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Zweifel im WZV-Prozess: Auch Staatsanwältin plädiert für Freispruch

Norderstedt Zweifel im WZV-Prozess: Auch Staatsanwältin plädiert für Freispruch

Gericht vertagt das Urteil in diesem „komplexen Fall“ – Angeklagter soll über 30000 Euro veruntreut haben.

Norderstedt. Das hatte nicht mal der Verteidiger erwartet: Im Untreue-Verfahren gegen einen leitenden Angestellten des Wege-Zweckverbandes (WZV), der auf dem Recyclinghof Norderstedt über 30000 Euro aus der Registrierkasse ausgebucht und an sich genommen haben soll, plädierte gestern sogar die Staatsanwältin auf Freispruch. Ausschlaggebend war die unergiebige Nachbefragung des Hauptbelastungszeugen.

„Wegen der Komplexität des Falls haben wir großen Beratungsbedarf.“ Vorsitzender Richter Matthias Lohmann

Aus dem

Amts-

gericht

„Ein Beleg könnte gefälscht sein. Ohne die Belege bleibt nicht viel übrig.“ Staatsanwältin Kerstin Kuhlbrodt

„Es schien eine runde Sache zu sein“, so Staatsanwältin Kerstin Kuhlbrodt in ihrem Plädoyer vor dem Schöffengericht Norderstedt. Der Angeklagte war in aller Regel für die tägliche Kassenabrechnung zuständig: „Er zählte das Geld, machte den Tagesabschluss, er brachte das Geld zum WZV nach Bad Segeberg.“ Allein. Ohne Kontrolle. Den Ermittlungsbehörden lagen zahlreiche Kassenbelege vor, auf denen auffällige Stornobuchungen dokumentiert sind. 49 Mal, häufig über den selben Betrag: 650 Euro. „Insgesamt über 30000 Euro“, fasst Kuhlbrodt die Beweislage zusammen. Die ersten Belege will der Hauptbelastungszeuge zufällig im Papierkorb gefunden haben, dann habe er begonnen gezielt zu sammeln. Die Zeiten auf den Belegen passen zu den Angaben im Fahrtenbuch des Angeklagten. Außerdem stießen die Ermittler bei dem 40-Jährigen auf hohe Bareinzahlungen auf dessen Konto. Die Verteidigung erklärt diese mit einer privaten Katzenzucht. Kuhlbrodt glaubt das nicht, doch die erneute Befragung des Belastungszeugen gestern weckten ihre Zweifel.

Die Verteidigung hat in dem seit Mai andauernden Verfahren immer wieder die Theorie geäußert, dass die Stornobelege manipuliert worden seien. Anwalt Gerald Goecke sucht Lücken in der Beweiskette und findet den 22. August 2014. Ungewöhnlicherweise kam der Angeklagte an diesem Tag schon zwischen 15 und 16 Uhr nach Norderstedt – wie im Fahrtenbuch nachzuvollziehen ist. Für diesen Tag konnte der Belastungszeuge Zwischenberichte vorlegen, die kurz vor dem Eintreffen des Angeklagten und unmittelbar nach dessen Verlassen des Hofes den Kassenstand zeigen: Es fehlen 400 Euro.

Aber der Zeuge sagt jetzt, er habe keinerlei Erinnerung an diesen Tag. Obwohl er sonst nie zwei Berichte fertigte. Obwohl laut Beleg so offensichtlich Geld in der Kasse fehlte. Goecke fragt immer wieder nach. Doch der Zeuge wiederholt nur: „Ich weiß es nicht mehr.“ Vor allem kann sich der Zeuge nicht an den ungewöhnlichen Zeitbericht aus der Kasse erinnern, der die Umsätze und Buchungen des Tages dokumentiert – auch die belastenden Stornos. Ein Bericht von der Art, die er damals seit Wochen aus dem Papierkorb klaubt, vermeintlich zurückgelassen vom Angeklagten. Die er sammelt und schließlich der Polizei übergibt. Auch vom 22. August 2014. Doch diesen Bericht kann er nicht aus dem Papierkorb geholt haben. An diesem Tag war der Zeuge selbst und ein junger Kollege mit dem Kassenabschluss betraut. „Ich weiß gar nicht, wie man diesen Bericht ausdruckt“, betont der Zeuge. Auch der Kollege, der den Bericht unterschrieben hatte, konnte das in einer früheren Befragung nicht erklären.

„Die Belege sind die zentralen Beweismittel“, so Kuhlbrodt. Es bestehe die Möglichkeit, dass dieser eine Beleg möglicherweise doch gefälscht sei. „Wenn einer gefälscht ist, könnten es auch die anderen sein.“ Zwar glaube sie dem Zeugen, doch im Zweifel sei das Recht auf Seiten des Angeklagten. „Ohne die Belege bleibt nicht viel übrig.“ Worauf die Staatsanwältin den Freispruch beantragt.

Erleichtert pustet der Angeklagte tief durch. Vorzeitig freuen solle er sich nicht, mahnt sein Anwalt. „Das Gericht entscheidet.“ Doch auch Goecke hat diese Entwicklung offensichtlich nicht erwartet.

Unter anderem drei Seiten mit Unstimmigkeiten in der Belegsammlung habe er ausgearbeitet. Auf deren Aufzählung er angesichts des Antrags der Staatsanwaltschaft verzichtet. Goecke betont nochmal, dass er dem Belastungszeugen nicht glaube, insbesondere nicht dessen Erinnerungslücken. Er beantragt ebenfalls Freispruch.

Für das Schöffengericht scheint die Lage nicht so klar zu sein. Nach einer einstündigen Beratung verkündet Richter Matthias Lohmann, dass das Gericht angesichts der Komplexität des Falls an diesem Tag kein Urteil fällt. Es soll erst am 27. Oktober verkündet werden.

Nadine Materne

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