treten in allen Schichten auf. Dabei geht es häufig um Erziehungs- und Partnerschaftskonflikte, um Folgen von Bindungsstörung, aber auch Kindeswohlgefährdung, aggressives Verhalten in der Familie oder die Vermeidung einer Fremdunterbringung der Kinder sind Anlass der Familienberatung. Dabei besuchen die Therapeuten die Familien in der Regel einmal die Woche. Eine Beratung dauert im Schnitt ein bis eineinhalb Jahre.

Informationen beim Deutschen Kinderschutzbund Segeberg gGmbH, Telefon: 04551/88888

 Nadine Materne

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