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Stormarn 150 Jahre Gerichtsbarkeit in Stormarn
Lokales Stormarn 150 Jahre Gerichtsbarkeit in Stormarn
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22:25 27.09.2017
Hier begann die Gerichtsbarkeit in Ahrensburg. Schon damals wurden zwei Beisitzer zu den Prozessen dazu geholt.
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Ahrensburg

Einziger Richter war damals Oberamtsrichter Waldemar Rist. Mittlerweile arbeiten 15 Richter in Ahrensburg. Aus Anlass des 150. Bestehens der Stormarner Gerichtsbarkeit hat der heutige Direktor des Amtsgerichts Ahrensburg, Michael Burmeister, die Fakten nach der Chronik von Ernst Ziese zusammen getragen.

Nach der preußischen Gerichtsreform 1867 wurde das Königliche Amtsgericht Ahrensburg, wie es damals hieß, in einem alten Gebäude der Familie Schimmelmann eingerichtet. Seitdem sind 150 Jahre vergangen. Heute wird in Kiel mit einem Festakt an die Zeit erinnert.

„1867 gab es 86 Amtsgerichte im Land“, berichtet Burmeister. Da die Bevölkerungszahl viel geringer war als heute, war in den meisten Fällen lediglich ein Richter für seinen Bereich zuständig. Der kümmerte sich um die Region Ahrensburg, und die kümmerte sich um ihre Richter. „Weil das Gerichtsgebäude sehr baufällig war, haben sich die Ahrensburger schließlich zusammengetan und für ihr Gericht eingesetzt“, so Burmeister. „Der Oberlandesgerichtspräsident kam daraufhin nach Ahrensburg, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Bei dem Besuch ist seine Frau in einem Plumpsklo eingebrochen.“

Daraufhin wurden sehr schnell die Mittel für einen Neubau genehmigt. 1905 entstand er in der Königstraße, wo auch heute noch das Amtsgericht steht.

Aus den Jahren bis 1980 sind kaum Materialien über das Amtsgericht vorhanden. Sie wurden ein Opfer der Flammen, als das Gerichtsgebäude 1980 durch Brandstiftung zerstört wurde. Zwei Männer, die eine Akte hatten stehlen wollen, hatten das Haus mit flüssigem Bohnerwachs angesteckt, nachdem sie die Akte nicht finden konnten. Sie wurden gefasst und verurteilt. „Ein Teil der Akten konnte rekonstruiert werden“, so Burmeister. Für das Gericht wurde ein neues Gebäude an der alten Stelle gebaut, in dem bis heute das Amtsgericht untergebracht ist. Das ist mit den Jahren stetig gewachsen.

1937 kamen durch das Groß-Hamburg-Gesetzt Großhansdorf und Schmalenbeck im Austausch gegen die Walddörfer dazu. 1970 wurde das Amtsgericht in Bargteheide aufgelöst, 1995 das in Trittau und 2009 das Amtsgericht in Bad Oldesloe. Mit Reinbek und Ahrensburg gibt es heute noch zwei Amtsgerichte im Kreis, von denen Ahrensburg, das für 220.000 Menschen zuständig ist, das größere ist. Von 86 Amtsgerichten sank die Zahl auf 22 im Land.

„Hier arbeiten 15 Richter, 18 Rechtspfleger und 100 Mitarbeiter“, erläutert Burmeister. „Zuständig ist das Gericht beim Strafrecht für alles bis zu vier Jahren Haft, für Zivilverfahren bis 5000 Euro, für Familiensachen und für Grundbuchfragen.“ Über 16000 Fälle beschäftigen im Jahr die Ahrensburger Justiz, darunter auch einige spektakuläre, bei denen die Gerichtssäle voll sind. „2007 war eine Boutique in Ahrensburg durch Brandstiftung zerstört worden“, erinnert sich Burmeister. Der Ärztepfusch 2011, der den Kachelmann-Anwalt Johann Schwenn nach Ahrensburg brachte, oder die Brandstiftungsfälle aus der Jugendfeuerwehr lockten ebenfalls viele Zuschauer an.

Mit den Jahren hat sich die Komplexität des Rechts geändert, so Burmeister: „Das Anforderungsprofil an Juristen ist gestiegen.“ Soziale Kompetenz und Spezialkenntnisse seien im Beruf wichtig.

„Streitschlichtung ist in Ahrensburg ein Schwerpunkt-Thema“, betont der Richter, „bei uns wird Mediation angeboten, die von einem Richter moderiert wird.“ Das führe in 80 Prozent der Fälle zum Erfolg. „Die Lösung ist manchmal besser als ein Urteil, weil die Akzeptanz höher ist.“ Das Gericht wolle sich offen und bürgerfreundlich zeigen, auch wenn die Sicherheitskontrollen am Eingang erst einmal abschreckend wirken. „Ich trage auch die Verantwortung für die Mitarbeiter“, sagt Burmeister, „bei der Kontrolle werden immer wieder Messer und andere Dinge gefunden.“

Ziel für die Zukunft ist die Digitalisierung. „Nach genau 150 Jahren startet im September der elektrische Rechtsverkehr mit den Anwälten. Seit 2014 haben wir die elektronische Akte im Grundbuchbereich.“ Dabei werden Texte über eine Spracherkennungssoftware direkt auf den Bildschirm diktiert, Papierakten wird es bald nicht mehr geben. In Ahrensburg bietet das Amtsgericht heute eine „dynamisch-offene, neugierige Justiz, die den Dingen auf den Grund geht“ – so hat die Künstlerin Doris Waschk-Balz ihre Version der Justitia vor der Tür beschrieben, die statt der Waage ein Lot in der Hand hält.

 Von Bettina Albrod

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